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© der Collage by Gernot W. Freudenberger

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Mein Interview mit Egon Koch zum Thema
"Jim Morrison, the DOORS, meine Liebe zu der Band"
für SWR 2"

Die Zahlen bedeuten die Zeit des Interviews.

EK: Egon Koch
GWF: Gernot W. Freudenberger
(…): Pausen

+++++ +++ +++++

Transkription Gernot W. Freudenberger
(Hattersheim, 29.9.2006)

0:00
E.K.
Selbstvorstellung.

0:21
G.W.F.
Gernot W. Freudenberger, ich bin 56 Jahre alt und habe eine Homepage über die Doors.
the-doors-world.com
Ich bin Frührentner nach zweimaligem Krebs seit 2003 und bin Doors Fan seit ca. 1968-69.

0:49
E.K.
Wie sind Sie auf die Doors gestoßen?

1:00
G.W.F.
Ich interessiere mich eigentlich schon immer für Musik. Damals war’s halt Freddy Quinn, der mich immer interessiert hat, und kam dann (…)
Ich war halt 1967, Ende 67 war ich auf der Seemannschule in Blankenese. War oft im Starclub gewesen, hab da einige Gruppen gesehen und hab mir dann angeeignet auch andere Musik zu hören, die modern war, die anderes war, die mich halt interessiert hat und wegging von dem deutschen Schlager etc. Darunter war Jimi Hendrix, die Doors, die Rolling Stones. (…)

1:53
E.K.

2:02
G.W.F.
(…)
2:22
Die Doors haben mich eigentlich interessiert wegen ihrer Schwere der Musik. Sie war anders als die Musik, die ich bisher gehört hab, sie war mystisch, dunkel, teilweise dreckig, teilweise geheimnisvoll. Mir hat halt..., das Orgelspiel war das, was mir bei den Doors zuerst aufgefallen ist, das war eigentlich Ray Manzarek mit seiner Orgel, weil er die Orgel eigenartig gespielt hat, er hat viele Musikrichtungen drin gehabt.

2:59
E.K.
Manzarek der Anknüpfungspunkt und nicht so sehr Jim Morrison mit seinen Texten?

3:07
G.W.F.
Stichpunkte auf einem Blatt Papier: Kindheit, DDR, Saarland, Hamburg, St. Pauli …

5:01
E.K.
Was für Menschen haben die Clubs auf St. Pauli besucht? Wie war die Atmosphäre?

5:38
G.W.F.
Ich kann mich nur noch an die Plüschstühle erinnern, also Sessel teilweise mit Plüsch oder Samt bezogen. (…) Ich hab noch nie so viele Langhaarige … auf engem Raum zusammen gesehen, ich hab mir dann auch die Haare wachsen lassen. Es war eine ganz, ganz andere Welt wie ich bisher gewohnt war. Weil vom Elternhaus her, es war eigentlich ziemlich militärisch, weil mein Vater war lange Zeit im Zweiten Weltkrieg, mein Großvater, väterlicherseits, war im Zweiten Weltkrieg. Und die Erziehung war halt sehr konservativ und ich war nach der Übersiedlung aus der DDR eigentlich schon immer etwas anders, oder ich hab mich anders gefühlt. (…) ich hatte nirgendwo 'ne richtige Heimat. Und in Hamburg hatte ich dann dieses Gefühl zum ersten Mal; weil, mir hatte dieses ganze Flair von St. Pauli (…) so unheimlich gefallen, so durch die ganzen Seeleute, die dort verkehrt sind, die ganzen Touristen, die Zuhälter, die Prostituierten, die Geschäftsleute und die ersten Dealer. Und es war eine ganz, ganz andere Welt. Es war wie 'ne Theateraufführung, wenn man selbst mit mitten auf der Bühne steht. Und der Starclub, das war für mich eigentlich.., obwohl ich noch ziemlich jung war, das war 'ne Heimat irgendwie. Ich hab' mich da unheimlich sauwohl gefühlt und ich war unheimlich gerne in dieser Umgebung gewesen. (…)

8:00
E.K.
Wie kam die Website über die Doors zu Stande?

8:13
G.W.F.
Die Website ist dadurch entstanden, dass ich nach meinem ersten Krebs – 1998 hatte ich Leberkrebs – und ich hatte immer eine Aversion gegen PC oder Computer überhaupt (…)
8:38
Und rein wegen der Ablenkung wegen der Krebsgeschichte hab ich mich dann doch irgendwann durchgerungen, mir einen Computer gekauft, habe sehr viele Schwierigkeiten gehabt, hab' mir alles selbst beigebracht, bis ich das Ding einigermaßen beherrscht habe. (…)
9:10
Es war eigentlich die Zeit, in der ich sehr intensiv wieder zu den Doors zurück gefunden hab', weil die Stimmung durch meinen Krebs, die Angst, dass er wieder kommt und alles, was damit zusammen hängt, hat eigentlich sehr viel mit der Musik der Doors zu tun gehabt, weil in der Musik der Doors spiegelt sich auch Tod, Leben, Glück, Freude, Liebe, irgendwie alles spielt da eine Rolle. Und Morrison war ein Interpret dessen, dass er das unheimlich gut in Szene setzen konnte. Er war für mich ein (…) wahnsinnig guter Lyriker, er hat unheimlich gut geschrieben, als Sänger fand ich ihn nie so bedeutend wie zum Beispiel Mick Jagger, er hatte nie diese Stimme gehabt oder Ausdrucksweise in der Stimme, obwohl er gerade durch seine Art, wie er interpretiert hat, einen Weg gefunden hat sich innerhalb der Band, mit den anderen drei Musikern, hätte die Band meines Erachtens keinen anderen (…) Sänger finden können. Und ich finde, dass er unheimlich gut dazu gepasst hat und dass die Gruppe als Band zusammen unheimlich gut harmonisiert hat.

10:29
E.K.
Existentielle Stimmung, die die Doors mit ihrer Musik vermittelt haben?

10:51
G.W.F.
Es war eine existentielle Stimmung für mich, würde ich sagen. Weil es hat zu meiner Stimmung gepasst, wie ich sie zu der Krebszeit erlebt habe.
(…)

11.10
E.K.
Wie haben Sie die Website aufgebaut?

11:42
G.W.F.
Es hat irgendwann mal angefangen, dass ich einfach eine Seite machen wollte – ich hab auch noch 'ne Jimi Hendrix Seite - , aber die Doors Seite jetzt speziell, das war einfach mal ein Hobby, weil, wie gesagt, ich habe die Band geliebt und ich wollte einfach einen Dank aussprechen an die Band. Und wollte neue Leute dazu animieren, sich die Doors anzuhören und sich mit den Doors zu beschäftigen. Am Anfang waren das zwo, drei Seiten mit ein paar Bilder und erst im Laufe der Jahre ist ja ein ziemlich großes Werk entstanden. Und ich habe eigentlich immer versucht, irgendwie etwas anderes zu schaffen als auf vielen anderen Doors Seiten zu sehen ist; weil es im Prinzip immer dieselben Bilder und dieselbe Schreibweise über die Band ist. Und ich hab' halt versucht Sachen auf meine Homepage zu bringen, wo die Doors zum Beispiel gespielt haben, hab' versucht … durch Internetrecherche Bilder zu finden von Auftrittsorten oder von großen Clubs oder Sälen oder von Arenen. Und habe Seiten geschaffen über Instrumente, mit denen die Doors gespielt haben, hab' 'ne Seite geschaffen über die Auftrittsorte, hab' 'ne Seite geschaffen über alle Bootlegs.
(…)

13:34
E.K.
Auch reale Aufenthaltsorte der Doors und Jim Morrison auf der Website, wie LA und Paris.

14:10
G.W.F.
Ich war in den letzten Jahren im deutschen Doors Kreis tätig, also die Doors Fangemeinde. Es hat mir dann aber irgendwann nicht mehr gefallen, weil es immer so Querelen gab. Unstimmigkeiten. Neid und so. Ich hab' aber ziemlich viele Leute kennen gelernt, wie den Jürgen Bamberg aus Hamburg, der eine Doors Seite gehabt hat. (…) Ich hab den Jan-Erik Hubele kennen gelernt, der ein Buch geschrieben hat über die Zeit, wo Jim Morrison in Paris gelebt hat und wo er überall war, mit sehr vielen Bildern und Berichten. Kai Wittkowski, der in Deutschland die größte DOORS Sammlung überhaupt sein eigen nennt. Ich habe Coverbands kennen gelernt und ich hab Musiker kennen gelernt, Leute kennen gelernt, die Mitglieder der Doors persönlich kennen gelernt haben, wie z.B. Darryl Read.
(…)

17:11
E.K.
Entstand durch die Website eine Art Forum der Doors Fans?

17:36
G.W.F.
(…)
17:45
Es sind im Prinzip immer dieselben zehn Leute, die da irgend'was ’reinschreiben und darauf antworten. Das ist in Amerika bei den Doors selbst oder auf der Seite von Ray Manzarek oder Robby Krieger ist das ganz, ganz anders, da sind Tausende von Leute, es sind auch Tausende von Leute, die da irgendwie was Neues bringen oder irgendwie Fragen haben. In Deutschland läuft das nicht, ich weiß nicht, woran das liegt.
(…)
18:28
Was ich festgestellt hab', dass meine Seite, das macht mich auch etwas stolz inzwischen, die meistbesuchteste und informativste Seite in Deutschland ist, wo eine Band vorgestellt wird. Dazu muss ich aber auch noch sagen, dass Oliver Stone mit seinem Film damals, „The Doors“, auch nochmals sehr für Nachwuchs gesorgt hat, dass jüngere Leute vor allen Dingen, wieder auf die Musik der Doors gekommen sind oder überhaupt sich für die Musik der Doors interessiert haben, was 'ne zeitlang ziemlich eingeschlafen war und grad durch den Film „The Doors“ vom Oliver Stone ist ein sehr, sehr großes Publikum, vor allen Dingen jüngere Leute, Teens oder Twens hat man früher gesagt, die dazu gekommen sind und sich für die Doors interessieren. Und das freut mich eigentlich unheimlich, wenn mir jemand 'ne E-Mail schickt und „Ich bin 15 Jahre und ich find das toll diese Homepage und ich find das toll, dass es die Doors gibt, hab ich früher eigentlich nie gehört und irgendwann bin ich halt auch über diesen Film „The Doors“ vom Oliver Stone auf die Band gekommen und hab mich damit beschäftigt und ich muss sagen, sie machen eine unheimlich gute Musik“. Und ich finde das einfach geil, dass nach vierzig Jahren immer noch Leute dazu kommen und die sich für diese Musik interessieren.
(…)
20:24
Es freut mich einfach, dass die Homepage (…), das ist 'ne sehr große Arbeit und man sitzt viele Stunden vor dem PC und beschäftigt sich damit, den Leuten immer wieder was Neues zu präsentieren oder man sucht irgendwie nach Dingen, die nicht so bekannt sind, (…) und für mich ist es dann immer wieder ein unheimlicher Dank, wenn dann jemand schreibt, ich find das klasse und ich hab noch nie soviel über die Doors kennen gelernt (…) als auf deiner Homepage und hab' mich jetzt mal mit CDs beschäftigt und DVD's gekauft und mir die Band etwas näher gebracht. Und das freut mich einfach.

21:06
E.K.
Wie erklären Sie sich, dass Menschen in unserem Alter die Musik der Doors immer noch gut finden?

21:28
G.W.F.
(leichtes Lachen)
Ich würde es so bezeichnen: Back to the roots. (…) Ich habe es nicht und ich werde es auch nicht verleugnen: Ich bin eigentlich sehr glücklich, die Zeit der 70er Jahre mitgemacht zu haben, mit langen Haaren durch die Gegend gelaufen zu sein, Stress mit jedem gehabt zu haben, mit den Eltern, mit dem Arbeitgeber, mit den Leuten auf der Straße. „Gammler“ und wie wir alle beschimpft wurden, aber es war unsere Zeit. Und es war eine Zeit für mich eines Umbruchs, der in der Generation stattgefunden hat. Und ich sehe mich immer noch, auch heute noch als ein Teil, der in dieser Szene mit drin war und ich kann mir heute auf die Schulter klopfen und kann fröhlich sagen, ich bin stolz, dass ich in dieser Zeit gelebt habe. Und ich bin stolz, dass ich diesen Weg gegangen bin, der bestimmt schwieriger war als einfach Schule, Universität, gescheiten Beruf gelernt, vielleicht heute viel Geld und ein gemachter Mann zu sein. Nee, das ist und war nicht so mein Ding. Und ich hab die 70er Jahre geliebt, weil es war alles neu, es war 'ne Änderung in der Musik, es war 'ne Änderung in der Generation, die Leute waren für 'ne gewisse Zeit freier, obwohl die Auslegung des Begriffs Freiheit wieder ein Punkt für sich ist, frei ist man eigentlich nie, aber man hat sich wenigstens frei gefühlt.
23:02
Es war die Zeit der freien Liebe, egal wie man jetzt dazu steht, man hat seinen Joint geraucht, man hat seine Erfahrung gemacht, man hat gemeint, das Unterbewusstsein steuern zu können, vielleicht war es in gewisser Weise so. … Ich bereue keinen Tag. Ich liebe die 70er, ich muss es so sagen, ich liebe die 70er und erinnere mich unheimlich gern an diese Zeit zurück, weil sie mir menschlich eigentlich sehr viel gebracht hat. Ich hab' wahnsinnig sehr viele neue Leute kennen gelernt, die andere Gedankengänge hatten als meine Eltern (…), unsere Verwandtschaft oder die Bekannten meiner Eltern. Es war neu und (…) man hat tun und lassen können, was man wollte und hat niemand gefragt, darf ich das oder darf ich das nicht, ist das gesetzlich jetzt, dass ich Haschisch rauche oder mir einen Trip einschmeiße, es hat dazu gehört und die Musik hat dazu gepasst und die Bücher haben dazu gepasst. Ja, es war toll.

24:08
E.K.
Das hat ja auch alles Jim Morrison vorgelebt.

24:21
G.W.F.
Ja, er hat es vorgelebt, aber irgendwo schon auf einer anderen Art und Weise. (…) Ich hab mich nie so gesehen, dass ich auf einer Rasierklinge sitze, die an und für sich schon gefährlich ist, wenn man links oder rechts runter fällt.
24:48
Morrison war für mich ein Exzentriker, der das Leben ausgekostet hat. (…) Er hat getan, was er für richtig hielt und hat sich eigentlich wenig um seine Mitmusiker gekümmert, er hat sich wenig um seine Freunde gekümmert, um seine Bekannten, er hat seine Art des Lebens gefunden und hat die, ja, bis zum Schluss in Paris, wo er in der Badewanne gestorben ist, eigentlich gelebt.

25:22
E.K.
Morrison hat eine Botschaft gehabt und gleichzeitig abgelehnt, ein Führer für eine Bewegung zu sein.

26:27
G.W.F.

(…)
26:33
Ich hab' diese Feststellung eigentlich gemacht, so als Führer oder Idol, dem man nacheifert, erst so in den letzten Jahren, nach dem Film vom Oliver Stone, wo sehr viele junge Leute dazu gekommen sind. Und für die ist Jim Morrison einfach 'ne Lebensanschauung, für die ist Jim Morrison wie ein Gott, wie ein Bruder, wie ein Vater, kann man unheimlich schwer erklären. Es gibt Leute, die abends mit einem Gebet für Jim Morrison einschlafen, ich hab' so Leute kennen gelernt, es gibt Leute, die Geschäftsleute waren, die, wenn sie vor Abschluss eines Geschäfts standen oder ein Geschäft überhaupt machen wollten, in den Wald oder in ein Feld gegangen sind und mit Jim Morrison besprochen haben, ob er das gut findet, das Geschäft.
27:20
Es ist heute extremer als das früher war, früher hat man sich diese Gedanken eigentlich gar nicht so gemacht, ob Jim Morrison jetzt so 'ne Führerpersönlichkeit ist. Ich glaube (…), dass das Jim Morrison eigentlich gar nicht wollte. Er kam aus einem Elternhaus, der Vater war Admiral bei der amerikanischen Marine und es war ein unheimlich konservatives Elternhaus mit 'ner sehr strengen Erziehung und entscheidend nach ihm, was er immer so erzählt hat, als er so vier Jahre alt war und sie haben eine Fahrt durch die Wüste unternommen, als sie irgendjemand besuchen wollten, und sie kamen an so einem Autounfall vorbei, wo ein Truck mit Indianern einen Unfall hatte und ein Indianer auf der Erde lag, der am Sterben war. Und Jim Morrison hat immer gesagt, dieser Indianer hat ihn angeschaut, „als er gestorben ist, ist dieser Geist des Indianers in meine Seele eingetaucht.“ Und er hat’s auch später immer wieder beschrieben, dass das eigentlich der ausschlaggebende Punkt war, sein Leben zu ändern, obwohl er damals erst vier Jahre alt gewesen ist. Aber er hat immer behauptet, da ist irgendwas mit ihm passiert, dass er sein ganzes Leben lang nicht vergessen hat. Und er hat auch zu dieser Zeit angefangen, sehr viel zu lesen, es waren am Anfang viele Kinderbücher, dann war es amerikanische Geschichte usw. und erst später ist er auf Freud gekommen und die ganzen Lyriker. Er hat sehr viel über die griechische Mythologie gelesen, Nietzsche etc. Und man hat eigentlich nach Hörensagen oder nach dem Lesen, was man so gelesen hat, Jim Morrison nie ohne irgendein Buch angetroffen. Und das waren eigentlich auch immer die ersten, die einzigen Habseligkeiten, die er als junger Mann hatte, nachdem er auf der Universität, ich glaube, in Los Angeles, auf der UCLA war, auf der Filmschule, und wie gesagt, er hat immer nur gelesen und seine einzige Habe war eine Kiste mit Büchern und er hat keine Klamotten gehabt oder immer dasselbe getragen und hat sich weder für neue Schuhe oder sonst was interessiert. Das einzige Interesse, was er gehabt hat, das waren Bücher, Bücher, Bücher. Und hat dann auch angefangen Notizbücher mit sich herum zu schleppen, wo er eigene Gedanken erst nur aufgeschrieben hat. Und später wurden aus seinen eigenen Gedanken seine Lyrik, seine Prosa. Und er hat angefangen, unzählige Gedichte zu schreiben. Aber Führer, nee. Wie gesagt, für uns war er kein Führer.

30:24
E.K.
Wie erklären Sie sich den Unterschied?

30:58
G.W.F.
Es liegt meines Erachtens daran, dass die heutige Generation
(…)
31:13
sie ist heute viel mehr auf Kommerz aus, meines Erachtens, ich hab so den Eindruck, hasserfüllter teilweise, brutaler, zerstörungsanfälliger, also sie machen mehr kaputt. Und ich hab' immer so das Gefühl, dass Morrison da unheimlich gut dazu passt, weil ich hab' mit vielen jungen Leuten über Morrison gesprochen, und die Meinung ist immer: Na gut, der hat’s ja damals vorgelebt, der hat ja auch immer nur gesoffen und hat alles kaputt gemacht und Tod gepredigt und wie schön der Tod ist und wie schön die Zerstörung ist, aber ich glaube, dass die Leute es irgendwie gar nicht so richtig in den Kopf reinkriegen, was eigentlich so hinter den ganzen Texten steht oder was er eigentlich ausdrücken wollte. Ich glaube nicht, dass Morrison diese brutale Person war, wie er heute dargstellt wird oder dieser Führungsanspruch, die die Jugend an ihn stellt oder dieses Idol Jim Morrison. Ich hab dazu 'ne andere Meinung, aber man bringt es diesen Leuten, wenn man sich mit jungen Leuten, die in der Doors Szene drin sind, unterhält, man hat immer das Gefühl, man spricht gegen 'ne Wand.
(…)
32:32
Die sehen Jim Morrison, so brutal es klingt, teilweise auch so 'ne Art Adolf Hitler. Es ist ein unheimlich schlechter Vergleich, aber Hitler war auch so jemand, der die Massen bewegt und so hab' ich manchmal das Gefühl, dass jüngere Leute Jim Morrison so sehen, die Massen bewegend und steht auf und geht raus auf die Straße und haut den nächsten um oder macht irgendwas kaputt.
(…)
33:23
Doors Musik waren eigentlich damals Konzerte, wo die Leute mitgegangen sind, geklatscht haben und auch getobt haben, aber es war irgendwie mehr Zuhören und heut ist es mehr, ich bin dabei und jetzt lass' ich mal die Sau raus.

33:40
E.K.
Was halten Sie von seinen Gedichten, seinen Texten?

33:58
G.W.F.
Mhhh. Ich halte eigentlich sehr viel von seinen Gedichten und Texten, weil ich auch versuche, Gedichte zu schreiben. Ich bin nicht Morrison und ich werd mich auch nicht mit ihm identisch sehen, das werde ich auch nie schaffen. Aber ich schreibe meine Gedichte für mich, über meine Stimmung, über meine Ängste, über meinen Krebs, über mein Leben, über meine Liebe. Ich habe aber irgendwo das Gefühl, das wir in derselben Welt leben, also Morrison mit seinen Gedanken und ich mit meinen Gedanken. Und die Lyrik von Jim Morrison spricht mich unheimlich an.
(…)
35:12
Ich finde seine Lieder, die Ausdrucksweise, ich finde die Zusammenstellung der Zeilen, die Zeilenanordnung, er schreibt manchmal 'ne Seite über irgendetwas und dann kommt nur drei, vier Wörter, wo man auf den ersten Moment gar nicht das Gefühl hat die passen da dazu, aber liest man das Gedicht ein zweites und ein drittes Mal dann kriegt man irgendwie erst mal so ein bisschen den Zusammenhang mit. Ich finde, das Jim Morrison eine Art hat zu schreiben wie es eigentlich wenigen Menschen möglich war oder gegeben ist, sich überhaupt so ausdrücken zu können.

35:55
E.K.
In den Gedichten kommt oft die Nacht vor. Für was steht bei Jim Morrison die Nacht?

36:58
G.W.F.
Meines Erachtens, das ist eine Annahme von mir, dass Morrison mit Nacht eigentlich den Tod beschreibt. (…) In vielen Texten hat er den Tod anders beschrieben als Nacht. (…) Er war irgendwie interessiert, hab ich das Gefühl, wie das ist, er hat sich seine Gedanken gemacht, er hat durch die griechische Mythologie und was er nicht noch alles gelesen hat, sich sehr viel mit dem Tod beschäftigt. (…) Und er hat ihn versucht, für sich irgendwie verständlich zu machen. Da ist zum Beispiel das Lied „Break on through to the other side“, was für mich auch nur Tod bedeutet, was da kommt und was da ist. „The End“ ist für mich eigentlich auch Tod, weil (…) er hat sehr viel über das Geheimnis des Todes nachgedacht, denke ich. Und hat das in seiner Lyrik irgendwie versucht zu verarbeiten und für sich zu beschreiben. Er hat immer wieder gesagt, dass er keine Angst vor dem Tod hat, aber was ist Angst vorm Tod, ich mein durch meinen Krebs hab' ich auch Angst vorm Tod. Manchmal hab' ich keine, ich bin manchmal neugierig, wie das ist, wenn man stirbt und ich hab mit meiner Onkologin darüber gesprochen, was Tod ist. Und die hat gesagt, das ist ein Wechsel, das ist ein Raumwechsel, mehr eigentlich nicht. Und da ist es halt wieder die Frage, ob man an eine Reinkarnation glaubt, was man für eine Einstellung selbst hat. Und ich glaube, dass Jim Morrison eigentlich sehr viel Interesse am Tod hat, um herauszufinden, was kommen kann und was kommen wird.
(…)
39:02
Er hat eigentlich fast in jedem Lied, ja, eigentlich fast in jedem Lied ist irgendeine Anmerkung über den Tod mit drin.

39:12
E.K.
Den er dann so nicht nennt. Einfluss von Rimbaud. Er sagte, man muss zuerst mal zerstören um eigenes schaffen zu können. Visionen, Utopie.

41:08
G.W.F.
(…) Ich hab eigentlich nur die einzige Vorstellung, dass er ein suchender Mensch war wie eigentlich jeder ein suchender Mensch ist. Aber er hat meines Erachtens irgendwie einen Sinn im Leben gesucht, einen Sinn in der Existenz, einen Sinn in der Liebe. Er wollte irgendwie seine Situation (…) abarbeiten irgendwie, so kommt mir das immer vor. (…) Es ist eigentlich unheimlich schwierig, wenn man jemanden nicht gekannt hat persönlich, nicht persönlich kennen gelernt hat, sich ein Bild zu machen, rein von dem, was man liest, und rein von dem, was man musikalisch hört.
(…)
42:25
Und gerade im Bezug auf Jim Morrison fällt es mir unheimlich schwer ein klares Bild zu bekommen, weil er ist so unheimlich vielseitig. Wenn man meint, man hat ihn irgendwo gegriffen und sagt, aus diesem und diesem Grund hat er dieses und dieses Lied geschrieben. Und man hört zwei, drei Lieder weiter oder liest seine Gedichte, man hat ein Gedicht gelesen und im fünften ist alles wieder über den Haufen geschmissen, was man vorher eigentlich als Meinung hatte. Und das ist unheimlich kompliziert.

42:58
E.K.
Er ging nach Paris mit dem Wunsch, als Dichter anerkannt zu werden.

44:14
G.W.F.
(…)
Was sich so herauskristallisiert hat für mich war ja, dass Jim Morrison eigentlich nie die Idee gehabt hat, Rocksänger zu werden oder Rockstar zu werden oder so 'ne Persönlichkeit überhaupt auf der Bühne zu werden. (…) Es war sein schreiben. Aber das erste Ziel war eigentlich, er wollte Regisseur werden und das hat dann aus verschiedenen Gründen, weil er ein Probefilm gedreht hat, der dann ziemlich von den Leuten der Universität zerrissen wurde, auch von seinen Mitschülern auf der Universität, und das hat ihn dann ziemlich über den Haufen geschmissen. Und der Einzige, der dann zu ihm gesagt hat, weil der auch auf der Filmschule war, das war der Ray Manzarek, der spätere Keyboarder der Doors, der gesagt hat, der Film war unheimlich gut und als sie sich dann getroffen haben am Strand und Jim Morrison ein Gedicht vorgetragen hat, wo Ray Manzarek da drauf gesagt hatte, „das ist so was von toll und hast du da noch mehr davon“. Und Jim Morrison (…) gesagt haben soll „Ja, einige Notizbücher voll, aber noch mehr hab' ich in meinem Kopf“. Und wie Ray Manzarek dann gesagt hat: „Wir gründen jetzt eine Band und werden Millionäre“. Und das war meines Erachtens nie das Ziel oder der Wunsch von Jim Morrison auf 'ner Bühne zu stehen. Und er hat am Anfang, als die Doors die ersten Auftritte hatten, das hat unheimlich lange gedauert, bis er eigentlich mit dem Gesicht zum Publikum gesungen hat, er hat am Anfang immer nur mit dem Rücken zum Publikum gestanden und die anderen Bandmitglieder waren schon ziemlich sauer darüber und haben gesagt: „Dreh dich um und guck' die Leute an, die wollen dich sehen“. Und wo er gesagt hat, das macht er nicht, er sieht das auch gar nicht ein, er will seine Gedichte so vortragen oder seine Songs so singen, dass er rein mit sich selbst beschäftigt ist, wenn er sie vorträgt. Und der ausschlaggebende Punkt war dann eigentlich erst im Whisky A Go Go, als sie (die DOORS) dann die ersten größeren Auftritte hatten, wie er dann „The End“ rezitiert hatte und (…) zum ersten Mal die Strophe reingebracht hat „Killer awoke before dawn“ und dieser Ödipuskomplex - Vater töten, Geschlechtsverkehr mit der Mutter zu haben, bei Ödipus war’s halt den Vater zu töten und die Mutter zu heiraten – und das war eigentlich der erste gravierende wirkliche Umschwung, wo er bewusst auch, in Interviews von ihm bestätigt, sich den Leuten zugewandt hat und hat eigentlich die Reaktion zum ersten Mal genossen, wie die Leute auf den Song reagieren. Das hat ihm dann später einen unheimlichen Spaß gemacht (…), mit dem Publikum zu arbeiten und (…) zu sehen, dass er geliebt wird, dass er angehimmelt wird und die Leute auf ihn abfahren. Und das war aber dann auch dieser gewisse Punkt, wo er angefangen hat, eigentlich mehr Alkohol zu sich zu nehmen, weil er irgendwo die Situation geliebt hat für sich, geliebt zu werden von den Leuten, aber andererseits hat er auch (…) unheimliche Angst davor gehabt. Weil er wollte das eigentlich nie, er wollte Anerkennung haben als Regisseur (…) und er wollte Anerkennung haben als Dichter oder Schriftsteller. Und er ist dem halt mit der Zeit ziemlich überdrüssig geworden. Und hat die Konzerte dann mit der Zeit vernachlässigt, er ist gekommen, wann er wollte, er hat Studioaufnahmetermine behandelt nach dem, wenn er gedacht hat, jetzt ist es Zeit für Herrn Morrison ins Studio zu gehen. Er hat sich nicht um die Bandmitglieder gekümmert und es gab ja auch … in der Mitte seiner Karriere oder fast schon zum Ende, kann man sagen, sehr viele Gedanken der anderen Mitglieder, dass sie ihn aus der Band nehmen wollten. Aber sie haben auch gewusst, dass sie ohne Jim Morrison eigentlich nicht diese Band so aufrecht erhalten konnten, weil es waren vier Leute, die sich gefunden haben und diese vier Leute haben, wie kaum in einer anderen Band, unheimlich harmonisiert. (…) Die Doors hatten auch das Glück, dass das drei Musiker jetzt, außer Jim Morrison, dabei waren, die auf seine Eskapaden sehr viel Rücksicht genommen haben, sehr drauf eingegangen sind, er hat bei Bühnenshows die Texte oder die Lieder so oft gewechselt, dass sie eigentlich gar nicht gewusst haben, um welches Lied es sich eigentlich handelt, haben aber immer wieder versucht, auf das Neue einzugehen musikalisch, und das kann halt auch nicht jede Band. Und das war halt auch so ein Punkt, der die Doors unheimlich berühmt gemacht hat, obwohl Jim Morrison mit der Zeit immer mehr abgesackt ist, er hat halt nur noch gesoffen mit seinen Kumpels und Alkohol war dann halt Droge Nummer Eins bei ihm.
49:53
Dazu kam dann der Auftritt in
(…)
50:10
Der Ausschlag war dann als, bei dem Miami Konzert, er sich angeblich entblößt haben sollte und sein Penis den Leuten gezeigt haben soll, was eigentlich nie bewiesen wurde, auch nicht durch Fotos und sehr viele Leute gesagt haben, das hätte so nicht gestimmt. So hätte die Polizei einfach einen Grund gehabt ihn dingfest zu machen und das Konzert zu unterbinden. A war das Konzert überbesucht, das Konzert war sowieso von Anfang an ziemlich chaotisch. Morrison war nicht zum geplanten Auftrittstermin erschienen, er hat am Flughafen noch in 'ner Bar gesessen und hat sich ziemlich was in die Kehle gegossen. Hat den Flieger wieder verpasst und das Konzert ist, glaube ich, mit ein oder zwei Stunden später (…) erst angesagt worden. Und er war ziemlich fertig und hat von Anfang an schon das Publikum beschimpft und sich mit dem Publikum angelegt und hat teilweise die Texte nicht mehr gewusst und es war alles sehr chaotisch und irgendwann, so nach Interviews mit ihm, was ich so gelesen habe, hat er eigentlich gar kein Bock mehr gehabt, mit der Band auf Tour zu gehen, das war ihm alles zuviel und er wollte sich wieder darauf konzentrieren, mehr zu schreiben. Und er wollte eigentlich, wieder zu sich selbst finden. Er wollte wieder Ruhe tanken und Kraft tanken und er wollte wieder ganz weg von diesem Milieu der Auftritte und von der Band. Und das war halt diese Zeit, als er mit Pamela nach Paris gegangen ist.

51:28
E.K.
In Paris war die Anonymität für Morrison wichtig. Hat er in Paris gefunden, was er gesucht hat?

53:20
G.W.F.
Ich glaube, dass er nach Paris ganz bewusst gegangen ist, weil er, wie er gesagt hat, Paris immer für eine Stadt gehalten hat der Lyrik, der Künstler. Weil (…) sehr viele Künstler in Paris gelebt haben oder sind nach Paris gegangen. Und müssen auch mal ein Konzert im Olympia gehabt haben in Paris, wo er die Zeit gehabt hat und die Muse, wo er relativ nüchtern war und er hat sich die Stadt angeschaut und alles. Und das muss ihm unheimlich imponiert haben, diese ganze Metropole. Und ich nehme an, dass er Ruhe suchen wollte (…) in Paris, weil er (…) die Stadt liebte. Und es ist Mutmaßung, ob er jetzt dahin gegangen ist, um seine schriftstellerische Laufbahn, um seine dichterische Laufbahn jetzt weiter zu machen oder ob er Filmmusik machen wollte, keine Ahnung. (…) Aber ich glaube, dass er das in Paris gesucht hat, was er in Amerika und auf den ganzen Touren nicht mehr gefunden hat, ich glaub', dass Paris für ihn ein Ort der Ruhe war und …
54:48
Er wollte sein Leben einfach ändern.
(…)

55:00
E.K.
Waren Sie mal in Paris?

55:06
G.W.F.
Ich war ungefähr 1966 drei Monate in Paris. (…) War dann nach Jim Morrisons Tod noch mal in Paris, aber habe diese Stätten, wo er sich aufgehalten hat und wo er beerdigt ist eigentlich bewusst nie besucht. Weil, für mich ist er einfach gestorben, nicht als Musiker, ich meine die Musik der Doors und seine Gedichte, die leben auch heute noch, aber ich will mir das einfach persönlich nicht antun, weil ich da eine ganz spezielle Meinung dazu habe. Er hat gelebt und er hat seine Musik gemacht und er hat seine Lieder gesungen und er hat seine Lieder geschrieben und er hat seine Gedichte geschrieben, aber für mich ist Paris so (…) durch seinen Tod dieser absolute Abbruch. Ich hab' halt diese Vorstellung, ich muss mir das nicht antun, dass ich da vor seinem Grab steh', was nach Bildern zu urteilen, verwahrlost ist, dreckig ist, schmutzig ist, man könnte wieder sagen, das passt zu seinem Leben, aber ich finde es irgendwie, ich finde es nicht gut, wenn noch so viele Tantiemen heute reinkommen von der Doors Musik, dass mal nicht irgendjemand im Stande ist, ob das seine Eltern sind, die wahnsinnig viel geerbt haben, ob das die anderen Doors Musiker sind, die heute noch an der Doors Musik gutes Geld machen. Ich find’s schade, dass niemand im Stande war, ihm eine Grabstätte zu schaffen, wo man sagen kann, okay, es ist ein schönes Grab und es ist 'ne Stätte, wo man sagen kann, er hat’s halt irgendwie auch symbolisch nach außen sehend gefunden, was er ewig gesucht hat.
(…)

56:58
E.K.
Können Sie nachvollziehen, dass die Fans ans Grab gehen?

57:06
G.W.F.
Ich kann das schon nachvollziehen, weil (…) ich auch ein paar Freunde hab, wo ich’s weiß, dass sie ganz bewusst nach Paris an sein Grab fahren. (…) Aber sie machen es rein für sich und sie machen es nicht aus diesem Tourismustrott oder ich muss jetzt an dieses Grab, sondern sie fahren einfach hin, weil sie sich sagen, ich mach es aus Dankbarkeit oder ich möchte da 'ne Blume ablegen, obwohl man heute gar nicht mehr ans Grab rankommt, aber es gibt trotzdem noch Wege, dass man ein Sträußchen ablegen kann.
(…)
58:00
Was ich absolut nicht gut finde, ist, wie sich manche Leute heute an seinem Grab benehmen. Und es ist verständlich, dass die Friedhofsverwaltung von Paris oder dieses Friedhofs halt gesagt hat: Wir wollen das gar nicht mehr. Und es schon Wege versucht wurden, ihn umzubetten, aber das hat dann, ich glaube, Ray Manzarek und Robby Krieger durch eine große Spende, indem sie wieder das Grab für zig Jahre gekauft haben, haben die das dann zu Nichte gemacht.
58:36
Ich finde das nicht gut, dass Jugendliche da sitzen, sich zusaufen, sich zudröhnen und Joints durch die Gegend schmeißen. Ich hab' nichts gegen das Rauchen, besser als Saufen, aber sie sollen sich einfach benehmen und ich find' das einfach schändlich, was die da machen. Das ist auch einer der Gründe, warum ich sage (…) ich guck mir das Grab nicht an. Ich muss da nicht hingehen, um Jim Morrison in meinem Kopf zu behalten oder in meinem Herzen zu behalten und zu sagen: War gute Musik, war guter Sänger, auch wenn er keine gute Stimme hatte, aber das tut jetzt nichts zur Sache, er war ein guter Frontman und er hat gewusst, wie man mit dem Publikum umgeht und sie haben eine wahnsinnig gute Musik geschaffen, die vier zusammen. Es kann sein, wenn ich mal wieder in Paris bin, dass ich mir seine Wohnung anschaue, also von außen, rein kommt man ja nicht, und vielleicht ein paar Lokalitäten, wo er war, aber was ich 100 % ig nicht tun werde, den Friedhof zu besuchen.

59:58
E.K.
Die Spekulationen um Jim Morrisons Tod. Wie er gestorben ist. Da gibt es ja verschiedene Versionen. Manche meinen ja, er würde noch irgendwo leben.

1h 00:40
G.W.F.
Also, für mich ist er gestorben, ganz eindeutig. Ich mein', die Leute, die einen Totenschein ausgestellt haben, egal, jetzt mal unabhängig davon, wie der Tod zu Stande gekommen ist, ob er jetzt durch Herzversagen gestorben ist oder an einer Überdosis Heroin gestorben ist, wie viele gesagt haben, weil er gedacht hat, es wäre Heroin, und in dem Club, wo er am Abend das Pulver bekommen hatte, es ziemlich düster und dunkel war, und er war angetrunken und hat nicht mehr richtig gerafft, was er eigentlich zu sich nimmt. Es ist alles Spekulation, aber ich bin der Meinung, dass er tot ist und man stellt nicht einen Totenschein zum Spaß aus, sondern es gibt ja Polizeiberichte, es gibt ja Arztberichte und ich glaube schon, dass die stimmen. Ich finde das einfach blöd, dass man heut (leichtes Lachen), ja nach fast vierzig Jahren hingeht (…) sagt, er lebt und das war alles irgendwie ein großes Theaterstück oder 'ne Aufführung, wie er sich's halt vorgestellt hat. Nee, für mich ist er tot und Punkt.

1h 1:52
E.K.
Der Kult um Morrisons Tod im Gegensatz zum Tod von Jimi Hendrix.

1h 2:38
G.W.F.
Ja, zum Beispiel die Grabstätte von Jimi Hendrix, die für mich eigentlich 'ne Grabstätte darstellt. Weil es ist ein Mausoleum gebaut worden.
(…)
2:58
Allein die Umgangsweise der Leute, die Jimi Hendrix Grab besuchen oder das Mausoleum, das sind ja zwei verschiedene Plätze, das ist ein Benehmen wie Tag und Nacht muss man sagen. Beim Morrison ist es halt das Chaos und es werden fremde Grabsteine beschädigt, beschmiert oder wurden beschmiert, weil heut geht’s ja gar nimmer so, es werden Flaschen liegen gelassen, es wird halt Big Party gefeiert. Und bei Hendrix ist es halt mehr dieses stille "In-sich-gehen" und vor dem Grab zu stehen und zu sagen, hier liegt halt jemand, der musikalisch auch Welten aufgerissen hat (…) und der bestimmt genau so bedeutend war wie Jim Morrison oder Janis Joplin. Das war einfach 'ne Zeit, wo drei Bands was ganz Neues gemacht haben und die irgendwie, gerade durch ihren frühen Tod sind ja alle drei mit 27 gestorben, obwohl es noch mehr Musiker gibt, die mit 27 gestorben sind– da gibt’s ja auch so viele Rätsel um diese Zahl und es wurden auch mystische Sachen um diese Zahl 27 angestellt.
4:13
Aber ich glaube auch, dass Morrison und Hendrix unterschiedlich waren. Hendrix war für mich jemand, der mit einem elektrischen Instrument eine Welt aufgerissen hat, die vorher niemand für möglich gehalten hat, der es heute noch schafft, dass auch neue Musiker, junge Musiker oder Leute, die Gitarre lernen, immer irgendwann auf Hendrix zurückkommen. Und für mich war Hendrix 'ne Interpretation einer neuen Gitarrenkultur. (…)
5:23
Dieser Kult ist halt entstanden dadurch, dass die Leute halt extrem schnell hochgekommen sind, extrem 'ne neue Welt aufgerissen haben, 'ne neue Musik gemacht haben, andere Musik gemacht haben, mit mehr Power oder mehr Feeling bleibt sich dahingestellt, aber sie haben neue Aspekte in die Welt der Musik gesetzt. Und ich meine, wenn jemand jung stirbt, der irgendwas geschaffen hat oder der einnen Namen gehabt hat, ähnlich wie jetzt James Dean könnt man jetzt nehmen,
(…)
6:06
ist das eigentlich in der Welt des Menschen, dass man einen Kult drum macht.
(…)

1 h 6:30
E.K.
Ihre Lieblingsstücke der Doors.

1 h 6:42
G.W.F.
Lieblingsstück’ Nummer 1 seit meinem Krebs „When the music‘s over“ wegen der Zeile „before I sink into the big sleep, I want to hear the scream of the butterfly“. Das eigentlich zum Motto meines Lebens wurde.
6:56
Lieblingsstück Nummer 2 (…) ja, “The End”. (leichtes Lachen)
Was soll man dazu noch erklären: Das Ende kommt für jeden, das Ende kann für mich durch meinen Krebs schneller kommen als bei anderen. (…) Die Art, was er mit dem Lied alles ausdrückt: Hass auf seine Eltern, Todessehnsucht, Sehnsucht nach Liebe, Sehnsucht nach Geborgenheit, der Text, der beinhaltet so unwahrscheinlich viel …
Ja, es gibt viele Sachen, wo ich „The End“ mit meinem Leben identifizieren kann.
7:43
Was mir noch gefällt: „the Crystal Ship“ rein von der Melodie her. Was ich unheimlich schön finde: „The Spanish Caravan“, wegen dem spanischen Einfluss. Was noch ein schönes Lied ist: „Riders on the Storm“.
(…)
8:19
Es gibt noch ein Lied (…), das ist das 17 Minuten Stück „The Celebration of the Lizzard“, weil da eigentlich alles drin ist, was die Doors ausmacht, alles. Musikalisch, Textmässig, ja Doors live.

1 h 8:04
E.K.
Zur Todessehnsucht. Jim Morrison hat mal gesagt, er stelle sich immer vor, dass da alle Schmerzen vorbei sind.

1 h 9: 14
G.W.F.
Vor dieser Frage habe ich Angst gehabt, weil das eine Streitfrage seit dem Film von Oliver Stone ist, ob die Worte von Jim Morrison sind. Er hat sie ganz am Anfang im Film, als er mit Pamela auf dem Bett lag, gesprochen. (…) Es gibt die Meinung, dass er es gesagt hat, es ist aber nicht nachgewiesen. Und es gibt andererseits die Meinung, dass es eine Erfindung von Oliver Stone zum Film ist. Aber trotz allem, ich find die Zeile unheimlich schön, weil es drückt eigentlich das aus. Die Frage war eigentlich: „Hast du Angst vor dem Tod“? Also das ist das, was im Film Pamela Jim Morrison fragt. Und er antwortet: „Warum sollte ich Angst vor dem Tod haben? Wenn ich tot bin, ist der Schmerz vorüber.“ (…) Er könnte von ihm gewesen sein. Aber persönlich finde ich den Satz gut, weil es einfach so ist.

(…)

1h 11:14
E.K.
In einem Interview hat Jim Morrison einmal gesagt, er wolle alt werden und ruhig sterben. Angenommen, er wäre nichts so früh gestorben, wie könnte man sich Jim Morrison heute vorstellen?

(…)

1h 11:55
G.W.F.
Es wäre einer der geilsten Punkte meines Lebens, wenn heute irgendwo ein Plakat hängen würde: „Frankfurter Festhalle – ausverkauft – die Doors, Originalbesetzung mit Jim Morrison“. Ich möchte ihn sehen.

Ende
Zeit: 1h 12:12


Doors-Gründer Ray Manzarek: "Ich habe Sex und Kaffee"

Zusammen mit Jim Morrison gründete er 1965 die Doors. Nun bringt Ray Manzarek das Gesamtwerk der Band noch einmal neu heraus. Im stern.de-Interview erzählt der Musiker von den wilden 60er Jahren, der trüben Gegenwart - und warum die Zukunft unbedingt besser wird.

Gleich mit ihrem Debütalbum spielten sich die Doors 1967 über Nacht in die erste Liga der US-Musikszene und entwickelten sich zu einer der einflussreichsten Musikbands der 60er Jahre. Gegründet wurde die Gruppe 1965 von den beiden Filmstudenten Ray Manzarek und Jim Morrison. Zusammen mit Gitarrist Robby Krieger und dem Schlagzeuger John Densmore erspielte sich das Quartett schnell einen Ruf als legendäre Live-Band und wurde 1966 von dem kalifornischen Label Elektra Records unter Vertrag genommen. Der Sound der Gruppe war stark von Manzareks eindringlichem Orgelspiel und Jim Morrisons dunkler, sonorer Stimme geprägt. Vor allem aber seine charismatische Ausstrahlung und sein exzessiver Lebensstil entwickelten sich zum Markenzeichen der Band.

Bis zu ihrer Auflösung 1971 veröffentlichten die Doors sechs Studioalben, die nun neu abgemischt wieder aufgelegt werden. Parallel dazu erscheint eine neue Hit-Sammlung: "The Very Best Of" gibt es in zwei Ausführungen: Die "1-CD Edition" umfasst 20, die Doppel-CD 34 Songs. Das Interview fand kurz vorher statt.

Guten Morgen Herr Manzarek. Bei Ihnen in Los Angeles ist es gerade 9.30 Uhr morgens. Ziemlich früh für einen Rockstar. Führen Sie kein Rock'n'Roll-Leben mehr?
Doch, meine Frau und ich sind jede Nacht auf und machen Party. Ich bin heute nur so früh wach, weil ich wusste, dass Sie anrufen. Normalerweise würde ich natürlich noch schlafen - ich bin ja ein Rockstar!

Die Doors hatten immer das Image, ein Leben mit Sex, Drugs & Rock'n'Roll zu führen. Traf dieses Image zu?
Ja, absolut. Es triff immer noch zu. John Densmore zum Beispiel hält noch immer viel von Sex und Drogen.

Was ist mit Ihnen?
Ich auch. Ich habe Sex und Kaffee.

Sonst noch was?
Und Wein! Mein Gott, ich trinke viel Wein! Obwohl ich 68 Jahre alt bin, bin ich noch immer ein wildes und verrücktes Tier.

In den 60er Jahren war die Presse immer auf das wilde Leben von Jim Morrison fixiert. War das ein Problem für die anderen Bandmitglieder?
Ja, wir hatten ein Problem, mit ihm mitzuhalten. Wir haben es versucht, aber er war so wild und feierte so hart, dass wir davon müde wurden. Jim wurde dagegen nie müde, er machte immer weiter. Er war dionysisch, wie die Griechen sagen würden.


Philosophischer Hintergrund
In seinem Buch "Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik" arbeitet der Philosoph Friedrich Nietzsche mit dem Gegensatzpaar apollinisch und dionysisch. Das Apollinische, abgeleitet von dem griechischen Gott Apollon, stellt die intellektuellen, nach Ordnung und Harmonie strebenden Impulse in den Mittelpunkt. Dagegen unterstreicht das Dionysische alles Rauschhafte, Triebhafte und Ungestüme. Die griechische Tragödie vereinigte für Nietzsche das Rauschhafte des Tanzes mit einer strengen apollinischen Form und führte die klassische Griechische Kunst zu einer nie gekannten Vollendung. Der Geist der antiken Tragödie lebte für Nietzsche durch die Musik Richard Wagners fort. Jim Morrison war von Nietzsche stark beeinflusst und sah sich selbst als einen modernen Dionysos.

Aber war es nicht gerade diese Mischung zwischen dem ungezügelten, dionysischen Jim Morrison und den gemäßigten, apollinischen Rest der Band das Erfolgsgeheimnis, das die Doors bis heute erfolgreich macht?
Ja, das glaube ich. Es war der dionysische Wahnsinn von Jim Morrison und die apollinische Ordnung der Bandmitglieder. Genau davon sprach der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche in "Die Geburt der Tragödie": Der Künstler muss die Vermählung des Dionysischen und des Apollinischen vollziehen. Genau das haben die Doors getan.

Ist die Band in dem Moment zerbrochen, wo sie die Balance zwischen diesen Polen nicht mehr halten konnten?
Ja. Und dann starb Morrison. Wir konnten die Balance nicht mehr halten, und er starb. Er starb in einem dionysischen Traum in Paris - wild und verrückt. Aber was für ein Leben! Alle Ihre Leser sollten einmal im Leben ein solch wildes und verrücktes Tier treffen. Es war so viel Freude.

Immerhin kenne ich zahlreiche Menschen, die auf den Pariser Friedhof Père Lachaise gepilgert sind, wo Jim Morrison begraben liegt.
Sehr gut (lacht). Das habe ich auch gemacht. Auch John Densmore und Robby Krieger waren da. Wir alle lieben Jim Morrison und vermissen ihn sehr.

Zusammen mit den beiden anderen verbliebenen Doors veröffentlichen Sie dieser Tage die sechs Studio-Alben der Doors und eine neue Hit-Compilation. Gibt es noch Menschen auf diesem Planeten, die kein Doors-Album besitzen?
Natürlich! Viel mehr Menschen besitzen Platten von Kiss als von den Doors.

Sind Sie da sicher?
Kiss ist viel größer als die Doors. Viel wichtiger, und viel populärer. Klar, es gibt viele Menschen, die Doors-Alben besitzen. Auch in Deutschland. Deutschland und die Doors - mein Gott! Bertolt Brecht und Kurt Weill. Deutsche Musik und Doors-Musik ist praktisch identisch. Als ich in den 60er Jahren zusammen mit Jim Morrison in L.A. am College studierte, hatten wir einen Kurs bei Joseph von Sternberg, dem großen Regisseur von "Der blaue Engel". Dieser Film - das war deutsche Philosophie von Friedrich Nietzsche mit deutscher Musik. Natürlich Beethoven und deutsches Kino. Das war sehr wichtig für uns.

Wollen Sie damit sagen, dass die Doors von deutscher Kultur beeinflusst waren?
Absolut. Von deutscher Kunst. Und von Bauhaus.

Was ist der Grund für die zeitlose Popularität der Doors?
Gute Musik. Wir waren nicht einfach ein paar Hippies, die herumgenudelt haben. Unsere Songs sind gut komponierte Musikstücke, und sie sind absolut wild und verrückt. Die Doors repräsentieren Freiheit. Wir verlangen vom Hörer, sich über Kirche, Staat, Schule und Familie zu erheben und frei zu werden. Das ist natürlich nicht leicht. Aber die Doors sagen dir: Komm mit uns! Lass all das hinter dir und werde ein freier Mensch auf dem Planeten Erde.

Als die Doors 1967 ihr erstes Album veröffentlichten, waren US-Truppen in einen blutigen Krieg auf einem anderen Kontinent verwickelt. Heute befinden sich die USA in einer ähnlichen Situation - aber junge Menschen rebellieren nicht in dem Maße gegen den Krieg, wie sie es vor 40 Jahren getan haben. Woran liegt das?
Sie nehmen kein LSD.

Sie glauben wirklich, das hilft?
Sie nehmen gar nichts: Keine Pilze, kein LSD - die Leute haben Angst, ihre Pforten der Wahrnehmung zu öffnen. Denn wenn sie das täten, wäre niemand da, der ihnen hilft. Sie wären ganz allein, frei. Dann könnten sie sagen: Stoppt den Krieg. Aber momentan haben sie davor Angst. In Amerika haben wir alle Angst vor George Bush. Aber es ist fast vorbei. Das Blatt wendet sich gerade. Ich freue mich auf die Zukunft, das neue Zeitalter der Liebe.

Wollen Sie damit sagen, dass sich die Ideale der 60er Jahre von Love and Peace im neuen Jahrhundert erfüllen werden?
Ja, es wird um 2012 losgehen. Dann endet ein Zyklus im Maya-Kalenders, der Maya aus Mexico. Der Maya-Kalender bewegt sich in großen Zyklen von 700 Jahren. Viele Menschen befürchten, dass damit das Ende der Welt eintritt. Aber natürlich ist das nicht der Fall. Es wird das Ende des jüdisch-christlich-muslimischen Zeitalters sein. Wir beginnen gerade, die vorherrschende Religiosität hinter uns zu lassen.

Funktioniert die Musik der Doors ohne Drogenkonsum?
Natürlich. Für mich sind allerdings LSD oder Pilze keine Drogen. Man nimmt ein paar Blätter, trocknet und raucht sie. Sind das Drogen? Damit öffnet man die Pforten der Wahrnehmung. Drogen sind für mich Heroin, Kokain und Crystal Meth.

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Extra: 50 Jahre Rock 'n' Roll
Die Doors wurden in den 90er Jahren durch den Film von Oliver Stone populär. Sie mochten den Film damals nicht. Warum?

Der Film war kein Porträt von Jim Morrison, sondern von Oliver Stone als Rockstar. Der Mann im Film ist nicht der, mit dem ich Musik gemacht habe, er hat keine Selbstkontrolle. Jemand hat mich gefragt: Wie konntet ihr in dem Zustand jemals Musik machen? Im Film sieht man nur betrunkene Wildheit. Jim Morrison war viel intellektueller. Wie nüchterner, viel intelligenter. Am schlimmsten ist: Im ganzen Film lacht niemand. Niemand scheint eine gute Zeit zu haben. Aber das waren die Sixties - wir haben damals sehr viel zusammen gelacht. Wir hatten eine gute Zeit mit den Doors. Der Film verkehrt diese Zeit in ihr Gegenteil.
.

Interview: Carsten Heidböhmer
(Quelle: STERN / Kultur & Unterhaltung. Artikel vom 27. März 2007


Das große JIM MORRISON - INTERVIEW
(zusammengestellt und übersetzt von Rainer Moddemann)


Frage: Wie kamen die Doors eigentlich zustande?
Jim: Ich wollte Filme machen, so suchte ich in Los Angeles nach einem entsprechenden Job. Als aber nichts passierte, erzählte ich jedem, daß ich nach New York trampen wolle, was ich auch tatsächlich vorhatte. Aber statt dessen blieb ich in Venice und hauste in einem leeren Bürogebäude, wo
ich anfing, einige Songs zu schreiben. Vielleicht machen die Doors mal mehr zum Thema Film, doch damals war die Musik für uns das wichtigste. Venice ist einer der Orte, wo alle in Badekleidung herumlaufen und sich den ganzen Tag am Strand aufhalten. Auch ich ging eines Tages umher und traf zufällig Ray, der zu der Zeit mit seinen Brüdern in einer Band spielte. Ich erzählte Ray von meinen Songs, und er fand sie gut. Er lud mich ein, sie mit seiner Band zu singen, wenn ich wolle. Einer von Rays Brüdern dachte, Ray sei übergeschnappt. Ich hatte keine Ahnung vom Singen, aber Ray wußte, daß ich es konnte. Seitdem ist eine lange Zeit vergangen, aber sein Vertrauen in mich war die größte Hilfe. Wir trafen John in einem Kurs für transzendentale Meditation, etwas, was heute die Beatles populär machen; wir waren schon vor drei Jahren dabei. Ray ging zu ihm und fragte, ob er bei der Gruppe Schlagzeug spielen wolle. Und schon war er unser Drummer. Wir brauchten nun noch einen Gitarristen, testeten einige, sogar mal ein Mädchen, das Baß spielte, aber keiner schien richtig zu sein. Dann fanden wir Robby, den besten Gitarristen der Welt. Als er zu uns kam, wußten wir, daß die Gruppe komplett war. Wir waren zu viert, und es paßte niemand weiterer hinein. Es gibt nicht viele Gruppen, die drei Musiker und einen Sänger haben.

Frage: Wie kommen Sie überhaupt mit Ihren Bandkollegen zurecht?
Jim: Nun, es ist so, als wenn man verheiratet wäre oder ein Mitglied einer großen Familie ist. Es gibt immer Streit, denn Leute, die zusammenleben, streiten viel. Wir hatten Zeiten, die recht schwierig waren, aber auch solche, die problemlos verliefen. Ich meine, wenn man gut und kreativ zusammenarbeitet, und es zudem mit der Musik gut läuft, ist jeder glücklich. Wenn die Kreativität stockt, geht ab und zu etwas schief. Aber die Beziehungen innerhalb der Gruppe sind ziemlich gut.



Frage: Wenn Sie einen Song schreiben, fällt Ihnen zunächst ein Text ein, den Sie später bearbeiten,oder schreiben Sie die Worte direkt für einen Song?
Jim: Beides trifft zu, und noch einiges mehr. Wenn ich einen Song fertig habe, kann ich mich schwerlich daran erinnern, wie er zustande kam. Die Ideen kommen von überall her. Wenn einmal ein Grundgedanke da ist, wird er recht schnell zu einem Song. Da gibt es wenig Zwischenschritte. Überhaupt kommen die besten Songs zufällig, ohne daß man daran denkt. Der Sommer ist eine gute Zeit, Lieder zu schreiben, man hat ein Gefühl der Freiheit, viel Ruhe im Kopf und auch eine Menge Zeit. Es herrscht dann einfach ein gutes Klima für Musik. BREAK ON THROUGH schrieb ich beispielsweise an einem Morgen in Venice an einem der Kanäle. Ich ging über eine Brücke und dachte an ein Mädchen, das ich zu der Zeit kannte. Ray schrieb dann einen Teil der Musik dazu.

Frage: Haben Sie denn schon eine Melodie parat, wenn Sie Texte schreiben?
Jim: Manchmal. Viele meiner Texte habe ich schon vor ein paar Jahren geschrieben. Seitdem habe ich nicht viele Songs entwickelt. Das macht Robby zur Zeit.

Frage: Warum schreiben Sie Texte und was wollen Sie damit erreichen?
Jim: Klarheit archivieren und das Schicksal verändern. Eine seltsame Farbe des Stammestartan verdunkeln. Eine Absicht meines Buches liegt darin, mehr Leute zu veranlassen, ihr Schicksal und ihre Bestimmung, der sie ziemlich hilflos gegenüberstehen, selbst in die Hand zu nehmen und zu kontrollieren. Ich finde es schade, daß nur wenige am Geschehen teilnehmen und resignieren. Sie überlassen alle Macht ein paar Individuen. Ein mündiger Bürger sollte daran teilhaben und versuchen, Kontrolle auszuüben. Ich beklage die Tatsache, daß so viele sich zurückziehen und ihre wohlbehüteten Leben führen, während draußen Ungerechtigkeit herrscht und Fehlentscheidungen passieren. Die Leute ignorieren das einfach, kümmern sich nicht darum und schauen sich nur die Reproduktion von Realitäten aus zweiter oder dritter Hand in Kinos oder im Fernsehen an. Vielleicht helfen Ihnen meine Texte dabei, aufzuwachen.

Frage: Wie unterschiedlich ist das Schreiben eines Songtextes von dem eines Gedichtes?
Jim: Es ist sehr ähnlich. Ich glaube, daß viele Gedichte der Musik sehr nahestehen. Nur muß man zum Schreiben eines Gedichtes in einer besonderen Stimmung sein, in die einen die Musik automatisch versetzt, sie hat eine Art hypnotische Qualität und hilft Dir, das Unterbewußte zu befreien. Ich bewundere Poeten, die kurzerhand eine Bühne besteigen und mit oder ohne Mikrophon vor einer Gruppe von Leuten ihre Gedichte rezitieren können. Mir gibt die Musik eine Art Sicherheit und das macht es mir leichter, mich auszudrücken. Ich wünschte, ich könnte meine Gedichte auch so "trocken" vortragen. Bei Songtexten muß man bestimmte Regeln des Takts und des Rhythmus beachten, während man beim Schreiben eines Gedichtes viel freier ist und Rhythmus und Reime außer Acht lassen kann. Wenn mir eine Melodie einfällt, muß ich die Worte dazu gleichzeitig auf Papier schreiben. Ungern halte ich beides zusammen auf einem Tonband fest, weil ich mir dann ein Transskript anfertigen müßte. Hinzu kommt, daß der Klang meiner eigenen Stimme mich beim Komponieren ziemlich unsicher macht.




Frage: Wie entstand der Song THE END?
Jim: Wir entwickelten den Song aus einem simplen "Good-Bye" Lied, zuerst existierte nur die erste Strophe und ein Refrain. Ich glaube, ich hatte den Song für ein Mädchen geschrieben, vielleicht war es auch ein Good-Bye an meine Jugendtage. Weil wir aber das Stück jeden Abend spielten, entdeckten wir das besondere Feeling des Songs, den langen, fließenden, leichten Beat, die fremdartige Gitarrenstimmung, die vage an eine indische Sitar erinnert. Der Song bekam eine Gestalt, zu der jeder in der Gruppe etwas beitrug. An unserem letzten Abend im Whiskey A Go Go sang ich als Steigerung den Teil "Father I want to kill you, Mother I want to fuck you", und wir wurden aus dem Club gefeuert. So ein Song wie THE END oder auch WHEN THE MUSIC'S OVER, NOT TO TOUCH THE EARTH und FIVE TO ONE werden wie ein Gebäude konstruiert. Der größte Teil der Lyrics fehlt zu Beginn. Wir fangen einfach mit einem Teil an und bauen das weitere dazu. Die Erfahrungen, die wir mit dieser Technik bei unseren Auftritten als Hausband im Whiskey A Go Go machten, sind von unschätzbarem Wert, denn wir hatten die Chance, alle möglichen musikalischen Experimente zu machen. Vorher im London Fog spielten wir mehr oder weniger alte R&B-Nummern und persönliche Favoriten wie GLORIA, LITTLE RED ROOSTER und WHO DO YOU LOVE, weil wir nicht genügend eigene Songs hatten.

Frage: Wieviel von THE END war denn vorhanden, als Sie den Songfür die erste LP aufnahmen?
Jim: THE END besitzt eine Art Skelett, das wir jedesmal anders füllen. Als wir den Song aufnahmen, wurde lediglich die Version verewigt, die wir zu der Zeit spielten. Auf der Platte ist THE END wie ein Film ohne Bilder oder ein Hörspiel im Radio, während wir live den Song immer wieder neu darstellen und die Zuschauer uns als Musiker und Schauspieler sehen können.

Frage: Die allererste Zeile Ihres Gedichtbandes The Lords And The New Creatures lautet "Look where we worship". Was verehren die jungen Leute heutzutage?
Jim: Nun, ich kann nicht für alle jungen Leute sprechen, aber es werden im großen und ganzen wohl die Dinge sein, die schon immer verehrt wurden: Lebensfreude, die Entdeckung des eigenen Ichs, Freiheit.

Frage: Es hat immer und zu jeder Zeit ein Generationsproblem gegeben, aber das scheint sich heute schon zu einer definitiven Spaltung zu entwickeln, die Leute scheinen anders zu denken und zu fühlen. Wie konnte das Ihrer Meinung nach geschehen?
Jim: Möglicherweise könnte es eine soziologische Basis haben. Das sogenannte Generationsproblem kann auch daher rühren, daß es heute mehr junge Leute als je zuvor gibt. Etwa 52% der Bevölkerung der Vereinigten Staaten ist unter 25 Jahren.

Frage: Aber politisch und philosophisch gesehen scheinen die jungen Leute ihre eigene Meinung über das Establishment, die alten Regierungssysteme und die Moral zu haben.
Jim: Als ich noch in der High School und auf dem College war, gab es den Protest noch nicht, der heute überall zu hören ist. Zu der Zeit war man als Teenager ein absolutes Nichts, es war eine Art Gefängnisdasein. Ich finde es ganz erstaunlich, in welch zunehmenden Maße die jungen Leute in den letzten fünf Jahren erkannt haben, welche Macht und welchen Einfluß sie als Gruppe haben.

Frage: Vor 25 Jahren waren Amerikas Jugendliche ganz anders als heute. Ihre Einstellung zum Patriotismus hat sich geändert. Die USA waren einst eine stark patriotische Nation, die eine außerordentlich dramatische Wandlung vollzogen hat...
Jim: Ja, das stimmt. Nun, ich glaube, daß die Jugend in den USA sich nach wie vor als amerikanisch identifiziert, aber es ist eine andere Art von Patriotismus. Sie denken an ein Amerika, das anders als das in der Vergangenheit ist, aber ich glaube, sie halten sich trotzdem immer noch für Amerikaner. Aus irgendeinem Grunde identifiziere ich mich auch mit diesem Wort. Ich weiß nicht, ob es so lange in mich eingetrichtert wurde oder so, aber ich fühle mich wie ein Amerikaner.

Frage: Es ist ein anderes Konzept von Patriotismus, nicht wahr?
Jim: Genau. Dieses Land ist noch sehr jung. Es hat viele Wandlungen mitgemacht und wird noch viel mehr durchmachen, aber wahrscheinlich besteht der größte Unterschied darin, daß der Gedanke, Amerika regiere irgendwie den Rest der Welt, allmählich immer unpopulärer wird. Die Leute, die ich kenne, sind damit zufrieden, nur ein einzelnes Land in einem Meer von Nationen zu sein, als zu versuchen, die eigene Lebensweise Millionen von anderen Leuten aufzuzwingen.



Frage: Verstehen die jungen Leute heute Amerikas Rolle in der Welt? Offensichtlich scheinen einige Politiker in Washington zu glauben, daß irgend jemand wegweisend sein muß, und das mächtigste und reichste Land hat die Verpflichtung, dies zu tun. Ist das moralisch richtig oder falsch?
Jim: Nun, nach dem Stand der Börse in diesen Tagen zu urteilen, weiß ich nicht, ob dieses Land sich noch weiterhin seines Reichtums so sicher sein darf. Ich glaube, wir werden einige sehr interessante Wandlungen in den nächsten Jahren durchmachen.

Frage: Erstaunt es Sie, daß es in den Colleges so viel Auflehnung gegen Washington und seine Polizei gibt?
Jim: Als ich noch Heranwachsender war, hatten die Studenten absolut keine Macht. Wenn man aber in die Geschichte zurückblickt, muß man feststellen, daß jede Revolution von den Studenten ausgegangen ist und sich auf die Arbeiter ausgeweitet hat. Ich will nun nicht vorhersagen, daß es einen drastischen Umsturz in diesem Land geben wird, aber alle Anzeichen deuten darauf hin.

Frage: Sind Sie der Zukunft gegenüber optimistisch, wenn Sie an die heutige Situation denken?
Jim: Ich versuche, immer einen aufklärenden Pessimismus bei solchen Dingen zu behalten. Ich glaube, daß eine Revolution ein Fehler wäre, weil sie, soweit ich das beurteilen kann, nur eine Macht gegen eine andere vertauschen kann. In Wirklichkeit ändert sich nichts, es ist nur ein Machtwechsel. Eine Revolution in diesem Lande würde eine Katastrophe bedeuten, die ich mir nicht vorstellen kann. Ich glaube, daß die demokratischen Ideale grundsätzlich gut sind. Alles, was wir brauchen, ist ein Wechsel der leitenden Politiker und die Änderung einiger Gesetze. Aber ich glaube, daß die Haupteinflüsse in den nächsten Jahrzehnten von den Leuten ausgehen werden, die es schaffen, große Massen von Leuten zu versammeln, wie man es heute schon bei den Pop-Festivals der letzten Jahre beobachten kann. Die Rockmusikenthusiasten haben meiner Meinung nach die aufregendsten musikalischen und theatralischen Augenblicke geschaffen, die jemals auf diesem Planeten stattfanden.

Frage: Was denken Sie über das von Computern beherrschte, entmenschlichte komplexe Leben?
Jim: Es scheint einen Trend zu geben, der zu einer einfachen Lebensanschauung zurückführt, zur stammesähnlichen Lebensgemeinschaft. Eine natürliche Reaktion auf die Industrialisierung aber es ist leider ziemlich naiv, weil die Zukunft immer mehr mechanisiert und von Computern beherrscht sein wird. Ich glaube nicht, daß es irgendeinen Weg zurück gibt. Es geht vielmehr darum, einen Weg zum Überleben und Gedeihen in dieser Gesellschaft zu finden.



Frage: Wo sollen die Leute denn anfangen, um überleben zu können?
Jim: Sie müssen zu den Grundbedürfnissen zurückkehren. Zum Beispiel müssen sie wieder lernen, sich berühren zu können. Irgendwie wird das Leben darauf zurückgeschraubt, was man sehen kann, weniger auf das, was berührt oder erfahren werden kann. Physisch, natürlich. Ich weiß nicht, ob es nun eine natürliche menschliche Furcht ist, denn Berührungen führen zum "Wieder-berührt-werden", zu all den grundlegenden existentiellen Augenblicken im Leben: Sex, Tod, Liebe, wissen Sie, alles Dinge, die nicht viel mit Sehen zu tun haben. Zur Zeit herrscht eine Art Vermeidung von "Berührkontakten" in unserer Zivilisation, eine Vermeidung von Grundbedürfnissen unseres Lebens.

Frage: Also legen Sie die Hippie- und Yippiebewegung als eine Reaktion auf dieses modernisierte Leben aus?
Jim: Auf jeden Fall. Eine Art dionysische Reaktion, aber sehr naiv und fruchtlos. Aber im allgemeinen verändern sich Generationen heutzutage jedes Jahr, fast schon jeden Monat. Früher änderten sich die Einstellungen nur etwa alle 10 Jahre. Also wird auch die Hippiebewegung nur eine kurze Zeit andauern.

Frage: Sind die Wurzeln der derzeitigen Unruhen nach Ihrer Meinung im Konflikt der Generationen zu suchen - die Jungen gegen die Alten?
Jim: Ich bin nicht der Ansicht, daß man die Menschheit in Junge und Alte einteilen kann. Die viel wichtigere Unterscheidung ist dieselbe wie in der alten Geschichte von der Ameise und dem Grashüpfer. In jedem menschlichen Wesen herrscht dieser "Ameisen-Grashüpfer-Konflikt" - spielen und schaffen - und mehr oder weniger quält uns alle dieser Konflikt. Die Musik beruft sich auf die Grashüpfer, obwohl sie genauso fleißig sind wie alle anderen. Ebenso neigen viele ältere Leute zum
Typ des Arbeitens, andere hingegen tendieren zum Typ des Spielens. Die Musik ist wie der Grashüpfer - sie ist eine Abwechslung von der täglichen Plackerei. Sie liefert eine Alternative und ist nicht so trübe wie der Stil der Ameise.

Frage: Ich nehme als Beispiel Ihren Lebensstil, Jim. Ihr Haar ist lang und Sie kleiden sich lässig. Sie haben Ihren eigenen Weg gewählt. Es gibt heutzutage viel Freiheit, die die ältere Generation nie gefühlt hat, oder nie den Mut gehabt hat, zu fühlen.
Jim: Ja, einmal das, und betrachten Sie genauso den Lebensstil der Hippies. Es ist wirklich ein Phänomen der Mittelklasse. Es könnte in keiner anderen Gesellschaft existieren als in der unsrigen mit ihrem unglaublichen Überfluß an Gütern, Produkten und Freizeit. Die Generationen vor uns hatten Weltkrieg und Niederlagen, mit denen sie sich auseinandersetzen mußten, und in den letzten 10 oder 15 Jahren gab es in diesem Lande Geld und Zeit genug, um in diesem abscheulichen, zügellosen Lebensstil zu leben, was vorher unmöglich war.

Frage: Viele Fans sehen in Ihnen den Führer, der sie zur Freiheit führt. Wie reagieren Sie darauf?
Jim: Das ist absurd. Wie könnte ich einen Menschen befreien, der nicht den Mut besitzt, selbst zu reagieren und seine eigene Freiheit zu suchen. In der Tat ist das alles eine Lüge, die Leute schreien, daß sie frei sein wollen, jeder betont, wie wünschenswert, wie heilig und wie wertvoll die Freiheit ist, aber die gleichen Leute scheuen sich vor dem Gedanken, frei zu sein. Sie halten sich an ihren Ketten fest und kämpfen gegen jeden, der versucht, sie davon zu befreien. Wie können sie hoffen, daß ich oder irgend jemand versucht, sie zu befreien, wenn sie es selbst nicht einmal wollen?

Frage: Sie glauben also, daß die Leute die Freiheit zu sehr fürchten?
Jim: Ja, sie haben Angst vor dem Unbekannten, und es ist eine ironische Tatsache, daß in früheren Zeiten dieses Unbekannte völlig verstanden wurde, weil es sich um den Bereich der eigenen Seele handelt. Die einzige Lösung ist, sich mit seiner eigenen Angst zu konfrontieren. Es ist das Fürchterlichste, was man sich vorstellen kann. Die Angst verliert dadurch ihre Macht und verschwindet schließlich.

Frage: Wie definieren Sie das Wort "frei"?
Jim: Es gibt verschiedene Arten von Freiheit und eben so viele Mißverständnisse darüber. Die wichtigste Form der Freiheit ist die Selbstverwirklichung, das sein zu können, was man wirklich ist. Unsere Gesellschaft zwingt uns, den eigenen Willen aufzugeben und eine bestimmte Rolle zu übernehmen. Sie zwingt uns, die Realität gegen ein Spiel auszutauschen. Jeder verzichtet zugunsten einer Maske auf die Fähigkeit, Gefühle auszuleben. Es kann keine Revolution in großem Ausmaße geben, wenn es vorher keine individuelle persönliche Revolution gegeben hat. Man kann jemandem verbieten, sich politisch zu engagieren ohne ihn deswegen zu verletzen, jedoch kann der Entzug der Gefühlsfreiheit ihn zerstören.

Frage: Kann jemand Ihnen Gefühle verbieten?
Jim: Einige Leute geben gerne ihre Freiheit auf, andere werden dazu gezwungen. Das Einsperren fängt mit der Geburt an. Gesellschaft, Eltern ... sie lassen Dir die Freiheit nicht, die Du besitzt, wenn Du auf die Welt kommst. Es gibt mehrere Methoden, eine raffinierter als die andere, um einen Menschen, der zu fühlen wagt, zu bestrafen. Wenn Dir bewußt wird, daß alle um Dich herum ihr wahres Wesen unterdrücken, bist auch Du gezwungen, es zu tun.

Frage: Wollen Sie damit sagen, daß wir dazu da sind, eine Gesellschaft zu vermehren, die uns jede wirkliche Empfindung entzieht?
Jim: Sicherlich. Lehrer, Religionsführer, sogar Freunde, oder diejenigen, die sich so nennen, übernehmen die Rolle der Eltern. Sie erwarten von Dir, daß Du nur die Empfindungen hast, die sie wünschen. Sie verlangen, daß Du nur eine bestimmte Schicht von Empfindungen spielen läßt. Wir sind wie verlassene Schauspieler auf dieser Welt, die herumziehen und nach einem Phantom suchen, endlos auf der Suche nach einem halbvergessenen Schatten unserer Realität. Wenn andere darauf bestehen, daß wir zu ihresgleichen werden, zwingen sie uns, unser wahres Wesen zu zerstören. Es handelt sich um eine subtile Art von Mord, die meisten liebevollen Eltern und Verwandten begehen diesen Mord mit einem Lächeln auf dem Gesicht.

Frage: Meinen Sie, daß es einem Menschen möglich ist, sich von diesen repressiven Mächten selbst zu befreien?
Jim: Diese Art Freiheit sollte nicht für selbstverständlich gehalten werden. Niemand kann sie für uns gewinnen. Jeder muß selbst für sich mit der Selbstbefreiung beginnen. Wenn man das andere für sich machen läßt, wird man wieder von diesen abhängig. Man ist dann immer noch abhängig von diesen bösen Mächten.

Frage: Könnten nicht alle, die eine solche Freiheit wollen, sich zusammenfinden, ihre Kräfte gemeinsam werden lassen,
vielleicht auch nur, um sich gegenseitig zu stärken?
Jim: Freunde können sich gegenseitig stärken. Ein wahrer Freund ist derjenige, der Dir Deine vollständige Freiheit läßt, Du selbst zu sein - und vor allen Dingen Dir Deine Gefühle läßt. Der Dich akzeptiert, so wie Du bist. Das ist auch die wahre Liebe, denn die meisten Leute lieben Dich für das, was Du vorgibst zu sein. Um ihre Liebe zu halten, mußt Du ihnen etwas vorspielen. Irgendwann liebst Du Deine Verstellung. Es ist tatsächlich wahr, wir sind in einem Image gefangen, in einer bestimmten Verhaltensweise. Das Traurige ist, daß sich die Leute schließlich so daran gewöhnen, mit einer Maske herumzulaufen, daß sie schließlich vergessen, wer sie eigentlich sind. Sie lieben ihre Ketten. Versucht man, es ihnen in Erinnerung zu bringen, hassen sie Dich dafür, als wenn man ihnen ihren kostbarsten Besitz rauben wollte. Die meisten Leute haben keine Ahnung von dem, was sie verpassen. Unsere Gesellschaft hat die Gefühlskontrolle zum Höchstwert deklariert. Unsere Kultur spottet über "primitive Kulturen" und ist stolz auf die Unterdrückung unserer natürlichen Instinkte und Triebe.



Frage: In einigen Ihrer Gedichte loben und bewundern Sie primitive Völker wie zum Beispiel die Indianer. Glauben Sie, daß nicht die Menschheit allgemein, sondern eher unsere Gesellschaft schwach und destruktiv ist?
Jim: Schauen Sie sich nur an, wie andere Völker leben - friedlich, in Harmonie mit der Erde, dem Wald, den Tieren. Sie bauen keine Kriegsmaschinen und investieren nicht Millionen von Dollars, um andere Länder anzugreifen, deren politische Ideen nicht mit ihren eigenen übereinstimmen. Teilweise rührt die Krankheit unserer Zivilisation daher, daß wir uns dieser Krankheit nicht bewußt sind. Unsere Gesellschaft besitzt zuviel - zuviel, um alles im Griff halten zu können, zu viele Werte. Die Freiheit steht am Ende der Liste.

Frage: Kann ein Künstler dieses korrigieren?
Jim: Ich biete eine Vorstellung an und rufe die Erinnerung an diese Freiheit auf, wie sie zu erreichen ist - wie mit den Doors. Wir können jedoch nur die Türen öffnen, nicht die Leute hindurchschieben. Ich kann niemanden befreien, außer er will befreit werden, mehr als alles andere. Primitive Völker haben einfach weniger Krempel, auf den sie verzichten können und den sie aufgeben können. Man muß alles aufgeben wollen, nicht nur den Wohlstand. Auch den Mist, den man gelernt hat, all die Gehirnwäsche unserer Gesellschaft. Man muß das alles hinter sich lassen, um zur anderen Seite zu gelangen. Die meisten sind allerdings dazu nicht bereit.

Frage: In Ihrem Song BREAK ON THROUGH vermitteln Sie eine transzendente, apokalyptische Weltanschauung. Gilt diese immer noch für Sie?
Jim: Heute sehe ich das anders. Es schien damals möglich zu sein, eine Bewegung in Gang zu setzen, in der alle sich in einem Massenprotest zusammen erheben und nicht mehr unterdrückt werden wollen, alle Kräfte zu sammeln, um das, was William Blake die "Ketten des menschlichen Geistes" nannte, zu sprengen. Die Zeit, wo die Leute auf die Straßen gingen, ist vorbei. Natürlich kann immer noch eine Transzendenz stattfinden, aber nicht in einer Massenrebellion. Jeder muß sie jetzt für sich selbst durchführen. Jeder rette sich, wie man sagt. Gewalt ist nicht immer negativ, doch die Anbetung der Gewalt führt zum Bösen. Natürliche Energien und zu lange unterdrückte Triebe führen zur Gewalt. Es ist ganz natürlich, daß etwas lange Unterdrücktes bei einer Befreiung gewaltsam ausbricht. Dieser Gewaltausbruch ruft bei den Leuten Lustgefühle hervor, auch wenn sie nur kurz und selten sind. Der Mensch findet dann Geschmack an der Gewalt.

Frage: So ist der Ursprung des Bösen nicht in der Gewalt selbst oder in den empfundenen Lustgefühlen begründet, sondern in den repressiven Kräften?
Jim: Ja, genau. Aber manchmal geht die Lust an der Gewalt mit einer insgeheimen Komplizenschaft gegenüber den Unterdrückern gemein. Die Leute suchen die Tyrannen, vergöttern und unterstützen sie. Sie bauen Einschränkungen und Gesetze mit auf und sind entzückt von der Gewalt in ihren kurzen Ersatzrebellionen.

Frage: Warum ist das so?
Jim: Tradition vielleicht, Vererbung der Väter. Amerika wurde durch Gewalt geschaffen, und die Amerikaner fühlen sich von Gewalt angezogen. Sie lieben aufbereitete Gewalt, wie aus Dosen. Sie sind vom Fernsehen hypnotisiert, welches ein unsichtbares Schild vor die nackte Realität hält. Die Krankheit des 20. Jahrhunderts liegt in der Unfähigkeit, die Wirklichkeit zu erfassen. Die Leute drängen vor die
Fernseher, die Seifenopern, Kinos, Theater und vor die Pop-Idole und empfinden starke Gefühle durch diese Symbole. Aber bezüglich der Realität ihres Privatlebens sind sie emotionell tot.

Frage: Was veranlaßt uns, vor unseren Gefühlen zu fliehen?
Jim: Wir fürchten weniger die Gewalt als unsere Gefühle. Die eigenen privaten und einsamen Leiden sind furchterregender als alles, was uns Fremde zufügen. Das Leid ist dazu geschaffen, uns aufzuwecken. Man versucht, seine Leiden zu verbergen, was falsch ist. Leid muß man tragen können wie ein Radio. Wer mit seinem Leid experimentiert, fühlt seine Stärke. Das ist das Wichtige. Leid ist eine Empfindung, und deine Empfindungen sind ein Teil von dir. Deine eigene Realität. Wenn du dich ihrer schämst und sie versteckst, läßt du der Gesellschaft freien Lauf, deine Wirklichkeit zu zerstören. Du solltest um dein Recht kämpfen, Leiden zu fühlen.

Frage: Würden Sie sich selbst als einen Schamanen bezeichnen? Viele Fans meinen, daß Sie sie zur Erlösung führen können. Akzeptieren Sie diese Rolle?
Jim: Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Erlösung ist, wonach die Leute suchen, und ob sie mich als Anführer wollen. Der Schamane arbeitet mit Heilkräften, wie ein Hexendoktor. Die Leute interessieren sich nicht deswegen für mich, und ich halte mich selbst nicht für einen Retter.

Frage: Warum aber glauben Sie, daß sie sich an Sie wenden?
Jim: Der Schamane ist wie ein Sündenbock. Ich betrachte die Rolle des Künstlers wie die eines Schamanen und Sündenbocks. Die Fans projizieren ihre Phantasien in ihn, und ihre Phantasien werden auf diese Art lebendig. Die Leute können ihre Phantasien zerstören, indem sie ihn zerstören. Ich gehorche den Trieben, die jeder hat, aber die nicht jeder zugeben will. Indem sie mich attackieren, mich strafen, können sie sich von diesen Trieben befreit fühlen.

Frage: Meinten Sie dieses, als Sie vorhin sagten, daß die Leute starke Empfindungen durch Symbole haben, wie zum Beispiel durch Pop-Idole?
Jim: Genau. Die Leute haben Angst vor sich selbst, vor ihrer eigenen Realität und vor allen Dingen vor ihren Gefühlen. Sie reden davon, wie großartig die Liebe ist, aber das ist Unsinn. Liebe schmerzt. Gefühle verwirren nur. Den Leuten wurde eingeredet, daß Leid böse und gefährlich sei. Wie können sie mit der Liebe umgehen, wenn sie vor Gefühlen erschrecken?



Frage: Sagten Sie deswegen: "My only friend, the end"?
Jim : Manchmal ist das Leid zu groß, um toleriert werden zu können. Das macht es nicht böse oder gefährlich. Aber die Leute fürchten den Tod mehr als das Leid. Es ist merkwürdig, daß sie den Tod fürchten, denn das Leben schmerzt mehr als der Tod. In dem Moment, wo man stirbt, verschwindet der Schmerz. Ich glaube schon, daß der Tod ein Freund ist.

Frage: Manche sehen Sex als den großen Befreier oder als die höchste Stufe der Befreiung an. Weisen nicht manche Ihrer Lieder in diese Richtung?
Jim: Sex kann eine Befreiung, aber auch ein Gefängnis sein. Es kommt darauf an, wie sehr man seinen Körper und seine Gefühle beachtet. Die meisten sind zu sehr damit beschäftigt, ihre Gefühle zu bedecken als auf sie zu hören. Wenn ich Artikel über mich lese, muß ich feststellen, daß der Sexappeal meines Auftritts immer sehr herausgekehrt wird. Das steigert die Auflage einer Zeitung. Die Leute fliegen auf so etwas.

Frage: Ist Sex nicht ein Mittel, Gefühle zu verstärken?
Jim: Sex ist voller Lügen. Der Körper versucht, die Wahrheit zu sagen, ist aber durch Verbote sehr eingeengt und an Verstellung gebunden, so daß er nicht gehört werden kann. Wir verkrüppeln uns selbst durch Lügen.

Frage: Wie kann man diese Regeln und Lügen überwinden?
Jim: Indem man auf seinen Körper hört und seine Sinne öffnet. Blake sagte, daß die Seele im Körper gefangen sei und nur frei werde, wenn die fünf Sinne vollständig entwickelt und offen seien. Er sah die Sinne als "Fenster der Seele" an. Wenn der Sex alle Sinne mit einbezieht, kann er wie eine mystische Erfahrung sein. Vor einigen Jahren war Sex noch wie im viktorianischen Zeitalter - husch-husch, hinter verschlossenen Türen. Heute sind die jungen Leute viel freier, obwohl der Sex immer noch einige Geheimnisse bewahren wird. Man hat ihn allerdings jetzt als eine der Grundlagen der menschlichen Bedürfnisse erkannt.

Frage: In manchen Songs stellen Sie den Sex als eine Flucht dar, als einen Zufluchtsort oder als Heiligtum, wie in CRYSTAL SHIP, THE SOFT PARADE oder SOUL KITCHEN. Die Art und Weise, wie Sie eine Parallele zwischen Sex und Tod herstellen, ist faszinierend. Ist das nicht aber eine Art höchster Verleugnung des Körpers?
Jim: Überhaupt nicht, es ist vielmehr das Gegenteil. Wenn man seinen Körper verleugnet, wird er zu einer Gefängniszelle. Es ist zwar paradox, aber um die Grenzen des Körpers zu überschreiten, muß man sich so tief wie möglich in ihn versenken, sich seinen Sinnen total öffnen. Es ist nicht so leicht, seinen Körper völlig zu akzeptieren, weil man uns beigebracht hat, den Körper zu beherrschen und zu kontrollieren. Natürliche Dinge wie Pinkeln und Scheißen werden als schmutzig bezeichnet, obwohl die puritanische Einstellung langsam ausstirbt. Wie kann Sex eine Befreiung sein, wenn man seinen Körper noch nicht einmal berühren mag, sondern vor ihm flieht? Sex ist allerdings nur ein Faktor von vielen, der unser Leben bestimmt. Ich glaube nicht, daß Sex das Wichtigste ist, obwohl Musik auch ein natürliches Grundbedürfnis ist. Man kann Musik und Sex nicht voneinander trennen.

Frage: Wie kam das Cover der LP STRANGE DAYS zustande?
Jim: Ich haßte das Cover der ersten LP. Darum sagte ich, daß ich nicht auf dem Cover der zweiten LP abgebildet sein wolle. Ich schlug ein Mädchen, eine Löwenzahnblüte oder irgendein Design vor. Dann erwähnte jemand den Titel STRANGE DAYS für die Platte, und alle waren begeistert, denn es waren tatsächlich merkwürdige Tage zu der Zeit. Der Titel paßte genau. Zuerst wollte ich ein Foto von uns in einem Raum machen lassen, umgeben von 30 Hunden, doch das schien unmöglich, denn wir konnten nicht so viele Hunde auftreiben und jeder wollte wissen, was zum Teufel die Hunde auf dem Cover zu suchen hätten. Für mich wäre das mehr symbolisch gewesen, "Dog" liest sich rückwärts "God". So überließen wir schließlich die ganze Sache dem Fotografen und sagten ihm lediglich, daß wir etwas sehr Freakiges wollten. Er machte dann dieses Bild mit den Varietéleuten, das sehr europäisch aussah. Es war besser, als wenn unsere verdammten Gesichter wieder auf der Hülle gewesen wären. STRANGE DAYS ist übrigens eine LP, auf die ich sehr stolz bin. Sie erzählt eine bestimmte Geschichte, eine Gesamtleistung. Irgendwann wird die Platte die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient. Zu der Zeit, als wir das Album veröffentlichten, waren sich viele nicht bewußt, was wir damit überhaupt zustande gebracht hatten.

Frage: Viele meinen, daß der Enthusiasmus und die Kreativität der Doors auf den ersten beiden Doors-LPs bei WAITING FOR THE SUN und THE SOFT PARADE nachgelassen hat. Wie stehen Sie dazu?
Jim: Die meisten Songs auf den ersten beiden Alben wurden geschrieben, als wir noch in Clubs an sechs Abenden in der Woche spielten. Bei den Aufnahmen zu WAITING FOR THE SUN waren wir mitten in Tourneen und hatten keine Gelegenheit, neues Material auszuarbeiten. Tatsächlich wurden einige Songs auf dem Album direkt im Studio geschrieben. Deswegen waren einige Stücke auf dem Album wohl nicht ganz ausgereift. Was THE SOFT PARADE angeht, nun, irgendwie gerieten die Aufnahmen außer Kontrolle, und wir haben einfach zu lange daran gearbeitet. Die Sessions dauerten mehr als 9 Monate lang. Ich meine, daß ein Album wie ein Buch mit Kurzgeschichten sein sollte, die es zusammenhalten, eine Art einheitlicher Gedanke oder Stil, und genau das ist es, was bei THE SOFT PARADE fehlt. Dennoch bin ich der Ansicht, daß unsere Musik fortschrittlicher und besser, ja sogar direkter, professioneller und interessanter geworden ist. Die Leute ärgern sich über die Tatsache, daß die vor drei Jahren hervorgetretene Renaissance von Geist, Emotion und revolutionären Gefühlen die Dinge nicht über Nacht änderte, die Doors aber immer noch da sind und gute Musik machen. Ich glaube, daß wir die Band sind, die eine Haßliebe bei den Leuten produziert. So war es aber schon von Anfang an. Wir werden allgemein verachtet. Wir sind auf einem monströsen Egotrip, und das mögen die Leute nicht. Als ich neulich in San Francisco auf einem Filmfestival war, wo unser Film Feast Of Friends gezeigt wurde, haben die Zuschauer, die weit unter 30 Jahren waren, ihn ausgebuht. Sie hassen uns, weil wir so gut sind.

Frage: Stört es Sie, wenn man die Doors niedermacht?
Jim: Ja, sogar sehr. Ich wünschte, die Leute würden so etwas nicht machen. Aber: Pressefreiheit und all das ... ich sehe da auch eine Gefahr darin. Wissen Sie, es ist wie bei jemandem, der seinen ersten Roman schreibt, danach gönnt man ihm Ruhe, klopft ihm auf den Rücken, und nach seinem zweiten Roman zerreißen sie ihn. Wenn er dann noch mehr Bücher schreibt und damit zeigt, daß er Durchhaltevermögen hat, heißt es: "Willkommen in der Familie", und man umarmt ihn. Mit uns scheint es genauso zu sein. Wir müssen noch ein wenig länger durchhalten. Ich glaube, daß eines Tages die Leute uns wieder als alte Freunde betrachten, die schon jahrelang da waren und jetzt ein Teil des nationalen Geistes geworden sind.

Frage: Ein Teil der Kritik richtet sich gegen den kommerzielleren, angepaßteren Sound der Doors und besonders auch gegen die Lyrics in dem Song HELLO I LOVE YOU, wofür Sie einige Kritik einstecken mußten.
Jim: Da kann ich nicht zustimmen. Ich denke, daß unsere Musik besser und besser wird. Sie wird kultivierter und intellektueller, auch textmäßig. Nebenbei gesagt, wenn man andauernd immer wieder das gleiche macht, wird es nach einiger Zeit langweilig. Wer will den schon REVOLUTION 24 Stunden am Tag hören? Und was HELLO I LOVE YOU angeht, nun, ich schrieb den Song schon vor Jahren, und wenn Sie die Lyrics hören... "Hello I love you, won't you tell me your name, hello I love you, let me jump in your game, she's walking down the street, blind to every eye she meets, do you think you'll be the guy to make the queen of the angels sigh, do you hope to pluck this dusky jewel." Vergessen Sie den Rest davon. Ich denke nicht, daß die Lyrics so schlecht sind.

Frage: Können Sie berichten, wie die Doors im Aufnahmestudio arbeiten?
Jim: Üblicherweise proben wir einige Wochen lang, bis wir eine ausreichende Anzahl von Songs zusammen haben, die wir dann aufnehmen. Auf MORRISON HOTEL ging es eigenartig schnell, wir gingen ins Studio und nahmen pro Tag einen Song auf, was ziemlich ungewöhnlich für uns ist, denn das erste Album nahmen wir in etwa 10 Tagen auf, und jede weitere Platte dauerte länger und länger. Für THE SOFT PARADE brauchten wir fast 9 Monate. Bei MORRISON HOTEL gingen wir wieder auf unsere eigenen Instrumente zurück, nur wir vier und ein Bassist.

Frage: Wer kam auf diese Idee?
Jim: Weiß ich nicht. Hmm, ich glaube, dieser Satz ist die fürchterlichste Phrase in der englischen Sprache: "I don't know." Sie ist entsetzlich peinlich.

Frage: Ist Ihnen im Aufnahmestudio zu einem bestimmten Zeitpunkt schon einmal gewahr geworden, daß Sie soeben eine Hitsingle produziert hatten?
Jim: Nein, wir machen eine Menge Witze darüber. Wir machen einfach nur eine LP, und jedesmal, wenn wir einen Song für eine Single auswählen, ist es meist der falsche. Bei MORRISON HOTEL lassen wir unsere Zuhörer entscheiden, welchen Song sie am meisten mögen und als Single veröffentlicht sehen wollen. Das scheint mir der geeignete Weg zu sein. Wir selbst haben anscheinend nicht den Schlüssel zum Puls der Nation, denn wir haben in der Beziehung mehr Fehler als sie gemacht.

Frage: Welchen Stellenwert nehmen Platten als eine Kunstform für Sie ein?
Jim: Ich glaube, daß Schallplatten die Bücher ersetzt haben. Wirklich! Bücher und Filme. Sie sind besser als Filme, denn einen Film sieht man ein- oder zweimal, später noch mal im Fernsehen. Eine Platte ist jedoch einflußreicher als jede andere derzeitige Kunstform. Jeder mag sie. Jeder hat eine Menge davon zu Hause und hört manche mehr als fünfzig Mal, zum Beispiel Platten von den Stones oder von Dylan. Einige Platten zeigen Dir den Fortschritt, und Dein eigener mentaler Fortschritt ist an den Platten zu messen, die Du gerade hörst.


Frage: Es ist bekannt, daß Sie gerne lesen. Kommen Sie jetzt überhaupt noch dazu?
Jim: Nein, ich lese nicht mehr soviel wie früher. Das Schreiben ist auch nicht mehr so fruchtbar. Wir arbeiten zu hart an den Songs, hinzu kommen die Konzerte und Tourneen. Früher hatte ich mehr Zeit dazu, als ich noch in diesem verlassenen Bürogebäude lebte und auf dessen Dachterrasse schlief, Sie kennen sicherlich diese Geschichten. Und irgendwann warf ich dann alle Notizbücher fort, die ich seit meiner Zeit auf der High-School führte, und widmete mich nur noch dem Songschreiben. Das war ziemlich schwierig, ich mußte die Lyrics aufschreiben und gleichzeitig mit der Melodie im Kopf mithalten. Manche Leute wissen es nicht, aber ich schreibe auch eine Menge der Melodien für unsere Songs, aber meistens bleibt mehr von den Worten als von der Melodie übrig, und diese auch nur als Ideenfragmente. Wissen Sie, früher hörte ich die Lieder wie bei einem Auftritt auf der Bühne, mit Publikum, der Band und einem Sänger. Einfach alles ging in meinem Kopf herum, wie eine Zukunftsvision. Es war alles schon in meiner Vorstellung vorhanden. Nein, ich lese und schreibe nicht mehr soviel wie früher, das Leben ist viel zu interessant. Aber ich vermute, ich werde irgendwann zur Ruhe kommen und wieder in diesen Sattel klettern. Zur Zeit sauge ich das Leben in mich auf, bei einem Mann ist so etwas, glaube ich, eine ganz normale Phase.

Frage: Wie kam denn der Schluß von THE END zustande? Ist diese Geschichte aus dem Whiskey a Go Go wahr?
Jim: Ich hatte so was wie eine magische Formel, um in mein Unterbewußtsein einzutauchen. In dem Fall legte ich mich flach hin und wiederholte ohne Unterlaß den Satz "Fuck the mother, kill the father, fuck the mother, kill the father". Man kommt tatsächlich in seinen eigenen Kopf hinein, indem man einen Slogan immer und immer wiederholt, recht einfach also. Dieses Mantra wird auch nie inhaltslos. Es bleibt immer an einer gewissen Basis und zerfällt niemals in einzelne Worte. Solange man es vor sich hinspricht, ist man sich des gesamten Spruches bewußt. Alles kommt vom Kopf her.

Frage: Die Leute im Whiskey waren reichlich geschockt, als Sie diese Songzeilen brachten. Sind Sie seitdem jemals wieder mit diesem Song so bei einem Publikum durchgefallen wie beim ersten Mal, wo die Leute zum Mob wurden?
Jim: Ich denke über etwas nach, was die Leute noch mehr schockieren wird. An dem Tag, an dem das passiert, was ich im Kopf mit mir trage, wird alles vorbei sein. Das Ende. Wo soll man dann noch hingehen, wenn alle, auch für den Bruchteil einer Sekunde, eins werden. Sie könnten niemals zurückkehren. Nein, ich glaube nicht, das ich so etwas realisieren kann, jedenfalls nicht so, wie es in meinem Kopf existiert. Die Leute, die zu unseren Konzerten kommen, werden gewöhnlich ganz schön angetörnt. Zunächst kann man feststellen, ihr dort seid das Publikum und wir sind hier oben auf der Bühne. Und wie aus heiterem Himmel seid ihr dort genauso wie wir. Es ist unglaublich, wenn das Publikum weiß: "Ihr seid wie wir". Alle Barrieren zerbrechen, und ich liebe die darauf folgenden Reaktionen.



Frage:
Das Album WAITING FOR THE SUN war fertiggestellt, als Sie nochmals ins Studio gingen, um noch weiter daran zu arbeiten und Sachen hinzuzufügen. Letztendlich blieb es aber doch bei der ersten Fassung ...
Jim: Ja, wir haben meine Idee dann doch fallengelassen. Ich wollte zwischen den Songs Gedichte eingefügt haben. Aber wer will schon Gerede auf einer Platte hören? Die Leute wollen die Musik, und nur diese. Jedermann kann reden, aber wesentlich weniger Leute können Musik machen oder singen.

Frage: Was denken Sie über all die Dinge, die in der Presse über Sie zu lesen sind und die immer wiederholt werden?
Jim: Wenn jemand berühmt ist, sollte er lernen, seine Zunge im Zaum zu halten. Besonders natürlich vor Presseleuten. Welch eine Vorstellung, aufzuwachen und gerade das zu sagen, was einem soeben im Kopf herumgeht, und am nächsten Tag müßte man es in der Zeitung lesen! Die Mentalität eines
Journalisten hat viel von der Psychologie eines Voyeurs. Ein Reporter spricht niemals über sich selbst, wie es alle anderen Leute tun. Er saugt alles auf wie ein Schwamm und diskutiert nie seine eigene Psyche. Ich glaube, daß die Kunst die Offenbarung des Schönen ist, das Schöne als etwas Absolutes, welches in einer desorientierten Wahrnehmung der Realität wurzelt. Gerichtet gegen die Gleichmäßigkeit, enthüllt die Balance zwischen Objekt und Zuschauer eine beziehungslose Welt. Man weiß, wann man es geschafft hat, und auch, wenn der Weg des Begreifens noch weit ist. Was mich betrifft, so breite ich vor allen aus, was ich mir an Dingen ausgedacht habe. Natürlich wird vieles dann sehr naiv wiedergegeben. Wenn man mir allerdings Fragen stellt, so sage ich immer und immer wieder, was ich denke. Ich, ich, ich ... Hinzu kommt, daß meiner Meinung nach eine verborgene Welt existiert, in der alles schläft. Eine Welt, an die wir uns erinnern, die aber jeder zu vergessen sucht. Die Leute lieben dieses Spiel, doch niemand wird zugeben, daß es ein Spiel ist. Wenn es jemand tun würde, wäre es zu Ende.

Frage: Lesen Sie Ihre Fanbriefe?
Jim: Ich glaube, es steckt mehr Philosophie in den Köpfen sechzehnjähriger Mädchen, als man sich während einer Zigarettenlänge vorstellen kann. Ein paar dieser Briefe an mich sind wirklich einzigartig, tiefgründig, ehrlich und offen, andere sind Mist. Ich bekomme teilweise unglaubliche Briefe. Sie lehren mich, wie man leben soll, anstatt daß ich es ihnen beibringe. Meine Fans sind intelligent, sehr sensitiv und sehr philosophisch.



Frage: Was halten Sie von großen Popfestivals wie Woodstock?
Jim: Ich glaube, daß diejenigen, welche sagen, die Zeit der Festivals sei vorbei, falsch liegen. Solche gigantischen Massenveranstaltungen werden in der Zukunft immens wichtig werden. Natürlich sind die Ereignisse in Woodstock durch den Film sehr romantisiert worden, jedenfalls hatte ich den Eindruck, nachdem ich den Film gesehen hatte. Es sah aus wie eine Ansammlung junger Parasiten, die drei oder vier Tage lang mit Liebe und Frieden löffelweise gefüttert wurden. Die Zuschauer sahen aus wie Getäuschte und Opfer einer Kultur. Vielleicht sehe ich das aber auch falsch, denn ich war noch nicht einmal als Zuhörer dort. Obwohl dort so ein Durcheinander herrschte und die meisten Leute vielleicht gar nicht so sind, wie sie zu sein scheinen, ist eine derartig freie Feier einer jungen Kultur besser als nichts. Und ich bin mir sicher, daß viele eine Art Mythos mit sich nach Hause nehmen, der ihr weiteres Leben beeinflussen wird.

Frage: Sie glauben also nicht an diese wundervolle Revolution, von der überall gesprochen wird?
Jim: Ich möchte darüber nicht viel sagen, weil ich die Politik bisher nicht allzu intensiv studiert habe. Es scheint aber, daß man sich in einem ständigen Zustand der Revolution befinden sollte, oder man ist scheintot. Die Revolution muß konstant vor sich gehen, in dem Sinne, daß sich nicht radikal Dinge ändern, sondern daß durch die Revolution alle Probleme gelöst werden.

Frage: Bezeichnen Sie sich immer noch als "Lizard King"?
Jim: Das liegt schon etwas zurück, und auch zu der Zeit meinte ich es ironisch, sagte es so halb als Witz. Doch die Presse nahm es sofort auf. Ich dachte, jeder würde es als Ironie erkennen, doch tatsächlich hielten mich alle für verrückt. Ich glaube, daß vor dem Schreiben und Singen eines meiner größten Talente das instinktive Geschick zur Verbreitung meines eigenen Images ist. Es gelang mir recht gut, die Öffentlichkeit mit kleinen Phrasen wie "Politiker der Erotik" und so zu manipulieren. Schließlich bin ich mit dem Fernsehen und den Illustrierten aufgewachsen und wußte instinktiv, was die Leute schnell aufschnappen. So habe ich diese kleinen Juwelen hier und dort ausgestreut, ganz unschuldig. Natürlich rief ich nur die Reaktionen auf.

Frage: Wie entstand denn der Begriff "Lizard King"?
Jim: Nun, ich besaß ein Buch über Reptilien und Schlangen und so. Der erste Satz des Buches fiel mir besonders ins Auge: "Reptilien sind die interessanten Nachkommen herrlicher Vorfahren." Sie sind das Endglied eines Anachronismus. Wenn alle Reptilien in der Welt morgen verschwinden würden, würde sich die Balance in der Natur nicht einmal ein wenig verschieben. Sie sind tatsächlich völlig eigenständige Geschöpfe. Und ich glaube, daß deswegen nur Reptilien einen weiteren Weltkrieg oder eine vollständige Verseuchung unserer Welt überleben könnten. Und wir dürfen auch nicht vergessen, daß Eidechsen und Schlangen auch mit dem Unterbewußten und den Kräften des Bösen gleichgesetzt werden. Das Stück THE CELEBRATION OF THE LIZARD war unter anderem auch eine Beschwörung dunkler Kräfte. Wissen Sie, ich wuchs einen Teil meines Lebens im Südwesten auf und liebte immer schon Eidechsen. Als Kind fing ich sie. Vor Schlangen habe ich immer noch Respekt. Ich könnte beispielsweise nie mit einer Schlange spielen. Es gibt anscheinend etwas tief in der menschlichen Psyche, das auf Schlangen reagiert. Die Schlange repräsentiert wohl alle Dinge, die wir fürchten.

Frage: Zählen Sie sich zu denjenigen, von denen gesagt wird, sie seien der "Tod des Rock"?
Jim: Vor ein paar Jahren habe ich selbst gesagt, daß der Rock tot sei. Vor ein paar Jahrzehnten war der Jazz die Musikrichtung, die alle Leute hörten und zu der sie tanzten. Dann hat der Rock'n'Roll den Jazz verdrängt, und eine andere Generation kam danach und nannte ihren Musikstil "Rock". In ein paar Jahren wird eine neue Generation von Kids sich zusammenfinden und einen neuen Namen finden. Ein ewiger Kreislauf. Sobald eine Musikrichtung selbstbewußt wird, bedeutet es ihren Tod, denn die Energie flacht ab. Es fehlt dann auch das Gewissen.

Frage:
Aber vor einigen Jahrzehnten war die Musik noch kein Symbol einer neuen Kultur oder Subkultur, oder?
Jim: Jede Generation verlangt nach neuen Symbolen, nach neuen Leuten, neuen Namen. Man will sich von der Generation lösen, die einem alles vorgibt. Alle fünf bis zehn Jahre passiert so etwas, wenn alle sich einig sind und aus ihren Ketten herausbrechen. Selbst wenn Rockmusik keine Musik für das Gehirn ist, gibt es immer noch etwas, auf das man reagieren kann.

Frage: Welche Musik hören Sie denn gerne?
Jim: Eigentlich höre ich nur Musik, wenn ich im Auto herumfahre, Top-40-Sachen und so im Radio. Ich höre nicht viel Musik. Manchmal gehe ich zu Konzerten. Letztens sah ich in Las Vegas Peggy Lee. Ich beschäftige mich also nicht viel mit Musik. Vieles ist auch ziemlich langweilig, und die großen Radiostationen, die Rockmusik bringen, spielen nur etwa 30 Songs immer und immer wieder, 24 Stunden am Tag. Und es ist bewiesen, daß man das, was man am meisten hört, auch am liebsten mag. Das Medium ist die Botschaft, und die Botschaft bin ich. Wenn Sie eine Antwort darauf suchen, gibt es nur diese: Jeder sollte sich erheben und sagen "Ich bin ich!" Und seien Sie sich dessen bewußt, bevor es jeder andere weiß. Jeder ist er selbst und sollte es auch kundtun.

Frage: Spielen Sie ein Instrument?
Jim: Als ich noch ein Kind war, habe ich kurze Zeit Klavier gelernt, kann auch noch einige Lieder auswendig spielen. Im Konzert spiele ich ab und zu Maracas oder Mundharmonika. Ich wünschte, ich könnte Gitarre spielen, habe aber kein Feeling dafür.

Frage: Wie beschreiben Sie die Philosophie eines Doors-Konzertes?
Jim: Ich glaube, daß es ein weites Feld von Bildern und Gefühlen in uns gibt, welches wir in unserem täglichen Leben selten hinauslassen können. Und wenn diese Gefühle einmal hervorbrechen, können sie perverse Formen annehmen. Es handelt sich um die dunkle Seite in uns, die jeder, der sie erkennt, auch in sich selbst wiederfindet. Es ist das Zurschaustellen von Kräften, die selten das Tageslicht erblicken.

Frage: Die Doors öffnen also den Zuschauern Türen, die vorher geschlossen waren?
Jim: Man könnte ein Doors-Konzert mit einer Sèance vergleichen. Der Schock der Selbsterkenntnis bringt das Publikum zurück in elementare Sinne. Es ist das, was ich vorher schon einmal erwähnte. Je zivilisierter die Menschheit wird, desto nötiger wird eine Rückbesinnung zu den Urtrieben in uns erforderlich. Wir rufen dieselben menschlichen Grundbedürfnisse an wie eine klassische Tragödie oder ein alter Blues aus dem Süden. Wir zelebrieren eine Sèance in einer Umgebung, die dem Leben feindlich gesinnt ist, kalt und alles einschränkend. Die Leute fühlen, daß sie in einer unwirklichen Umgebung dahinsiechen. Sie kommen in einer Sèance zusammen, um Geister zu beschwören, ihre Schmerzen zu lindern und die Toten zu vertreiben. Durch Gesang, Tanz und Musik versuchen sie, eine Krankheit zu heilen und eine gewisse Harmonie in ihre Welt zu bringen. Wir helfen ihnen dabei. Ein Konzert ist auch für mich die einzige Gelegenheit, wo ich mich selbst wirklich öffnen kann und meinen Geist da oben auf der Bühne herauslasse. Ein Auftritt gibt mir eine Verkleidung, ein Versteck, wo ich mich enthüllen kann. Das ist mehr als nur aufzutreten, die Bühne zu betreten, Songs zu spielen und wieder die Bühne zu verlassen. Ich nehme alles sehr ernst, und ich höre nicht eher auf, bis wir nicht jeden Zuschauer in unseren Bann gezogen haben.



Frage: Ihre Bühnenshow hat demnach Ähnlichkeiten mit dem Auftritt eines Schamanen, der ebenfalls Rituale zelebriert?
Jim: Man könnte durchaus Vergleiche ziehen, wissen Sie, denn bei Stämmen früherer Völker wurde der Schamane, der übrigens jedes Alter haben konnte, von seinen Zuhörern praktisch in seinen Trip hineingestoßen; sie stachelten ihn an, seine eigenen Phantasien darzustellen. Auch wir stellen unsere eigene Auffassung des Daseins auf der Bühne dar, und das Publikum geht mit uns auf den Trip.

Frage: Üben Sie vor einem Auftritt die Songs noch einmal, die Sie an dem Abend spielen wollen?
Jim: Nein. Wir haben ein Repertoire von 30 oder 40 Nummern und planen gewöhnlicherweise erst im Umkleideraum die ersten 3 oder 4 Songs, und dann spielen wir den Rest des Konzerts je nach Laune. Manchmal wissen wir nicht einmal genau, was wir spielen wollen, wenn wir auf die Bühne gehen.

Frage: Die Doors sind jetzt ungeheuer populär. Fühlen Sie einen bestimmten Druck, die Erwartungshaltung des Publikums einer so berühmten Gruppe gegenüber bestätigen zu müssen?
Jim: Wir fühlen uns ein wenig gezwungen, jeden Abend die gleichen bekannten Songs zu spielen, die das Publikum vom Radio und von den Platten her kennt. Früher fügten wir neue Teile bei den Songs direkt auf der Bühne hinzu, jetzt aber haben wir große Zuhörerzahlen und können nur 40 bis 50 Minuten spielen. Da haben wir keine Zeit und auch nicht die richtige Atmosphäre, um Improvisationen einzufügen. Wir könnten das natürlich machen, und ich glaube, daß einige Leute das mögen würden, aber die meisten würden mit Sicherheit enttäuscht sein, weil sie lieber bekannte Songs hören wollen. Jedesmal, wenn wir einen Song spielen, den die Leute kennen, gibt es einen Riesenbeifall. Auch können wir uns keine Fehler leisten. Früher, als wir noch nicht bekannt waren, hörte man uns noch nicht so aufmerksam zu, und wir durften uns Fehler erlauben.

Frage: Falls ein Publikum nun nicht auf das reagiert, was Sie auf der Bühne treiben, ändern Sie dann irgend etwas an Ihrem Auftritt?
Jim: Das hängt von den Umständen ab, unter denen wir auftreten. Bei Open-Air-Auftritten und dazu noch bei Tageslicht haben wir nie besonders gut gespielt. Ich glaube, daß wir die Dunkelheit und eine Art Theateratmosphäre benötigen, um richtig arbeiten zu können. Durch das Tageslicht und das offene Gelände verschwindet die gesamte Magie. Unsere besten Auftritte hatten wir in kleinen Clubs. Bei Konzerten in großen Arenen wird alles zu einer Massenveranstaltung und hat nicht viel mit Musik zu tun. In Clubs hingegen können die Leute uns schwitzen sehen, und wir können auch das Publikum sehen. Auch muß man dort das Publikum musikalisch anmachen. Jeder merkt es, wenn man das nicht schafft.

Frage: Sie haben einmal das Wort vom "totalen Theater" erwähnt. Inwieweit ist das "totale Theater" bei einem Doors-Auftritt eingebaut?
Jim: Jedesmal, wenn jemand eine Bühne betritt, beginnt ein Theaterstück. So ist es auch bei einem Doors-Auftritt. Vielleicht führen wir irgendwann einmal ein tatsächliches Schauspiel auf, mit einer Leitlinie oder einer Story, und spielen nicht nur eine Anzahl Songs. Jedenfalls geht der Weg der Doors in diese Richtung. Um uns herum stelle ich eine Art Krise in der Musik fest, man will nicht mehr ausschließlich simple Rockmusik wie früher hören. Die Interessen haben sich geteilt. Immer mehr Leute schauen sich Theater, Musicals, Opern und ähnliche Dinge an und entfernen sich von den puren Musikdarbietungen, wobei die einfache Rockmusik sich natürlich weiter behaupten wird. Schließlich wird auch der erdige Blues wieder gefragt sein. Ich persönlich mag beides und meine, daß die Doors eine erfolgreiche und bewährte Kombination beider Komponenten entwickelt haben. Aber auch wir stehen jetzt an einem Scheideweg. Wir müssen entweder in die Richtung Theater und Elektronik und ähnlichem gehen, oder wieder erdigen Blues spielen. Vermutlich gehen wir aber in die erste Richtung und überlassen anderen den Blues. Auf der anderen Seite will ich gerne meinen Gesang weiterentwickeln. Wissen Sie, ich liebe den Blues, wie ihn Joe Turner und Freddie King bringen. Ich würde mir gerne mehr von diesem einzigartigen Feeling einverleiben und Sachen wie ST. JAMES INFIRMARY singen, irgendwelche endlos langen Blues-Trips ohne besonderen Anfang oder Ende. Einfach mit einem Blues beginnen und sehen, wohin er uns trägt.

Frage: Also lieben Sie die Improvisation?
Jim: Ja, wir brauchten beispielsweise noch einen weiteren Song für THE SOFT PARADE. Wir zermarterten uns die Hirne darüber in unserem Studio. So warfen wir all diese alten Songs zusammen, Blues-Trips, Rock-Klassiker. Dann fingen wir an zu spielen und reisten etwa eine Stunde lang durch die Geschichte der Rockmusik, beginnend mit Blues, durch den Rock'n'Roll, Surfmusik, Latinmusik und so weiter. Ich nenne das Ganze ROCK IS DEAD, bezweifle aber, daß es jemals jemand hören wird.



Frage: Wie könnten Sie die Musik der Doors in wenigen Worten zusammenfassen?
Jim: Grundsätzlich gesehen sind die Doors eine bluesorientierte Gruppe mit einer starken Dosis Rock'n'Roll, mit einer leichten Prise Jazz, mit einem winzigen Schuß klassischer Einflüsse und einigen modernen Elementen. Doch im Grunde genommen sind wir eine weiße Bluesband. Unsere Musik ist jetzt zum Ausgangspunkt zurückgekehrt, und wir gebrauchen lediglich unsere vier Instrumente. Wir waren der Ansicht, daß wir uns zu weit in Richtung Orchester entwickelt hatten und wollten zu unseren Ursprüngen zurückkehren.

Frage: Welche musikalischen Einflüsse hatten Sie?
Jim: Elvis Presley inspirierte viele der frühen Rocksänger. Er hatte auch großen Einfluß auf mich. Er eröffnete mir eine neue Welt, die ich vorher nie kennengelernt hatte. Eine freie, aufregende, fremde und spannende Landschaft. Auch Jerry Lee Lewis, Fats Domino und Gene Vincent beeinflußten mich stark. Viele Leute vergleichen mich mit Mick Jagger, doch ich halte diese Vergleiche für nutzlos. Jedesmal, wenn etwas Neues kommt, wird es mit etwas anderem verglichen, eine recht einfache Denkweise. Heute bin ich zu sehr mit der Musik beschäftigt, um anderen Einflüssen auf mich noch viel Beachtung zu schenken, ich glaube, daß man mich auch nicht mehr in dem Maße beeinflussen kann, wie es früher geschehen ist. Eigentlich ist es im Augenblick nur das, was ich lese oder sehe. Und Flugzeuge, besonders beim Start. Hingegen ist musikalisch gesehen nichts mehr los. Es gibt einfach zu viele gute Gruppen. Ziemlich langweilig. Ich wünschte, es käme mal eine richtig langweilige Gruppe.

Frage: Können Sie etwas zu Ihrem Film HWY erzählen?
Jim: HWY ist ein lyrischer Film, gedreht in Farbe, 35-mm-Format, etwa 50 Minuten lang, ohne großartige Handlung. Mehr oder weniger ein Stummfilm, obwohl ich tagelang an dem Musiksoundtrack gearbeitet habe. Die Kamera folgt einem Tramper, der aus den Bergen durch die Wüste trampt, bis er schließlich nach Los Angeles kommt. Während der Reise wird er zum Massenmörder, eine der Geschichten, die man oft in den Zeitungen liest und über die ich immer schon einen Film machen wollte. Nur ich und drei Freunde drehten ihn, und den Tramper spiele ich selbst. Die Musik zu dem Film ist keine Rockmusik. Ein Freund von mir, ein klassischer Komponist namens Fred Myrow, spielt Klavier und Orgel, und wir haben irgendwelche Radioaufnahmen, Platten und Bänder hineingemixt und so eine Art Collage gestaltet, die ein Portrait von Los Angeles ergibt. HWY ist der dritte Film, an dem ich bisher gearbeitet habe. Merkwürdig war, daß der Film während der Dreharbeiten in der Wüste plötzlich ein seltsames Eigenleben entwickelte und schließlich sehr von der Grundidee, einfach einem Tramper mit der Kamera zu folgen, abwich.

Frage: Sind Sie gerne Hauptdarsteller in Filmen?
Jim: Um die Wahrheit zu sagen: Der einzige Grund, warum ich es tat, war die Tatsache, daß meiner Meinung nach niemand anders es machen konnte als ich selbst. Es war für mich ein Leichtes, die Hauptrolle zu spielen. Vielleicht werde ich noch andere Filme machen, aber ich bin nicht so scharf darauf, Darsteller zu sein. Lieber würde ich als Regisseur oder Drehbuchautor eines Films arbeiten. Shakespeare war auch zunächst Schauspieler, als er nach London kam.

Frage: Ihren ersten Film drehten Sie an der Universität, nicht wahr?
Jim: Es war weniger ein Film, als mehr ein Essay über Film. Er hatte keinen roten Faden, sondern war eine themenlose Collage und begann mit einer Gruppe junger Männer, die in einem Raum sitzen und augenscheinlich einen pornographischen Film sehen. Dieser Streifen, den sie sich anschauen, reißt, und die Männer beginnen, die leere Leinwand mit Schattenfiguren ihrer Hände zu füllen. Der Film wird dann zu einer Phantasieimprovisation: Ein Fernsehschirm ist zu sehen, auf dem Nazitruppen rückwärts marschieren, eine von hinten gefilmte Frau geht eine Straße entlang und verschwindet in einem Aufzug. Ganz zu Beginn des Films ist die Leinwand völlig schwarz und man hört nur Geräusche. Im Hintergrund läuft das Stück EROTICA sowie eine Radioaufnahme von einem Priester, der mit einigen Kindern zusammen Teile des Katechismus vor- und rückwärts singt. Es klingt sehr primitiv, wie aus dem Dschungel. Dieser Film hatte keinen Titel, und einige Professoren meinten, es sei der schlechteste Film, den sie je gesehen hätten. Ich meine, das Wort "merkwürdig" würde besser passen. Leider ist der Film irgendwo im Archiv der UCLA verschollen.

Frage: Man hörte, Sie arbeiten mit Michael McClure zusammen. Gibt es schon Ergebnisse?
Jim: Wir haben soeben die Arbeiten an einem gemeinsamen Drehbuch für Michaels Erzählung "The Adept" beendet. Im Augenblick kümmern wir uns um die Finanzierung der Verfilmung und um einen Produzenten, der uns eine halbe Million Dollars gibt, um das Projekt so realisieren zu können, wie wir es planen. Es muß jemand sein, der uns absolute Freiheiten läßt. Die Hauptrolle des Nicholas werde ich selbst spielen. Nicholas ist ein junger Mann auf der Suche nach geistiger Selbstfindung, ohne es zu wissen. Er trägt lange Haare und fährt einen Chopper, den er sehr liebt. Er hat immer einen Koffer bei sich, der eigenartige Dinge enthält, einen schottischen Umhang, ein Messer in einer Scheide, ein indianisches Bild von einem Löwen, der den Kopf eines rituellen Menschenopfers frißt und so weiter. Ich will darüber nicht viel mehr erzählen, sondern den Charakter des Mannes offen lassen. Ich muß ihn darstellen, wenn die Zeit gekommen ist.

Frage: Die Geschichte ähnelt Easy Rider, nicht wahr?
Jim: Ja, ich weiß. Die Story wurde aber geschrieben, bevor Easy Rider gemacht wurde. Die Leute werden die Ähnlichkeiten schon bemerken, aber ich kann dagegen nichts machen. Wußten Sie, daß Easy Rider für 385.000 Dollar gedreht wurde? Ich las es gestern in der Daily Variety. Der Reingewinn des Films wächst inzwischen auf geschätzte 50-60 Millionen Dollar an. Eine gewaltige Gewinnspanne, nicht wahr?

Frage: Aber auch schlechte Filme haben derartige Gewinne gemacht.
Jim: Ja, aber die haben auch schon 10 oder 12 Millionen Dollar in der Herstellung gekostet. Easy Rider ist der erste unabhängige Low-Budget-Film, der es auf dem Markt geschafft hat. Ich halte das für sehr ungewöhnlich. Er wird die Szene für eine Menge anderer Leute öffnen.

Frage: Sie hatten unter anderem auch das Konzert im Aquarius Theater für ABSOLUTELY LIVE mitgeschnitten. Nahmen Sie viel aus diesem Konzert für die Platte?
Jim: Es ist nicht viel vom Aquarius-Konzert auf dem Live-Album. Das Konzert war gut, aber einerstklassiger Abend mit Theatereinlagen ist nicht auch gleichzeitig erstklassig bezüglich der Musik. Es geschah dort besonders physisch eine Menge, und dieses Gefühl bekommt man nicht auf ein Tonband. So etwas kann man auf einer Platte nicht nachvollziehen. Es waren 1500 Leute in dem Theater, und die Stimmung, die sie entwickelten, kommunizierte mit unserer Musik. Wir spielten ausgezeichnet und sehr stark, jedenfalls hatte ich dieses Gefühl. Das Aquarius-Konzert war der erste von vielen Auftritten, die wir mitschnitten. Insgesamt ist ABSOLUTELY LIVE aus ungefähr 24 Stunden Bandmaterial zusammengesetzt worden. Ich glaube, daß das Album ein recht ehrliches Dokument ist, wie die Doors an einem ziemlich guten Abend klingen. Es ist nicht das Beste, was wir daraus hätten machen können, aber es ist auch nicht das Schlechteste geworden. Ich mag besonders THE CELEBRATION OF THE LIZARD, obwohl es nicht die allerbeste Version des Stückes ist. Aber ich bin froh, daß wir es überhaupt mit auf die Platte genommen haben, weil ich Zweifel hege, ob wir es sonst irgendwann veröffentlicht hätten, denn es ist schon einige Jahre alt. Zur Zeit von WAITING FOR THE SUN hatten wir mal versucht, eine Studioversion zustande zu bringen, aber irgendwie klappte es nicht richtig. Deswegen nahmen wir damals nur einen kurzen Teil daraus, NOT TO TOUCH THE EARTH. So bin ich selbst über die unperfekte Form froh, in der dieses Stück nun existiert. Es ist besser, als wenn wir es niemals gemacht hätten.

Frage: Kritiker werfen Ihnen die mangelhafte Professionalität einiger Songs vor. Es wird gesagt, das Album sei zuwenig glatt. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?
Jim: Ich meine, daß der größte Teil der Platte sehr professionell ist. Es gibt einige Tracks, die wir zum ersten Mal auf einer Bühne gespielt hatten und an denen wir vorher wenig feilen konnten. In diesen Songs sind natürlich Schwachstellen. Ich halte das aber nicht für wichtig. Die Leute wissen nicht, wie verschieden Live-Konzerte von Plattenaufnahmen im Studio sind. Dort arbeitet man Tage an einem Instrumentaltrack und stundenlang an einem Vocaltrack. Live muß man natürlich das alles auf einmal bringen.




Frage: Können Sie eine Definition Ihrer eigenen Person geben?
Jim: Man könnte sagen, daß es ein Zufall war, daß ich für die Arbeit, die ich zur Zeit leiste, ideal geeignet bin. Ich habe etwa das Gefühl, daß ich wie eine Bogensehne ein halbes Leben gespannt war und plötzlich losgelassen worden bin. Zunächst bin ich Amerikaner, zweitens ein Kalifornier und drittens ein Bürger von Los Angeles. Ich mochte immer schon Ideen, die von Aufstand gegen die Autorität handeln. Wenn man seinen Frieden mit der Autorität schließt, wird man selbst zu einer Autorität. Ich mag die Ideen, die von der Zerstörung der herrschenden Gesetze berichten. Ich bin an allem interessiert, was sich um Aufruhr, Unruhe, Chaos und spezielle, scheinbar unsinnige Aktivitäten dreht. Für mich scheint das ein Weg zur Freiheit zu sein; eine äußere Revolte ist ein Weg zu innerem Frieden. Nicht von innen, sondern von außen her fange ich damit an, erreiche die mentale Ebene durch die physische. Doch das Wichtigste ist natürlich, daß wir die Doors sind. Wir sind aus dem Westen. Die Welt, die wir aufbauen wollen, ist ein neuer, wilder Westen, eine sinnesfreudige, moralisch böse Welt, fremdartig und beunruhigend. Der Pfad der Sonne, wissen Sie?

Frage: Würden Sie sich selbst als Held bezeichnen?
Jim: Ein Held ist jemand, der gegen die Tatsachen der Existenz rebelliert oder zu rebellieren scheint und sie scheinbar meistert. Offensichtlich funktioniert so etwas nur für kurze Zeitspannen und kann nicht ewig andauern. Damit meine ich nicht, daß die Leute nicht weiterhin gegen die Grundsätze der Existenz rebellieren sollten. Eines Tages, wer weiß, überwinden wir vielleicht den Tod, Krankheiten und Krieg.

Frage: Was sind Sie denn dann?
Jim: Ich halte mich für einen intelligenten, sensitiven Menschen mit der Seele eines Clowns, die mich immer zwingt, bei den wichtigsten Dingen zu übertreiben.

Frage: Sie selbst scheinen Ihr Erscheinungsbild zu ändern. Sie haben zugenommen, nicht wahr?
Jim: Hmm, das ist etwas, was mich wirklich stört. Was ist so Falsches daran, dick zu werden? Warum ist es so unehrenhaft, zuzunehmen? Ich sehe darin nichts Schlimmes. Ich entsinne mich an die Zeit, wo ich 185 Pfund wog, bei der gleichen Körpergröße wie jetzt. Ich ging noch aufs College und hatte ein Essensabonnement in der Cafeteria. Das Essen dort war vornehmlich auf Stärke aufgebaut, wissen Sie, billiges Essen. Ich weiß nicht recht, aber ich verpaßte dort kein Mittagessen, begann schon um 7.30 Uhr am Morgen mir ein Frühstück zuzubereiten, mit Eiern, Mehl, Würstchen, Toast und Milch. Dann machte ich ein paar Seminare mit und eilte zum Mittagessen mit Kartoffelpüree und Fleisch und allem, danach noch ein paar Seminare, und schon ging es ans Abendessen mit noch mehr Kartoffelpüree. Innerhalb von 3 Monaten wog ich 185 Pfund, und Sie werden es nicht glauben, aber ich fühlte mich großartig. Ich fühlte mich wie ein Panzer, wie ein riesiges Mammut. Wenn ich durch die Korridore oder über den Rasen ging, meinte ich, jedermann aus dem Weg räumen zu können. Ich war massiv, Mann. Es ist schrecklich, dünn wie eine Pfeife zu sein, weil man sonst von jedem stärkeren Wind umgeworfen wird. Dicksein ist schön!

Frage: Wieviel wiegen Sie jetzt?
Jim: Ich weiß es nicht genau, aber es bewegt sich so um die 150 Pfund.

Frage: Würden Sie das alles noch einmal machen, wenn Sie die Wahl hätten?
Jim: Ich verleugne nicht, daß ich die letzten Jahre eine ganze Menge Spaß hatte. Ich traf eine große Anzahl interessanter Leute und habe in einer kurzen Zeit Dinge gesehen, die ich normalerweise nicht in 20 Jahren gesehen hätte. Nein, ich bereue diese Zeit nicht. Könnte ich es nochmal machen, würde ich wahrscheinlich zu einem stillen, unauffälligen Künstler werden, der sich in seinem eigenen Garten abrackert. Frage: Das bedeutet aber, daß Sie zum Beispiel nicht mehr Fotos in der Art des "jungen Löwen" machen lassen würden, oder? Jim : Ich glaube, daß ich nie wieder für solche Fotos posieren würde. Ich muß da wohl nicht ganz bei Sinnen gewesen sein. Ich kann es mir heute kaum vorstellen, daß ich jemals vor der Kamera so posierte. Ganz schön bescheuert. Wenn ich meine Vergangenheit nochmals erleben könnte, würde ich so etwas nicht mehr machen. Nie im Leben! Damals dachte ich noch, ich wüßte genau, was ich tat. Nur ist das Unangenehme an einem Foto die Tatsache, daß - wenn es einmal gemacht worden ist, kann man es nicht mehr zerstören, es ist für alle Zeiten verfügbar. Ich stelle mir mit Schrecken vor, daß ich mit 80 Jahren mir noch immer diese Fotos anschauen muß, für die ich einmal posiert habe. Doch jetzt ist es zu spät. Mit dem Gerede von meinem Sexappeal ist es genauso. Wenn einmal das Gerede vorhanden ist, bleibt es bestehen. Dabei hat jeder genau dasselbe Equipment wie ich, jeder Mensch hat Sexappeal, biologisch gesehen. Es sind die Journalisten und andere Presseleute, die diesen Unsinn erfinden und verbreiten. Die Leute, die das Zeug lesen, glauben es schließlich. Andererseits verschafft mir dieses Image auch Beziehungen, die ich sonst wahrscheinlich nie bekommen hätte, insbesondere zu einigen phantastischen Frauen. So war es in der Retrospektive doch recht vorteilhaft.

Frage: Ihre Konzerte sind des öfteren von der Zensur gestrichen worden. Wie denken Sie überhaupt über die Zensur?
Jim: Ich halte nichts davon, und es sollte so etwas wie Zensur nicht geben, in keiner Form. Obszönität ist zum Beispiel eine Frage der Definition bei jedem einzelnen. Es hat wenig Sinn, Kinder davor zu bewahren, da manche oft noch "schmutzigere" Ideen haben als die meisten Erwachsenen. Als ich noch Heranwachsender war, war ich teilweise noch "schmutziger" als jetzt, und ich war ein altmodisches Kind! Die Silbe "ob" kommt aus dem Griechischen und bedeutet "weg". "Szön" kommt von dem Wort "sehen". Im Griechischen Theater wurden gewalttätige oder beunruhigende Dinge auf einer kleinen, an der Seite der Hauptbühne gelegenen Rampe gezeigt - "weg-sehen": "obszön". Die einzige tatsächliche Obszönität, die ich erkenne, liegt in der Gewalt. "Profanität" hingegen ist grundsätzlich gegen Gott gerichtet. Wenn man nicht an Gott glaubt, gibt es auch keine Profanität. Meine Religion liegt in meinem Schaffen als Reflexion des Lebens.

Frage: Bei einigen ihrer Konzerte fanden aber doch Krawalle und Gewalttätigkeiten statt. Hatten Sie dieses provoziert?
Jim: In Wirklichkeit haben die Doors nie irgendwelche Krawalle verursacht. Natürlich habe ich mal manches angetestet und auch spontan durchgeführt, weil ich immer von Unruhen und Ärger bei anderen Konzerten gehört hatte. Überall gab es sowas. So versuchte ich auch ab und zu, ein wenig Unruhe zu stiften, und nachdem es ein paar Mal geklappt hatte, fand ich es nicht mehr so lustig. Es bringt einfach nichts. Schon bald war es so, daß die Leute ein Konzert nicht gelungen fanden, wenn da nicht jeder aufgesprungen war und herumrannte. Ich meine, es wäre besser, wenn man als Künstler während eines Konzerts die Emotionen zurückhält, damit alle am Ende des Konzerts die Energie mit auf die Straße und mit nach Hause nehmen können. Das ist jedenfalls besser, als wenn man sie sinnlos in einer Art Massenkrawall vergeudet. Nein, große Tumulte gab es bei uns nicht. Ich meine, bei uns artete es nie in Gewalt aus und geriet außer Kontrolle. Einen wirklichen, dem Sinn des Wortes entsprechenden Aufruhr gab es bei uns nie so richtig.

Frage: Besonders nach dem Zwischenfall in Miami sind einige Ihrer
geplanten Konzerte ausgefallen. Können Sie dazu etwas sagen?
Jim: Es ist wie ein politisches Football-Spiel, wissen Sie? Man ließ uns Verträge für ein Konzert unterzeichnen und knapp 2 Tage bevor wir kommen sollten, verbot der Bürgermeister oder jemand anderer, der unbedingt seinen Namen in der Zeitung lesen wollte, unsere Show aus fadenscheinigen Gründen, die die Leute gegen uns stimmen sollten. Sogar Eltern waren gegen uns, obwohl sie noch nicht einmal unseren Namen kannten, geschweige denn unsere Musik gehört hatten. Inzwischen lastet die ganze Miami-Sache wie ein Albtraum auf meinen Schultern. Manche scheinen hier wirklich an überirdische Dinge zu glauben, und ich verleugne nicht, daß ich die Sache in Miami forciert habe, aber der ganze Komplex wird meiner Meinung nach zu sehr von der Presse aufgebauscht. Ich habe mich in Miami nicht entblößt und auch keinen Polizisten von der Bühne geworfen. Ich habe den Promoter von der Bühne gestoßen und vielleicht ein wenig zuviel geredet, das war alles. Wenn ich auf der Bühne ausraste, hat das nur einen Grund: Ich kann es nicht leiden, wenn jemand das Konzert stoppen will. Wie schon einmal in Boston. Wir hatten gerade das Publikum in Stimmung gebracht, da zog uns jemand den Stromstecker heraus. Ich drehte durch, und zwar nicht nur unseretwegen, sondern auch wegen des Publikums, das ebenfalls betrogen worden war. Als Resultat kündigte man unseren Vertrag für das nächste Konzert in Salt Lake City. Jedenfalls hatte ich mich in Miami bemüht, den Mythos ins Absurde zu reduzieren, ihn sogar auszuradieren. Es ging mir alles zu sehr auf den Magen, darum hatte ich allem in dieser gloriosen Nacht ein Ende gesetzt. Ich sagte dem Publikum beispielsweise, daß sie alle ein
Haufen Idioten seien, weil sie sich zu dieser Masse von Menschen zählten, und etwas anderes hatten sie ja auch nicht getan. Sie kamen nicht, um einige Songs von einem Haufen guter Musiker zu hören, sondern um etwas anderes zu erleben. Warum hätte ich dem also nicht zustimmen und dazu etwas beitragen sollen? Es gibt keine Gesetze bei einem Rockkonzert. Alles ist möglich.


Frage: War das ein ausgestopftes Lamm, was Sie während des Konzerts auf dem Arm trugen?
Jim: Nein, das war ein richtiges Lamm. Lewis Martin, der eine Philosophie von Gewaltlosigkeit und Vegetarismus vertritt, kam hinter die Bühne. Er hatte dieses Lamm bei sich, was bedeuten sollte, daß man dieses Tier töten muß, wenn man Fleisch essen will. Während unseres Auftritts gab er mir das Lamm, und ich hielt es eine Weile unter dem Arm. Es ist interessant: Es herrschte eine Menge Lärm und eine große Unruhe, aber dennoch atmete das Lamm ruhig, schnurrte fast wie eine Katze. Ich glaube, der Spruch über die Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden, ist wahr.

Frage: Haben die Doors inzwischen genug verdient, um sich zur Ruhe setzen zu können?
Jim: Oh ja, ich kann inzwischen in jedes Restaurant gehen und das bestellen, was ich will. Und ich muß nicht mehr in die billigen 50-Cent-Kinos gehen, wenn ich einen Film sehen will. Nein, aufhören werde ich nicht, dazu bin ich einfach zu gierig. Ich möchte mir bald eine Bar aus purem Gold leisten können. Niemand kann mich stoppen, haha! Es ist so, als wenn man einem Indianer Whiskey gibt! Doch Scherz beiseite; ich meine, es ist fast unmöglich, sich einfach zurückzuziehen, mit all den Steuern und niemals mehr zu arbeiten. Das System hält uns fest, und wenn man zu fliehen versucht, bleibt es an einem kleben. Nach ein paar Jahren trocknet es Dich aus. Es scheint unmöglich zu sein, sich aus einer kapitalistischen Gesellschaft zurückzuziehen. Ich habe schon früher mal gesagt, daß ich das Geld liebe, weil es die Seele betrügt. Es ist eine Form der Kommunikation, wissen Sie? Wenn Sie das Glück haben, viel Geld zu verdienen, sollten Sie es kreativ als Spekulationsobjekt einsetzen. Investieren Sie nicht in Gold oder Diamanten, sondern in Dinge, die Neues schaffen.

Frage: Man behauptet, daß Rockstars wie Al Wilson, Janis Joplin und Jimi Hendrix gestorben seien, weil sie "ausgebrannt" waren. Wie lautet Ihre Theorie dazu?
Jim: Ich vermute, daß der große Ausbruch an kreativer Energie vor einigen Jahren für sensitive Leute schwer durchzuhalten war, sie vermutlich immer auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sein wollten und mit allem darunter unzufrieden waren. Doch als die Realität ihre innere Vision nicht mehr erfüllen konnte, wurden sie wahrscheinlich depressiv. Aber das ist nicht meine eigene Theorie, warum solche Leute sterben. Es könnte Selbstmord, aber auch Mord gewesen sein. Es gibt eine Menge Arten zu sterben, ich weiß es wirklich nicht.

Frage: Wie wollen Sie einmal sterben?
Jim: Ich hoffe, im Alter von 120 Jahren mit einem glücklichen Gefühl in einem hübschen, komfortablen Bett zu sterben. Ich will dann niemanden bei mir haben, möchte nur ruhig hinwegdriften. Und ich möchte bei Bewußtsein sterben, ich will diesen einzigartigen Augenblick voll erfahren. Aber das hat hoffentlich noch Zeit, das Leben ist noch zu interessant. Auch meine ich, daß die Wissenschaft es noch in unserer Generation schaffen wird, den Tod zu besiegen.



(Zusammengestellt und übersetzt von Rainer Moddemann)

Rainer Moddemann ist der Herausgeber des Doors Quarterly Magazines sowie Autor einiger Doors-Bücher.

Dieses zusammengestellte Interview fand in dieser vorliegenden Form nicht statt. Es wurde aus etwa 18 verschiedenen Interviews aus der Zeit von 1966-1971 konstruiert, um in kompakter Form Ideen und Meinungen Jim Morrisons wiederzugeben.

Diese Zusammenstellung erschien erstmalig 1991 in Rainer Moddemanns Buch "Doors", Heel Verlag, Königswinter.


The DOORS of the 21st Century

Interview mit Ray Manzarek [06/2004]
© und ® by Michael Kulueke [17.08.2005], Original

Wenn man einmal jeden Venustransit sein Chaos an CDs und MDs aufräumt, kommen manchmal ungeahnte Schätze zutage, so bei mir zum Beispiel ein Interview mit dem THE DOORS-Keyboarder Ray Manzarek aus dem letzten Jahr.
Anlässlich der THE DOORS (OF THE 21ST CENTURY)-Tour durch ganz Europa ward mir die Gelegenheit zuteil, ihm ein paar Fragen über den Jim Morrison-Ersatz Ian Astbury (Ex-THE CULT), die Problematik der Wiederbelebung einer Rocklegende und Zukünftiges zu stellen.

Der ganze Vorlauf des THE DOORS-Gigs in Bonn gestaltete sich als extrem überraschungshaltig, so haute die Ankündigung "Hey, du kannst nicht nur auf's Konzert gehen, du bekommst auch ein INTERVIEW!" einen völlig von den Socken. Dann vor der Museumsmeile die Ernüchterung: das Tourmanagement zeigte sich erstmal unwissend.

"Interview? Wir wissen nichts von einem Interview!"

Dann eine Viertelstunde beharrlichen Wartens einschieben, um schließlich wortlos vom Tourmanager persönlich in den Backstagebereich der Museumsmeile geführt zu werden, die sich mit langen weißen Gängen und aufgehängten Postern von im Museum ausgestellten Urzeit-Toten ziemlich unheimlich gestaltet.
Was erwartet einen am Ende von weißen Gängen normalerweise? Gott? Ach bitte...der Mann ist zwar Teil einer der größten Legenden der Musikwelt, aber solche Gedanken wirken trotzdem sofort absurd.
Als sich dann schließlich eine Tür öffnet und man nur einen grauhaarigen Mann im weißen Schlabberhemd mit dem Gesicht zum Fenster auf einem Stuhl genüsslich eine Zigarette rauchen sieht, denkt man trotzdem irgendwie direkt an den Schöpfer. Gut, der Schöpfer würde einen wahrscheinlich nicht mit breitem Grinsen, Handschlag und "Hallooooo Michael!" begrüßen. Außerdem schlägt sich der Schöpfer nicht seit Ewigkeiten mit dem Vorwurf rum, Jesus postmortem kommerziell auszuschlachten. Deshalb spare ich mir den Kniefall, und konzentriere den hartnäckig um verlorenen Posten kämpfenden Rest meiner Selbstbeherrschung auf meine Stimmbänder und versuche so locker wie möglich zu klingen, was dem Menschen vor mir nur ein sanftes Schmunzeln entlockt (was übrigens stark daran erinnerte wie Gandalf Frodo in "was für ein dummer Hobbit"-Manier anlächelte).
Merke: so sollte kein professionelles Interview anfangen!

Man bekommt ein Wasser angeboten (was sehr irdisch wirkt), während sich Mr. Manzarek selber mit nichts anderem als Rotwein begnügt (was sehr unirdisch wirkt). Um die Aufregung niederzukämpfen werden erst einmal die Standardfragen in die Schlacht geschickt.

Die Tour soweit? Schließlich war man vorher in den Niederlanden, Frankreich und England zu Gast, wobei Frankreich nicht nur wegen der Todes- und Ruhestätte des vor mehr als 30 Jahren verblichenen THE DOORS-Frontlyrikers Jim Morrisson schon fast als die Hochburg der Band gilt.
Großartig seien die Shows bisher gewesen, man sei mit der Band schließlich zum ersten Mal seit dem Tod Morrissons in der "alten Welt" zu Besuch, aber trotzdem, oder gerade deshalb, seien die Publikumsreaktionen fantastisch gewesen, die Menge wäre jedes Mal mehr als nur ekstatisch zu der Musik abgegangen. In Holland hätte es während eines Konzerts geregnet, woraufhin die Band den Evergreen 'Riders On The Storm' gespielt hätte, was für eine phänomenale Stimmung gesorgt hätte.

Die Fanreaktionen auf die Ankündigung der Tour mit einem neuen Sänger wären auch sehr enthusiastisch gewesen. Die Leute hätten schließlich eine halbe Ewigkeit auf diese Gelegenheit gewartet, und man bräuchte nicht davon ausgehen dass die Doors bis zum Ende der Zeit weitertouren würden. Es würde nur diese Tour geben, und vielleicht eine mehr, aber das wäre es dann was die Welt live von der Band zu erwarten hätte.

Die Ernennung von Ian Astbury, der während einer VH1-Session mit zahlreichen anderen Sängern (Pete Farell von JANES ADDICTION, Scott Stapp von CREED und Scott Weiland von VELVET REVOLVER) zu der Musik der Originalband sang, als Ersatz für Jim Morrisson könnte kritischer und umstrittener nicht sein, wenn man davon absieht dass wohl jeder Sänger auf diesem Posten so stark beobachtet werden würde wie die Ankündigung einer demokratischen Wahl in Nordkorea! Manzarek zeigt sich trotzdem zuversichtlich, bisher hätte das Publikum Ian aus der Hand gefressen, der Mann brächte soviel Energie auf die Bühne dass es das Volk quasi umhaue wenn er die Texte des Jim Morrisson anstimmen würde. Im gleichen Atemzug betont der Mensch vor mir dass Ian auf keinen Fall versuchen würde Morrisson zu kopieren, was natürlich auch nicht möglich sei, aber er wäre mit Jim auf einer Wellenlänge, würde sich auch für die Spiritualität der amerikanischen Indianer, Buddhismus, und "Schamanism" interessieren, und sowieso: "he has a fabulous voice".

Die komplexen Texte von Jim Morrisson seien kein Problem für den ehemaligen THE CULT Sänger, er würde die Texte verinnerlichen, sie aber als Ian Astbury singen. Robby Krieger (Gitarre) und er hätten Astbury selber empfohlen nicht als Jim Morrisson auftreten zu wollen, sondern als Ian Astbury der einfach nur die Worte Jim Morrissons singt, mehr nicht. Ein Problem wäre das nicht, denn Jim Morrisson selber wäre für diese Tour gewesen, als ein Poet wäre er die ganze Zeit darauf bedacht gewesen dass seine Worte weiterlebten, und dass taten sie schließlich durch dieses Revival.
"So here we are, 30 years after Jim's death, and his words are still alive, sung by Ian Astbury, and Ian does a wonderful job singing them."

THE CULT ist nun nicht gerade eine Band die den DOORS nahe steht. Und so sieht Ray auch keinerlei Beziehung zwischen diesen Bands, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass THE DOORS nun eben den THE CULT-Sänger am Mikro stehen hätten, das wärs dann aber auch.

Im Vorfeld des Revivals hatte es eine kleine, aber umso heftigere Schlammschlacht zwischen Krieger, Manzarek und dem Drummer John Densmore gegeben, welcher zusammen mit Stewart Copeland und der Familie Morrisson verhindern wollte dass die DOORS wieder auf Tour gingen, was schließlich darin endete dass Manzarek und Krieger sich jetzt nur THE DOORS (OF THE 21ST CENTURY) nennen dürfen.
Die schmerzerfüllte Miene die Manzarek bei diesem Thema zieht wirkt ziemlich aufgesetzt, die Erleichterung darüber jetzt doch noch auf Tour gehen zu können jedoch echt. Die Band hätte soviel Energie, soviel "Chi" wie die Chinesen sagten, und jene die nicht daran teilnähmen wären irgendwie verrückt geworden und hätten schlichtweg gemeint dass man so was nicht ohne Jim Morrisson durchziehen könnte. Dass Jim Morrisson jetzt seit 30 Jahren auf dem Père De Lachaise-Friedhof in Paris für durchdrehende Friedhofswärter und Nekrophile Späthippies sorgt, scheint die Protestbewegung dabei nicht zu stören. Robby und er selber wollten einfach nur die Songs noch einmal für die Fans spielen, nur ein, zwei Mal, das ist alles was sie wollten, und das ginge natürlich nur mit einem neuen Sänger.

Ob das jetzt aufgesetzt klingt mag man nicht sagen. Was ist verlogen, was ist echt? Natürlich ist der finanzielle Aspekt der wohl ausschlaggebendere gewesen, Manzarek und Krieger hatten es ohne Morrisson später nie geschafft etwas nur annähernd erfolgreiches auf die Beine zu stellen. Andererseits klingt die Phrase "playing for the people" bei einer Band wie THE DOORS auch nicht an den Haaren herbeigezogen, schließlich schafft ihre Musik es nach wie vor immer wieder neue Menschen zu begeistern und sie zu inspirieren. Trotzdem, der bittere Beigeschmack der in ein Interview gepackten Werbung wird man nicht los, vor allem weil Manzarek betont, dass man im Moment nichts anderes laufen hätte als THE DOORS. Robby Kriegers Projektband sei ebenso Geschichte wie THE CULT von Ian Astbury, und von seinen eigenen Versuchen, Solo Fuß zu fassen spricht der Mensch vor mir erst gar nicht.

THE DOORS sind nun keine stinknormale Rockband, zu Zeiten wo die Rockmusik wie wir sie kennen noch auf den großen Durchbruch wartete, waren Jim Morrisson, John Densmore, Robby Krieger und Ray Manzarek die ersten, die Rock'n'Roll mit Blues, Jazz und weltmusischen Tönen verbanden, und stellen einen Einfluss auf nahezu jede musikalisch anspruchsvolle Rockband dar.
Ray sieht dieses Thema recht locker. THE DOORS stellen halt eine Inspiration für neuere Rockbands dar wie MUDDY WATERS, JOHN COLTRANE und MILES DAVIS eine Inspiratation für THE DOORS waren, wichtig sei ihm nur dass jeder seine eigene Welt in seine Musik einbringt, und nicht nur stumpf nachspielt.
"Be influenced by people and bands from the past, but make your own music for the future, that's the pass of time."

Apropos "pass of time"...
...alles würde sich ändern. Man würde durch die Zeit gehen, und das Leben sähe an jedem Tag anders aus, aber etwas würde sich nie ändern: die Texte von Jim Morrisson und Robby Krieger seien damals wie heute gültig. Bestes Beispiel: "America is at war again!" Die Staaten, nein, George W. Bush würde die Gesellschaft zerstören, er hat die Staaten in einen Krieg geführt, die Reichen würden Steuererlässe bekommen und sowieso sei alles wieder wie in den 60ern. Und sie seien halt losgezogen um "Stop!" zu sagen, und die Leute daran zu erinnern "that they have to fall in love again, they have to love the planet instead of trying to destroy it".

Klingt ziemlich politisch, dafür dass Jim Morrisson seine Texte stets als rein metaphysisch bezeichnete.
Da widerspricht Manzarek energisch, THE DOORS wären seit Ewigkeiten politisch, und würden es auch immer sein. Alleine THE DOORS zu spielen wäre ein politischer Akt und Jim Morrissons Metaphysik wäre heute ebenso nötig wie vor 30 Jahren um uns jungen Leuten klarzumachen, dass dieser Planet alles ist was wir haben, und wir uns verdammt noch mal Sorgen um ihn zu machen hätten. Dies wäre schließlich der Garten Eden!
"But we're hoping, well, Robbie and I as old hippies are hoping that the young people realize that they can change planet earth, they can change the way things are done and turn it into a loving garden of eden one more time."

Ehm, natürlich. Wo wir schon bei Weltverbesserern sind: Pete Townshend von THE WHO klatschte Michael Moore in einem Streit an den Kopf, dass dieser erst den Beweis zu erbringen hätte dass eine Kamera die Welt mehr verändern könnte als es eine Gitarre vermag.
Manzarek wiegelt bei diesen Worten ab. Natürlich sei Rock'n'Roll die Musik die überall auf der Welt gehört würde, in Island, Japan, Brasilien, dem Nordpol. Und Rock'n'Roll sei schließlich die Musik junger Menschen die sich der Liebe, der Macht, dem Leid und dem Leben verschrieben hätten, und die Musik sei halt eine idealistische Bewegung, nur dass es heute nur wenige so wahrnehmen. Aber man könne die Welt auch mit einer Kamera verändern, und "Fahrenheit 911" sei etwas dass sich jeder mal reinziehen sollte, damit George W. endlich aus dem Amt fliegt, weil sie einfach einen neuen Präsidenten haben wollten damit Europa und Amerika sich endlich wieder näher kommen könnten, denn sie seien ja in Wirklichkeit alle Europäer, nur etwas ab vom Festland.

Zurück zur Musik. Das Klischee eines Revivals verspricht auch immer neues Material einer Band, und bei THE DOORS (OF THE 21ST CENTURY) würde es nicht anders sein. Der lyrische Faktor würde beibehalten, in dem man die Texte von Autoren wie Jim Caroll ("The Basketball Diaries"), Jim Morrissons poetischen Mentor Michael McClure, einem ominösen John Doe und anderen Autoren zu denen von Robby Krieger, Ian Astbury und ihm selber gesellen würde.
Die Tatsache dass es Menschen gibt, die meinen, dass THE DOORS in dem Moment gestorben wären, in dem Jim Morrissons Herz aufhörte zu schlagen, lässt Manzarek nur kurz mit den Schultern zucken. Jim sei der Sänger gewesen, die Musik hätten er, Krieger und Densmore geschrieben, und sie seien diejenigen die noch lebten. Wenn man Jim Morrisson sehen will, muss man sich gedulden bis man tot sei, aber ansonsten kann man sich die großartige Version mit Ian Astbury ansehen.
"We're the people who made the music, and if you want to hear THE MUSIC of the doors, with Ian Astbury singing THE WORDS of Jim Morrison, this will be your show."

Einen Gig in Paris zu spielen, in der Stadt die Morrissons letzte Ruhestätte beherbergt, stellt natürlich auch eine Möglichkeit dar...
...Manzarek nickt abwesend mit dem Kopf, man würde jede Gelegenheit wahrnehmen bei Jim vorbeizuschauen, "saying hi and telling the news". Nun, Jim Morrisson ist tot, und er wünschte dem wäre nicht so, weil er ihn als Freund vermisse, aber das ließe sich einfach nicht ändern. Jim Morrisson sei in den Äther zurückgekehrt, in die Energie die alle Lebewesen umgäbe, in das Reich in das alle toten Rocker und alle toten Existenzen zurückkehren würden.
Den kritischen Blick bei soviel Hippie-Rhetorik quittiert Manzarek mit einem gespielten Lächeln. "Hippies aren't dead, you know? Just a few of them!"

Bei mehreren Jahrzehnten Bühnenerfahrung gab es dennoch noch Wünsche die auf Manzareks Liste standen. So wollte der Mensch schon immer mal in Indien und China auftreten, die Band hätte nie die Chance gehabt, dorthin zu touren.

Weil die Musik der Doors generell sehr von asiatischen Kulturen beeinflusst ist?

Exakt, ganz genau...Manzarek grinst zufrieden und spricht ganz nebenbei ein Lob auf den deutschen Wein aus. Jim und er hätten schließlich die UCLA besucht, und dort die Chance bekommen, einen Haufen asiatischer Filme wie z.B. "Mr. Goochy" und "Ceoaraceu" zu sehen, was das Harmonieverständnis der Band später stark beeinflusst hat. Und diese Länder wollte er halt erleben, sie hätten zwar in Japan gespielt, und Japan wäre großartig gewesen, aber nun wollten sie endlich nach Indien und China kommen, um dort ihre Musik zu testen.

Dass man mit dem Alter nicht gemütlich wird, sondern sich immer noch irgendwie seine Brötchen zusammenverdienen muss, zeigt die abschließende Auflistung seiner aktuell laufenden Projekte. Nachdem man mit der 21st Century-Version seiner THE DOORS nunmehr die ROBBY KRIEGER BAND, die eh schon toten THE CULT und sein eigenes Soloprojekt überflüssig gemacht hat, erübrigt sich die Frage nach weiteren musikalischen Aktivitäten. Einen Atemzug später weist Ray auf die DVD "Lovin' Her Madly", hin, die auch nach einem THE DOORS-Song benannt ist, desweiteren hat Mr. Manzarek einen Haufen Bücher herausgebracht, unter anderem den Titel "Light My Fire - My Life With THE DOORS" in welchem er die Geschichte der Band (aus seiner Sicht) beschreibt (während Mr. Densmore in einem anderen Buch Manzarek vorwirft Jim Morrisson postum zu heroisiseren und ihn damit kommerziell auszunutzen). Und einen Roman mit dem Titel "The Poet In Exile" hätte er auch noch herausgebracht, in welchem es um einen jungen Sänger geht der ziemlich nach der Art von Morrisson schlägt und nicht in Paris stirbt, sondern sein Leben mit der Band weiterlebt (also summa sumarum ein Buch über die So-wars-aus-meiner-Sicht-gewesen-Zeit und eins über die So-hätte-es-sein-können-hätte-dieses-blöde-Herz-nicht-aufgehört-zu-schlagen-Zeit). Außerdem arbeite er zur Zeit auch noch an einem Buch namens "Snakemoon".
Ziemlich viel Morrisson für einen Menschen der schon seit knapp 30 Jahren ohne seinen Freund und Frontmann leben muss, und der Vorwurf der Ausschlachtung des Morrisson-Mythos lässt sich nicht aus dem Kopf verbannen wenn man die ziemlich trocken davon sprechende Stimme Ray Manzareks hört. Dass das ganze THE DOORS (OF THE 21ST CENTURY)-Projekt jedoch nur auf dem finanziellen Aspekt beruht, das kann kein Mensch mehr glauben der die Band eine gute halbe Stunde später live mit so viel Herzblut die alten Klassiker wieder ins Leben rufen sieht.

Ray Manzarek zeigte sich als Mensch der einerseits sehr locker mit seiner Geschichte als Rocklegende umgeht, andererseits aber immer noch dem Regelwerk einer Institution unterworfen ist, die es zu Jim Morrissons Zeiten noch gar nicht in dem Umfang gab: der Musikindustrie.

So bleibt nach dem Interview ein fader Beigeschmack wenn man daran denkt wie Manzarek über den Planeten und sein Weltbild sprach, andererseits aber der quasi aufgezwungene Bezug auf Jim Morrisson und das quasi-Sakrileg der Wiederbelebung dieser Band einfach nur darauf wartete angesprochen zu werden.

Im Nachhinein bleibt es wie immer einem selbst überlassen, ob man die Forcierung der Morrisson-THE DOORS-Legende durch Manzarek als Opfer an den schnöden Mammon hinnimmt, und sich der immer noch lebendigen Musik der Band live oder auf Platte hingibt, oder ob man den Mythos um jeden Preis geschützt sehen will, und sich lieber mit der Frage beschäftigt warum die restlichen Bandmitglieder es nie geschafft haben aus dem bunten Schatten ihrer Vergangenheit zu treten.
Die Frage nach dem "warum" ob des umkämpften Revivals kann man jedoch ohne zu zögern beantworten: weil sie es im Gegensatz zu Jim Morrisson einfach noch können.


Dieser Bericht stammt aus der Feder von Michael Kulueke

Dieses folgende Interview wurde über einen längeren Zeitraum von meinem Freund Jürgen Bamberg (JLK) aus HH mit Leon Bernard, dem Ex Pressesprecher der DOORS geführt.

Ich danke Jürgen dafür, dass ich dieses Interview auf meiner HP ausstellen darf.
Gernot W. Freudenberger


Rebellen mit College-Abschluss
(Quelle: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/04.04.2006/2383238.asp -
04.04.2006 )

Doors-Gründer Ray Manzarek erklärt, wie es war, vor 40 Jahren jung zu sein – und was daraus wurde Kommende Woche spielt er mit Robby Krieger und den „Riders on the Storm“ in Berlin

Gut 40 Jahre ist es her, dass in Los Angeles zwei junge Männer, Ray Manzarek und Jim Morrison, eine Band gründeten. In der Folge wurden The Doors eine der bedeutendsten Rockgruppen der Welt. 1971 starb Morrison, danach löste die Band sich auf. Kürzlich taten sich Manzarek und Doors- Gitarrist Robby Krieger wieder zusammen, jetzt kommen sie mit dem neuen Sänger Ian Astbury nach Berlin. Wegen eines Rechtsstreits nicht als The Doors, sondern als „Riders on the Storm“. Lars von Törne, Jahrgang 1969, ließ sich von Manzarek, Jahrgang 1939, erklären, wie es sich vor 40 Jahren anfühlte, jung und wild zu sein.

Zum Interview:
Herr Manzarek, ich habe hier ein Foto von Ihrer Europatournee 1968. Da sehen Sie ziemlich wild aus, aber Ihr Publikum trägt Schlips und Kragen, kurze Haare …

Sehen Sie: Diese Oldtimer stehen für das, gegen das wir rebelliert haben!

Was für eine Atmosphäre war das damals, 1965, als Sie die Doors gründeten?

Oh, das könnt ihr jungen Leute euch gar nicht mehr vorstellen. Als wir Anfang, Mitte 20 waren, haben wir ernsthaft gedacht, wir könnten die Welt verändern. Einen Ort der Freiheit, Harmonie und Liebe schaffen. Wir haben danach gestrebt, wahre Christen zu werden …

Sie hören sich an wie ein Prediger.

Mit Kirche hat das nichts zu tun. Uns ging es darum, den Zielen von Jesus Christus zu folgen, der sagte: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Das war es, was wir wollten. Wir betrachteten die anderen Menschen als Fortsetzung von uns selbst. Die Einheit aller Dinge.

Klingt abgedreht.

Nun, wir haben LSD genommen, Pilze, Pejote, bewusstseinserweiternde Substanzen. Wir haben die Pforten der Wahrnehmung geöffnet und sind auf die andere Seite gelangt. Das war eine Zeit, in der junge Menschen nach Aufklärung strebten und die Welt vor jenen Katastrophen schützen wollten, die uns heute wieder bedrohen – Krieg, Hass, Gewalt.

Glorifizieren Sie die Vergangenheit nicht ein wenig?

Glauben Sie mir, es war ein enormer Umbruch. Aber das versteht ihr jungen Leute erst, wenn auch ihr die Pforten eurer Wahrnehmung öffnet.

Denken Sie mit Nostalgie zurück?

Natürlich, es war die Zeit, als wir jung und hart und verrückt und verliebt waren – lebendig eben. Wir hatten einen neuen Stamm gegründet von Menschen, die anders leben wollten. Wir liebten einander, liebten die Erde. Wir waren die Generation, der die Welt offen lag. Der Krieg war vorbei, wir waren die Ersten, die ihr Leben frei bestimmen konnten. Und wir machten etwas anderes draus, als unsere Eltern es geplant hatten. Ich zum Beispiel sollte Rechtsanwalt werden. Und Jim Morrison sollte zur Marineakademie gehen oder Diplomat werden.

Stattdessen wurden Sie Rockmusiker. Das muss ein Schock für Ihre Eltern gewesen sein.

Absolut. Das war revolutionär. Das hatte es vorher nicht gegeben. Alle sagten: Musik? Davon könnt ihr doch nicht leben! Aber wir haben den Sprung gemacht. Das war das Besondere an jener Zeit: Wir haben uns der göttlichen Energie hingegeben – und wurden gerettet.

Hört sich ziemlich abgehoben an.

Aber so waren wir damals nun mal drauf: psychedelisch.

Wieso stachen die Doors aus dieser allgemeinen Jugendbewegung so heraus?

Vielleicht weil unsere Musik auf Jazz und Blues basierte und nicht diesen Country-Sound hatte, diesen Jingel-Jangel-Gitarrenklang. Und wir bestanden im Gegensatz zu anderen Bands aus Leuten mit College-Abschluss, wir kannten unsere Philosophen wie Nietzsche und wussten etwas über europäische Künstler wie Brecht und Weill.

Wie wichtig waren Äußerlichkeiten, Ihre langen Haare zum Beispiel?

Das war revolutionär. Die Norm war bis dahin, dass alle mit Armeehaarschnitten rumliefen. Wir ließen unsere Haare wachsen und zeigten: Wir sind kein Teil des militärisch-industriellen Establishments mehr. Wir sind wild und frei.

Ihre Band war berühmt auch für die sexuellen Anspielungen …

Ja, die waren sehr wichtig, auch wenn wir das gar nicht absichtlich einsetzten. Es war einfach das erste Mal, dass man auf der Bühne freizügiger sein und Sexualität thematisieren konnte.

Hin und wieder wurde Jim Morrison deswegen auch eingesperrt.

Natürlich. Wir brachen mit der Generation unserer Väter. Kein Wunder, dass die sich wehrten.

Stichwort Drogen …

Die 60er Jahre sind ohne LSD und Marihuana nicht denkbar. Diese Substanzen ermöglichten uns einen völlig neuen Blick auf die Dinge. Ohne sie wäre das kaum denkbar gewesen.

Viele kommen heute gut ohne so was aus.

Natürlich, man kann Yoga machen, Zen und so weiter. Aber Amerika brauchte damals eine Radikalkur. Lasst uns so viele Leute wie möglich so schnell wie möglich zur Erleuchtung bringen. Da waren LSD, Hasch oder Pilze ganz praktisch.


An interview in 2 languages
Ein Interview in zwei Sprachen

by Leon Barnard
von Leon Barnard

Die Fragen für dieses Interview habe ich unter Mithilfe von Freunden zusammengestellt, bei denen ich mich auf diesem Wege herzlich bedanken möchte.
Mein besonderer Dank geht an Leon.

The questions for this interview I collected with the help of friends, whom I'd like to thank very much.
Special thanks to Leon!


Leon Barnard, Ex-Pressesprecher der DOORS

Part One
November 6, 2004

My Relationship with Jim Morrison
Meine Beziehung zu Jim

JLK:
When did you meet Jim Morrison for the first time?

Wann hast du Jim Morrison das erste Mal getroffen?


Leon Barnard:
Early September 1968. I was standing outside the Royal Lancaster Hotel in London, waiting for limousines to take us to the Roundhouse Chalk Farm outside the city for rehearsals. The DOORS had just arrived in England a couple of days before, and I had hitchhiked from Copenhagen where I had been promoting them. And even though I wasn’t officially on their payroll yet, I managed to get good results and my reputation as a “blabber mouth” spread from Beverly Hills to New York City, London, Stockholm, Frankfurt, etc., throughout Western Europe. And as I traveled I sent notes back to Bill Siddons at The DOORS’ office in L.A., including newspaper clippings and other pieces of proof of my successes.

Anfang September 1968. Ich stand gerade vor dem Royal Lancaster Hotel in London und wartete auf Limousinen, die uns zur Roundhouse Chalk Farm außerhalb der Stadt zum Proben bringen sollten. The DOORS waren ein paar Tage zuvor in England angekommen und ich war per Anhalter aus Kopenhagen hierher gefahren, wo ich sie promotet hatte. Und obwohl ich noch nicht offiziell für sie arbeitete, klappte das gut und mein Ruf als ein „Plappermaul“ verbreitete sich von Beverly Hills nach New York City, London, Stockholm, Frankfurt usw. … quer über Westeuropa. Und während ich reiste, schickte ich Nachrichten an Bill Siddons im Büro der Doors in L.A., u.a. Zeitungsausschnitte und andere Beweise für meinen Erfolg.

What I didn’t know was, Jim Morrison had been reading my letters and had taken a liking to me; forming a kind of distant bond that hadn’t quite matured yet into the real thing. So when I showed up in England unexpectedly (on the day before my first eyetoeye meeting with Jim) Bill Siddons hired me on the spot to represent The DOORS on their first tour of Europe.

Was ich nicht wusste war, dass Jim Morrison meine Briefe gelesen und Gefallen an mir gefunden hatte; dadurch war eine Art entfernte Verbindung entstanden, die noch zu nichts Realem gereift war. Als ich also unerwartet in England auftauchte (einen Tag vor meinem ersten persönlichen Treffen mit Jim), engagierte mich Bill Siddons vom Fleck weg, um die DOORS bei ihrer ersten Europatournee zu vertreten.

On the day that Jim and I first shook hands, I was reading a Melody Maker music magazine, and as my eyes gazed up to the horizon of it I saw cowboy boots sauntering in my direction. And then leather pants, topped by a loose-fitting fluffy white shirt with Jim Morrison inside it.

An dem Tag, an dem Jim und ich das erste Mal unsere Hände schüttelten, las ich gerade ein Melody Maker Musikmagazin und als meine Augen zum Horizont blickten, sah ich Cowboystiefel, die in meine Richtung schlenderten. Dann Lederhosen, darüber ein locker sitzendes flauschiges weißes Shirt mit Jim Morrison darin.

“Hi, I’m Jim,” he greeted, thinking I was an English roadie or something, offering his hand. Checking out my bare feet. “Don’t you ever cut your feet? Or catch colds?” “Nah, my feet are sensitive to touch. I grew up at the beach, and I’ve been going barefoot since I was a kid. And I don’t usually catch colds; I’m in good heath,” I
answered. “Hi, my name’s Leon.” Shaking his hand.

“Hi, ich bin Jim”, grüßte er, denn er dachte wohl, ich sei ein englischer Roadie oder so, und bot mir seine Hand an. Betrachtete meine nackten Füße. „Schneidest du dir nie in die Füße? Oder erkältest dich?“ – „Nö, meine Füße sind berührungsempfindlich. Ich bin am Strand aufgewachsen und bin barfuß gelaufen, seit ich Kind war. Und ich hole mir normalerweise keine Erkältung, ich bin gesund“, antwortete ich. „Hi, mein Name ist Leon.“ Und ich gab ihm die Hand.

“--Hey, you’re the guy in Copenhagen!” he exclaimed. “I’ve been reading your letters. Get in.” (opening the door to the limo, offering me a seat between he and Pam) And during the drive to the Chalk Farm Jim interviewed me about what I had been doing in Copenhagen, asking me questions about the Danish people, etc., and seemed genuinely interested and carefully listened to my answers. I was not “starstruck,” so the conversation between the three of us was open and casual. And this was the first thing I noticed during my first meeting with Jim Morrison: He listened.

“-- Hey, du bist der Typ in Kopenhagen!”, rief er. „Ich habe deine Briefe gelesen. Komm rein.“ (Er öffnete die Tür der Limo und bot mir einen Platz zwischen ihm und Pam an.) Und während der Fahrt zur Chalk Farm befragte Jim mich darüber, was ich in Kopenhagen gemacht hatte, stellte Fragen über die Dänen usw. und wirkte ehrlich interessiert und hörte meinen Antworten sorgfältig zu. Ich war nicht vor Ehrfurcht erstarrt, daher war das Gespräch zwischen uns Dreien offen und locker. Und das war das Erste, was mir bei meinem ersten Treffen mit Jim Morrison auffiel: Er hörte zu.

JLK:
How would you describe your relationship with Jim?

Wie würdest du deine Beziehung zu Jim beschreiben?

Leon Barnard:
Jim Morrison and I formed an immediate symbiotic relationship based on mutual respect. I was too naive in those days to even have a thought about exploiting him for any reason - and he sensed this - and we just became friends. Mutual respect, are the two key words here. And I just found out a couple of weeks
ago, that Jim used to refer to me as “Mr. Good Vibes,” when talking about me to others.

Jim Morrison und ich hatten sofort eine symbiotische Beziehung, die auf gegenseitigem Respekt gründete. Ich war damals zu naiv, um auch nur daran zu denken, ihn aus irgendeinem Grund auszunutzen – und das spürte er – und wir wurden einfach Freunde. Gegenseitiger Respekt, das sind die richtigen zwei Wörter. Und erst vor ein paar Wochen habe ich erfahren, dass Jim anderen gegenüber über mich als „Mr. Good Vibes“ sprach.

JLK:
Since you were his press agent:
What did Jim think about journalists and the media in general?


Da du sein Presseagent warst:
Was dachte Jim über Journalisten und die Medien allgemein?

Leon Barnard:
I’d say Jim outsmarted those who tried to trick him into making comments he knew would be turned against him. He had a very astute sense of “human behaviour,” and when people tried to “play games?” he would get up and walk out on them. No excuses, no nothing; just a disappearing act that usually left them speechless.
Moreover I think he respected the craft of “writing for a living,” but he knew a vulture when he saw one, whether they were dressed in high heels and an evening dress, or a button down suit with a fancy tie: “A vulture by any other name is still a vulture.” We’ve all met them.

Ich würde sagen, Jim trickste diejenigen aus, die versuchten, ihn dazu zu bringen, Kommentare zu geben, von denen er wusste, dass sie gegen ihn verwendet würden. Er beobachtete menschliches Verhalten sehr genau und wenn Leute versuchten, mit ihm zu spielen, stand er auf und ließ sie sitzen. Keine Entschuldigung, gar nichts; einfach ein Verschwinden, das die anderen normalerweise sprachlos zurück ließ. Darüber hinaus denke ich, respektierte er die Kunst des Schreibens für den eigenen Lebensunterhalt, aber er erkannte einen Geier wenn er einen sah, auch wenn sie hochhackige Schuhe und Abendkleid oder Anzug und schicke Krawatten trugen: „Ein Geier ist immer noch ein Geier.“ Wir alle haben sie kennen gelernt.

Before granting interviews, Jim would ask me to take the person who wanted to interview him out for lunch and evaluate them. And if I thought they were cool, he would do the interview.

Bevor er jemandem ein Interview gewährte, bat Jim mich, mit der Person Mittagessen zu gehen und sie zu begutachten. Und wenn ich der Meinung war, sie waren cool, dann machte er das Interview.

JLK:
Was it easy to work with him?

War es leicht mit ihm zu arbeiten?

Leon Barnard:
Yes. In most cases Jim was very cooperative...in large measure because he wanted to help me perform my duties--and again, because he trusted my judgment. There were times though when maybe a few too many drinks made my representation a bit difficult. But even now as I look back on it, it was part of the program; being a “Man Friday” to a genius poet, wasn’t always easy, but worth it.

Ja. In den meisten Fällen war Jim sehr kooperativ … in großem Maße weil er mir dabei helfen wollte, meine Pflichten zu erfüllen – und eben auch, weil er meinem Urteil vertraute. Es gab jedoch auch Zeiten, wo vielleicht ein paar Drinks zu viel meine Aufgabe etwas schwierig machten. Aber wenn ich jetzt darauf zurückblicke, gehörte das einfach dazu, ein „Freitag“ [als Gegenpart zu Robinson Crusoe] für einen genialen Poeten zu sein, war nicht immer einfach, aber es war es wert.

JLK:
How did you personally perceive the person Jim Morrison?

Wie hast du persönlich Jim Morrison als Person wahrgenommen?

Leon Barnard:
In those days I didn’t think much about it; I accepted Jim at face value, just as I did anyone else. I don’t recall ever having analyzed what he was about. To me he was just Jim Morrison, and I think that’s probably why we were able to be friends. I was a fineart painter and pen & ink cartoonist, and I wrote “Terrible Parables.” And Jim admired and respected my talent as much as I did his.

Damals habe ich nicht viel darüber nachgedacht; ich habe Jim für bare Münze genommen, wie auch jeden anderen. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, darüber nachgedacht zu haben, was er für einer war. Für mich war er einfach Jim Morrison, und ich denke, wahrscheinlich konnten wir deswegen Freunde sein. Ich war ein Kunstzeichner und Cartoonist, der mit Feder und Tinte arbeitete, und ich schrieb „Schreckliche Parabeln“. Und Jim bewunderte und respektierte mein Talent genauso sehr wie ich seines.

JLK:
When you talked to him, did you really feel these special magic vibrations they always talk about?

Wenn du mit ihm sprachst, hast du dann diese besonderen magischen Vibrations gefühlt, über die man immer hört?

Leon Barnard:
The very unique thing about Jim Morrison was, he listened. And then he thought. And while he was thinking, he would close his eyes seeking his truest answer. This was sometimes perceived (by the ignorant) to be “weird.” It was not. When you got Jim’s answer to any question, it was an original answer...his very own opinion. He was not an automaton who had been programmed by TV. In fact, on more than one occasion I have heard him say, “I cannot be hypnotized.”

Das Einzigartige an Jim Morrison war, dass er zuhörte. Und dann dachte er. Und während er nachdachte und die beste Antwort suchte, schloss er die Augen. Dies haben (Unwissende) manchmal als „sonderbar“ wahrgenommen. Es war es nicht. Wenn man Jims Antwort auf irgendeine Frage bekommen hat, dann war es seine Original-Antwort .. seine eigene Meinung. Er war kein durchs Fernsehen programmierter Automat. Tatsächlich habe ich ihn mehr als einmal sagen hören: „Ich kann nicht hypnotisiert werden.“

Why? In my opinion, because he had, an opinion, which was not subject to the whimsy of others; a strong, intelligent mind that could not be put to sleep and convinced of anything he had not already evaluated.

Warum? Meiner Meinung nach weil er eine Meinung hatte, die nicht von den Launen anderer abhing, einen starken und intelligenten Verstand, der nicht schlafen gelegt und von irgendetwas überzeugt werden konnte, das er nicht geprüft hatte.

After he collapsed backstage in Amsterdam from an overdose of hashish (eaten) and washed down with whiskey, I visited him the next day in the hospital. He sat up in bed with crystal clear blue eyes sparkling, and rosy cheeks looking like a picture of well being suitable for the cover of any health magazine. The doctors insisted on keeping him there for an extra day, and he requested some chewing gum and a Playboy magazine. When I told him about my own experience in a hospital, he looked at me with the kind of “special intensity” you’re asking about, and I felt right then and there that he was reading me on inner levels.

Nachdem er in Amsterdam wegen einer Überdosis (gegessenen) Haschisch kollabiert war, das er mit Whiskey heruntergespült hatte, besuchte ich ihn am nächsten Tag im Krankenhaus. Er saß aufrecht im Bett mit klaren, funkelnden blauen Augen und rosigen Wangen, wie ein Bild des Wohlergehens, das als Titelmotiv für jedes Gesundheitsmagazin geeignet gewesen wäre. Die Ärzte bestanden darauf, ihn noch einen weiteren Tag dazubehalten, und er bat um etwas Kaugummi und einen Playboy. Als ich ihm von meinen eigenen Erfahrungen in einem Krankenhaus erzählte, sah er mich mit einer Art „besonderen Intensität“ an, nach der du fragst, und in dem Moment habe ich gefühlt, das er in meinem Innern las.

In all honesty, hoping not to sound too ‘schmaltzy,’ I do feel Jim had a heightened sense of perception, and I’m not at all too sure that LSD consumption had “everything” to do with it. I do know from my own experience, that when people ask me where I get all of my, ideas, I tell them, “it must’ve been that acid I dropped in the sixties.” (You may draw your own conclusions :o) But keep in mind, Jim Morrison’s IQ was 149. That, in itself, is high-voltage mental power when conscientiously projected.

Ehrlich, ich hoffe, das klingt nicht zu schmalzig, ich glaube Jim hatte eine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit, und ich bin mir nicht zu sicher, dass das „nur“ am LSD-Konsum lag. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass ich antworte, wenn Leute mich fragen, woher ich all meine Ideen bekomme: „Das muss am Acid liegen, das ich in den Sechzigern geschluckt habe.“ (Du mögest daraus deine eigenen Schlussfolgerungen ziehen :o) Aber denke daran, Jim Morrisons IQ lag bei 149. Das für sich genommen ist schon eine mentale Kraft mit hoher Spannung, wenn sie gewissenhaft projiziert wird.

JLK:
Did he really influence or even intimidate other people because of this charisma?

Hat er wirklich andere Menschen durch sein Charisma beeinflusst oder sogar eingeschüchtert?

Leon Barnard:
Intimidate? Only those who are jealous feel intimidated. I think most other people were inspired by his energy. I didn’t write poetry until I met Jim Morrison.

Eingeschüchtert? Nur diejenigen, die neidisch sind, fühlen sich eingeschüchtert. Ich denke, die meisten anderen Menschen wurden durch seine Energie inspiriert. Ich habe keine Gedichte geschrieben, bevor ich Jim Morrison getroffen habe…

JLK:
What’s the moment of time you spent with Jim which you like the best to think back to?

An welchen Moment, den du zusammen mit Jim verbracht hast, denkst du am liebsten zurück?

Leon Barnard:
Because writers had been comparing Jim Morrison to a young Marlon Brando, he, Pam and I went to see “Streetcar Named Desire” by Tennessee Williams at the movies in New York City, more or less to see if there were any similarities. Jim fell asleep at the beginning of the movie so Pam and I watched it together.

Da Autoren damit begonnen hatten, Jim Morrison mit dem jungen Marlon Brando zu vergleichen, gingen er, Pam und ich in New York City ins Kino, um „Streetcar Named Desire” [Endstation Sehnsucht] von Tennessee Williams anzusehen, mehr oder weniger um zu schauen, ob es irgendwelche Ähnlichkeiten gab. Jim schlief am Anfang des Films ein, daher sahen ihn Pam und ich zusammen.

Months later I was housesitting for Ray and Dorothy while they were on holiday, and Jim and Pam came over for dinner, and to watch “Streetcar” on the telly. Jim fell asleep again at the beginning of the movie, and to this day I’m not sure if he ever got a chance to see that movie.

Monate später passte ich auf das Haus von Ray und Dorothy auf, während sie im Urlaub waren, und Jim und Pam kamen zum Abendessen und um „Streetcar“ im Fernsehen zu sehen vorbei. Jim schlief wieder zu Anfang des Films ein, und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob er je die Gelegenheit hatte, diesen Film zu sehen.

But that evening we listened to classical music, put a fire in the fireplace, and just chilled comfortably like children drinking hot chocolate. No “superstars” were allowed at our little threesome party, and it is a fond moment for me to remember. Thanks for asking.

Aber an diesem Abend hörten wir klassische Musik, zündeten ein Feuer im Kamin an, und machten es uns einfach gemütlich wie Kinder, die heiße Schokolade trinken. Keine „Superstars“ hatten Zutritt zu unserer kleinen Dreierparty, und es ist ein schöner Moment für mich, um mich daran zu erinnern. Danke für die Frage.

JLK:
In which mental state was he in when you met him the last time?

In welchem psychischen Zustand war er, als du ihn das letzte Mal getroffen hast?

Leon Barnard:
To answer this question I’ll quote an excerpt from page 159 of my book: “Months later Jim and I had lunch together three weeks before his flight to Paris where he eventually disappeared. We talked about his trial of tribulation and the probability of serving several years behind bars in the slammer. During the conversation he touched lightly on his thoughts for the future and mentioned the possibility of a change in identity. We joked about his putting on blackface and going underground ‘incognegro,’ but that was just because we couldn’t resist the play on words, and it had absolutely nothing to do with anything racial - just facial. He expressed a desire to drop the role of teen idol and so-called “Superstar” performer altogether - and, having had it with Hollywood hype, he wanted to get on with perfecting his life by performing his art; anonymously, if necessary, incognito for freedom and survival.

Um diese Frage zu beantworten, zitiere ich einen Ausschnitt aus meinem Buch auf Seite 159: “Monate später aßen Jim und ich zusammen zu Mittag, drei Wochen vor seinem Flug nach Paris, wo er schließlich verschwand. Wir sprachen über seinen Prozess und die Möglichkeit, mehrere Jahre im Knast hinter Gittern zu verbringen. Während des Gesprächs streifte er auch seine Zukunftsgedanken und erwähnte die Möglichkeit, seine Identität zu wechseln. Wir machten Witze darüber, wie er schwarze Schminke auftragen und „inkognegro“ in den Untergrund gehen würde, aber das war nur, weil wir dem Wortspiel nicht widerstehen konnten und es hatte überhaupt nichts mit Rassismus zu tun – nur das Gesicht betreffend. Er sprach den Wunsch aus, die Rolle des Teenie-Idols und so genannten Superstar Künstlers komplett aufzugeben und – da er die Nase vom Hollywood Rummel voll hatte – wollte er sein Leben vervollkommnen, indem er seiner Kunst nachging; anonym, wenn notwendig, inkognito um der Freiheit und des Überlebens Willen.

When lunch and conversation were over we parted as friends sometimes do when they sense they may never again see each other. After shaking my hand, warmly, he sauntered his way...and I went mine. But before departure he gave me one final choice of napkin-scribbled words which I shall now write, and ask that you recite, distinctly:

Nach dem Essen und dem Gespräch brachen wir auf, wie Freunde es manchmal tun, wenn sie spüren, dass sie sich vielleicht nie wieder sehen werden. Nachdem er warmherzig meine Hand geschüttelt hatte, schlenderte er seines Weges … und ich ging den meinen. Aber vor seinem Aufbruch gab er mir eine letzte Auswahl von Wörtern, auf eine Serviette gekritzelt, die ich nun schreiben werde und dich bitte deutlich vorzutragen:

The man who travels cross-country
in a caravan of One,
is always alone in unfamiliar places...
where he is no longer a general
to anyone in particular.”

Der Mann, der kreuz und quer durchs Land reist
in seinem Wohnwagen,
ist immer allein an unbekannten Orten…
wo er kein General mehr ist
für irgendjemanden im Besonderen.“

Does that answer your question? Good vibes, a sense of a final “good-bye,” mixed with a mysterious sense of nostalgia that said, “See’ya later?”

Beantwortet das deine Frage? Gute Vibrations, eine Art endgültiges “Good-bye”, gemischt mit einem mysteriösen nostalgischen Gefühl, das da sagte „Bis später“?

Note of clarification: The above “Terrible Parable” (poem) is in fact, one of my own... not written by Jim Morrison... although it was written by me “in the spirit” of Jim Morrison.

Zur Klarheit: Die obige „schreckliche Parabel” (Gedicht) ist in Wirklichkeit von mir, nicht geschrieben von Jim Morrison … obwohl ich sie „im Geiste“ von Jim Morrison geschrieben habe.

JLK:
What do you think about Jim today? Which remembrances have lasted? What has
disappeared with the death of Jim?

Was denkst du heute über Jim? Welche Erinnerungen sind geblieben? Was ist mit dem Tod von Jim verschwunden?

Leon Barnard:
After 30 (some odd) years of being away from it all, and since I’ve been signing-on to various Jim Morrison’s fans’ websites recently, I’d say my level of appreciation has increased significantly. It’s something I just haven’t thought about much in all these years, but now it seems relevant to my situation. Publishing my book has drawn Jim’s spirit closer to me, and in some sense I can better understand why so many people worldwide absolutely love him. I don’t see Jim Morrison as a God, but maybe a “prince among men.” Poetry speaks to the soul, and I’m just grateful there are potentially millions of listeners: Waiting for an echo?

Mit (etwa) 30 Jahren Abstand und nachdem ich mich in letzter Zeit bei mehreren Jim Morrison Fan-Websites eingeschrieben habe, würde ich sagen, dass meine Wertschätzung deutlich zugenommen hat. Es ist etwas, über das ich in all diesen Jahren nur nicht viel nachgedacht habe, aber nun scheint es für meine Situation wichtig zu sein. Dass ich mein Buch veröffentlicht habe, hat mir Jims Geist näher gebracht, und in gewisser Hinsicht kann ich nun besser verstehen, warum ihn so viele Menschen in aller Welt absolut lieben. Ich sehe Jim Morrison nicht als Gott, aber vielleicht als „Prinz unter Menschen“ [großartigen Menschen]. Dichtung spricht die Seele an, und ich bin einfach dankbar, dass es Millionen von möglichen Zuhörern gibt: Waiting for an echo? [Warten auf ein Echo?]

Which remembrances have lasted? “In my memory...Jim Morrison did not die, he just stopped harassing, house security and other passersby.”

Welche Erinnerungen sind geblieben? In meiner Erinnerung … starb Jim Morrison nicht, er hörte nur damit auf, dem Sicherheitsdienst und anderen Vorübergehenden auf die Nerven zu gehen.

Disappeared with his death? Only his physical body.
Mit seinem Tod verschwunden? Nur sein Körper.

JLK:
Would you also write your biography like Danny Sugarman did?

Würdest du auch eine Biographie schreiben wie Danny Sugarman?

“Living by Coincidence,” is the story of my life, but it has little to do with The DOORS. Moreover, it is an autobiography of how I live my existence...although it does have a segment about the “coming-together-of-cycles” that married me to The DOORS. ...a perfect accident that was bound by circumstance to happen.

„Living in Coincidence“ ist die Geschichte meines Lebens, aber hat wenig mit den DOORS zu tun. Darüber hinaus ist es eine Autobiographie darüber, wie ich meine Existenz lebe … obwohl es einen Abschnitt über das „Zusammenkommen von Kreisen“ gibt, das mich mit den DOORS verheiratete … ein perfekter Zufall, der wegen der Gegebenheiten so eintreffen musste.

© Leon Barnard 2004
© J. Bamberg 2004

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Leon Barnard mit den DOORS und Crew im Tourbus

Part Two
16. November 2004

Jim’s career and his view of the world:
Jims Karriere und sein Blick auf die Welt

JLK:
Why, in your opinion did Jim Morrison lead the life he did? And why did he die so young? What could have kept him alive?

Warum hat Jim Morrison deiner Meinung nach das Leben geführt, das er führte? Und warum ist er so jung gestorben? Was hätte ihn am Leben halten können?

Leon Barnard:
I think “life” is a driving force that pushes us around sometimes where we don’t even want to go. In my opinion the choices we make depend on the opportunities that are presented to us, and what we decide to do with them. If I were to guess, I’d say Jim just followed the flow of what was very much a part of his destiny...writing poetry along the way...realizing he had to become a Hollywood icon in order to get more people worldwide to read and then remember him. And his trip was not an ego trip; it was more like a report card he’d send home to his real family: “You and Me.”

Ich denke, das „Leben” ist eine Antriebskraft, die uns manchmal irgendwohin schubst, wo wir gar nicht hinwollen. Meiner Meinung nach hängen die Entscheidungen, die wir treffen, von den Gelegenheiten ab, die uns angeboten werden, und davon, was wir beschließen mit ihnen zu tun. Wenn ich raten sollte, würde ich sagen, Jim folgte einfach dem Strom dessen, was viel seines Schicksals ausmachte … unterwegs Gedichte schreiben … feststellen, dass er ein Hollywood-Symbol werden musste, um Menschen auf der ganzen Welt dazu zu bringen, ihn zu lesen und zu erinnern. Und diese Reise war kein Egotrip; es war mehr ein Zeugnis, das er seiner echten Familie schickte: „Dir und Mir.“

And why did he die so young? Over indulgence. Walking a tight rope without a safety net, to tempt life from no longer happening...at least in the physical sense of the word. And he died young so he could graduate “to the land of legends and other places of projected rumour,” and meet up with Marilyn Monroe, Elvis, John Kennedy, and Lennon, and all the others who have lived fully to earn that status.

Und warum starb er so früh? Übertriebener Genuss. Er lief ohne Sicherheitsnetz über ein gespanntes Seil, verleitete das Leben dazu, nicht länger stattzufinden … zumindest im physischen Sinn des Wortes. Und er starb jung, um ins „Land der Legenden und anderen Orten gezielter Gerüchte“ zu gelangen, und um Marilyn Monroe, Elvis, John Kennedy und Lennon dort zu treffen, und all die anderen, die aus dem Vollen gelebt haben, um diesen Status zu verdienen.

What could have kept him alive? “Time passed future opportunity,” and Jim got drafted into the Great Unknown. Bummer. But glory hallelujah too! Look at how much love he’s garnered since then.

Was hätte ihn am Leben halten können? „Die Zeit ist an zukünftigen Möglichkeiten vorbeigegangen,“ und Jim wurde ins große Unbekannte gezogen. Mist. Aber auch ein herrliches Halleluja! Sehe doch wie viel Liebe er seitdem gesammelt hat.

JLK:
Did Jim really believe in the role of a shaman? Did he have contact to Indians? Did he ever talk about the situation of the native Indians in the United States?

Hat Jim wirklich an die Rolle des Schamanen geglaubt? Hatte er Kontakt zu Indianern? Hat er jemals über die Situation der Indianer in den Vereinigten Staaten gesprochen?

Leon Barnard:
Dunno, for sure, but I expect he took the role of a “medicine-man-rock-star,” somewhat seriously...in a theatrical kind of way. Wasn’t there something written about his wanting to cure the “sexual neurosis” of “the crowd?” I never really discussed it with him. I was just a spectator at the show...”shaking my own tail feathers.”

Weiß nicht, aber ich nehme an, er hat die Rolle des “Medizinman-Rockstars” irgendwie Ernst genommen … in einem theatralischen Sinne. Wurde nicht einmal geschrieben, er wolle die „sexuelle Neurose der Masse“ heilen? Ich habe das nie wirklich mit ihm diskutiert. Ich war nur ein Zuschauer der Show … „und habe mit meinen eigenen Schwanzfedern gewedelt.“

Contact with Indians, or talk about their situation? Not with me.

Kontakt zu Indianern oder über ihre Situation gesprochen? Nicht mit mir.

JLK:
What do you know about Jim’s interest in politics?

Was weißt du über Jims Interesse an Politik?

Leon Barnard:
Not much. I was too naive and uninterested in real politics in those days to care. But the difference between us would’ve been that he was interested in “tearing it all down” to rebuild it again, and I leaned more to the “love and make love” idea of passive and peaceful change. In my last conversation with Jim, he said that he no longer subscribed to a physical revolution - rather, a gradual infiltration into the system to systematically change it from within.

Nicht viel. Ich war damals zu naiv und uninteressiert an realer Politik um darauf zu achten. Aber der Unterschied zwischen uns wäre gewesen, dass er ein Interesse daran hatte „alles niederzureißen“ um es wieder aufzubauen, und ich neigte mehr zu der „Love and make Love“ Idee eines passiven und friedlichen Wandels. In meiner letzten Unterhaltung mit Jim sagte er, dass er keine physische Revolution mehr unterstützen würde – eher ein graduelles Einwandern in das System, um es systematisch von innen zu verändern.

JLK:
Did he really care about politics or have people just used him as a political figure?

War ihm Politik wirklich wichtig oder haben ihn die Leute nur als politische Figur benutzt?

Leon Barnard:
A self-described “erotic politician,” my guess would be that his political interests were informal; maybe more individual, like the person who writes letters to editors of newspapers to exercise his or her right to speak and thereby influence the opinion of others. Jim wrote verse and screamed his message loud & clear on stage.

Er beschrieb sich selbst als “erotischen Politiker”, ich schätze sein politisches Interesse was informell; vielleicht eher individuell, wie bei jemandem der Leserbriefe an Zeitungen schreibt, um von seinem Recht auf Meinungsäußerung Gebrauch zu machen und dadurch die Meinung anderer zu beeinflussen. Jim schrieb Verse und schrie seine Botschaft laut und klar von der Bühne.

JLK:
What do you think, Jim’s retreat from The DOORS was serious, sure, but was it meant as temporary downtime or forever? Do you believe it was Jim’s intention to stay in Paris and live the life of a poet?

Was denkst du, Jims Rückzug von den DOORS war natürlich Ernst, aber sollte e seine vorübergehende Auszeit sein oder für immer? Glaubst du, es war Jims Absicht, in Paris zu bleiben und das Leben eines Schriftstellers zu führen?

Leon Barnard:
It is my understanding that The DOORS had fulfilled all their contracts, and this was Jim’s opportunity to free himself from any further obligation. And what I heard him say was, “The DOORS will always be The DOORS,” and they would come together from time to time to create and make more music. The love was still there, he just didn’t want “to be under contract.”

Meinem Verständnis nach hatten die DOORS alle ihre Verträge erfüllt, und das war Jims Gelegenheit, sich von jedweder weiteren Verpflichtung zu befreien. Und ich habe ihn sagen hören: „Die DOORS werden immer die DOORS sein“, und sie würden von Zeit zu Zeit zusammenkommen, um mehr Musik zu erschaffen und zu machen. Die Liebe war noch immer da, er wollte nur nicht „unter Vertrag sein“.

Before going to Paris, Jim had talked with me about cutting his hair, changing his attire, transforming himself and moving on to the next phase of his existence; which included marrying Pam and writing screenplays for movies...and maybe even directing them.

Bevor er nach Paris ging, sprach Jim mit mir darüber, sein Haar zu schneiden, seine Kleidung zu verändern, sich zu verwandeln und zur nächsten Phase seiner Existenz zu schreiten; was beinhaltete, Pam zu heiraten und Drehbücher für Spielfilme zu schreiben … und vielleicht sogar dabei Regie zu führen.

“A thing cut off from itself becomes endlessly its own,” (paraphrasing Jim) and to me this was a natural transition for the butterfly to spread his artistic wings and fly!

„Etwas, das von sich selbst abgeschnitten wird unendlich etwas eigenes“, (um Jims Worte zu umschreiben) und für mich war dies der natürliche Übergang des Schmetterlings, der seine künstlerischen Flügel ausbreitete und flog!

JLK:
Once he said that with 27 years he was too old to live the life of a rock star. What did he want to say by this?

Er sagte einmal, dass er mit 27 Jahren zu alt sei, um das Leben eines Rockstars zu führen. Was wollte er damit sagen?

Leon Barnard:
Jim was aware that the majority of people who bought concert tickets and listened to DOORS music, were young teenyboppers, and not the sophisticated crowd he’d hope to entertain with his poetry. Actually we did talk about it, and he said that the longevity of a rock band was approximately 5 years, and that he felt a bit more mature than his teenage audience, and was ready to move on. At age 27, Jim was beginning to mature out of his rock and roll daze, i.e., youthful confusion. To regain his strength he needed change; anonymity mostly, and solitude.

Jim war bewusst, dass die Mehrheit der Leute, die Konzerttickets kauften und DOORS-Musik hörten, junge Teenager waren, und nicht die anspruchsvolle Masse, die er mit seiner Dichtung zu unterhalten hoffte. Er hat tatsächlich darüber gesprochen und sagte, dass die Lebensdauer einer Rockband etwa 5 Jahre war, und dass er sich etwas erwachsener fühlte als seine Zuhörer im Teenageralter, und dass er bereit war, weiterzugehen. Mit 27 Jahren begann Jim, aus seiner Rock and Roll Betäubung herauszuwachsen, das heißt, aus seiner jugendlichen Verwirrung. Um seine Kraft wiederzugewinnen, brauchte er Wandel, vor allem Anonymität, und Einsamkeit.

The DOORS Today:
Die DOORS heute:

JLK:
What do you think about the D21C? John Densmore once said: “The DOORS, that’s Jim, Ray, Robby, and John.” What’s your opinion on this?

Was denkst du über die D21C? John Densmore hat einmal gesagt: „Die DOORS, das sind Jim, Ray, Robby und John.“ Was ist deine Meinung hierzu?

Leon Barnard:
I agree with John. “The secret of good eating is knowing when to stop,” is what Jim Morrison used to say. Personally, I liked it when John, Robby, and Ray became: “Other Voices.” I had hoped more would come of this. And, I like it when other singers sing DOORS’ songs...but why do they have to try and look like Jim? or copy his antics? I’d like to see a German-blond-Tarzan-looking guy sing “Light My Fire,” but put his own spin on it. (maybe in English though?) Or an awesome-looking black chick from South Africa adding her own touch to the music. Et cetera. That, for me, would be real entertainment.

Ich stimme John zu. „Das Geheimnis guten Essens besteht darin, zu wissen, wann man aufhört“, sagte Jim Morrison immer. Mir persönlich gefiel es, als aus John, Robby und Ray „Other Voices“ [„Andere Stimmen“, der Titel der ersten LP nach Jim] wurden. Ich hatte gehofft, daraus würde sich mehr ergeben. Und ich mag es, wenn andere Sänger DOORS-Songs singen … aber warum müssen sie versuchen, so wie Jim auszusehen? Oder seine Mimik zu kopieren? Mir würde es gefallen, einen Typen, der wie ein blonder deutscher Tarzan aussieht, zu hören, wie er „Light my Fire“ singt, aber dem Lied seinen eigenen Drall gibt (vielleicht trotzdem auf Englisch?) Oder eine atemberaubend aussehende junge Schwarze aus Südafrika, die der Musik ihren eigenen Touch gibt. Und so weiter. Das wäre für mich echte Unterhaltung.

JLK:
What do you think about the movie by Oliver Stone? In your opinion, is Jim Morrison shown in the this film in a correct or in a biased way?

Was denkst du über den Spielfilm von Oliver Stone? Wird Jim Morrison in diesem Film deiner Meinung nach richtig oder verzerrt gezeigt?

Leon Barnard:
Actually, I was very impressed with Val Kilmer’s performance in The DOORS movie, and when I met with him to offer “character advice,” he seemed to be perfect for the part. And even though Oliver Stone was rude to me during our, meeting, I think he did a fairly good job of capturing some of the essence of what I had witnessed “live” 20 (some odd) years before. My main disagreement is a popular one: Why not put on film the intelligent and poetic genius side of Jim Morrison too, that so many people --worldwide--are hungry for? I’d say 75% of the movie was accurate...the rest: Pure Oliver Stone.

Ich war tatsächlich beeindruckt von Val Kilmers Auftritt in dem DOORS-Film, und als ich ihn traf, um ihn zu dem Charakter zu beraten, erschien er mir perfekt für die Rolle. Und obwohl sich Oliver Stone mir gegenüber während unserem Treffen gemein verhielt, denke ich, dass er eine ziemlich gute Leistung erbracht hat, indem er Wesentliches von dem eingefangen hat, das ich „live“ rund 20 Jahre zuvor beobachtet hatte. Mein zentraler Kritikpunkt ist ein gängiger: Warum wurde in dem Film nicht auch die intelligente und poetisch-geniale Seite von Jim Morrison gezeigt, nach der so viele Menschen – weltweit – hungern? Ich würde sagen, 75% des Films waren korrekt … der Rest: reiner Oliver Stone.

Hopefully another movie will be made about Jim someday, highlighting his genius as a poet, and especially as a person. We need “Great Golden Copulations,” and more evidence of his Humanity.

Hoffentlich wird über Jim eines Tages ein anderer Spielfilm gedreht, der seine Genialität als Schriftsteller betont, und vor allem die als Mensch. Wir brauchen „große goldene Begattungen“ und mehr Beweise seiner Menschlichkeit.

JLK:
If Jim was still alive, what would he do? What would he think about today’s music? Which style would he choose for his own? Would he still be onstage if he had remained healthy? And would he protest against today’s commerce and the fast pace of life?

Wenn Jim noch am Leben wäre, was täte er? Was würde er über die heutige Musik denken? Welchen Stil würde er für seine eigene wählen? Wäre er noch auf der Bühne, wenn er gesund geblieben wäre? Und würde er gegen den heutigen Kommerz und das schnelle Leben protestieren?

Leon Barnard:
Speculating based on our last conversation: I think Jim would be writing and directing movies; possibly writing novels too. Reading & writing. Acting? For some reason, I don’t think so. When asked about other rock groups in the 60’s, Jim said that he really didn’t listen to other groups that much, and that his favourite music was The DOORS. Sincerely. He liked classical music, and singers like Frank Sinatra and Peggy Lee. (Have you ever listened to Peggy Lee turn a phrase?)

Wenn ich mal aufgrund unseres letzten Gesprächs spekuliere: Ich denke, Jim würde Filme schreiben und Regie führen; vielleicht auch Romane schreiben. Lesen & schreiben. Schauspielen? Aus irgendeinem Grunde denke ich das nicht. Wenn man ihn nach anderen Rock-Gruppen der 60er fragte, sagte Jim, dass er nicht so viel Musik anderer Gruppen hörte und das die Musik der DOORS seine Lieblingsmusik war. Ehrlich. Er mochte klassische Musik und Sänger wie Frank Sinatra oder Peggy Lee. (Hast du jemals gehört, wie Peggy Lee einen Satz umdreht?)

Today’s music? I don’t have a clue. If he were alive to choose music, I think he’d let the music choose him...whatever was singing a song inside his head. Whether he’d be paired up with John, Robby, and Ray, I’d say probably yes...the love will always be there...even if there was fighting and disagreement. --But hey, that’s rock n’roll, ain’t it?

Die heutige Musik? Ich habe keine Ahnung. Wenn er leben würde und Musik auswählen könnte, denke ich, dass er die Musik ihn auswählen würde … was immer in seinem Kopf einen Song sang. Ob er mit John, Robby und Ray zusammen wäre, ich würde sagen wahrscheinlich ja … die Liebe wird immer da sein … selbst wenn es Kämpfe und Meinungsverschiedenheiten gab. –- Aber hey, das ist Rock ’n’ Roll, nicht war?

Onstage? Yes. Without a doubt I think Jim would like to gather again with The DOORS and strut his stuff on stage! Casually, without contract though, occasionally, for the fun of it. It would be a new performance - original - in its rebirth of times gone by. No recycled antics; fresh, new-age Jim Morrison.

Auf der Bühne? Ja. Ohne jeden Zweifel denke ich, Jim würde es gefallen, sich wieder mit den DOORS zusammenzutun und sein Zeug auf der Bühne auszubreiten! Aber locker, ohne Vertrag, hin und wieder, einfach um Spaß zu haben. Es wäre eine neue Performance – ursprünglich – in ihrer Wiedergeburt vergangener Zeiten. Keine wieder aufbereiteten Fratzen, ein frischer, neuer Jim Morrison.

Commerce? Jim was never possessed by it in the first place. He owned nothing...really...nothing...and therefore Nothing owned him. He spent his money and he gave it away. The complete existentialist got up and walked away from it all. No protest, no nothing; just indifference to the greedy fat cats who set out to market him.

Kommerz? Erstens wurde Jim nie davon beherrscht. Er besaß nichts … wirklich ... nichts … und daher besaß Nichts ihn. Er gab sein Geld aus und gab es weg. Der vollständige Existenzialist stand auf und ging einfach von allem weg. Kein Protest, einfach gar nichts; nur Gleichgültigkeit den gierigen fetten Katzen gegenüber, die sich daran machten, ihn zu vermarkten.

***

JLK:
Was Jim Morrison a religious person, and if so, do you know which kind of religion he would have preferred?

War Jim Morrison ein religiöser Mensch, und falls ja, weißt du, welche Art Religion er bevorzugt hätte?

Leon Barnard:
“I believe in not believing in anything, although I do believe in believing a little bit of everything,” is my religion. Jim once said: “The complete extension of an American is to become President; the complete extension of the ego is to become God.” I’d guess Jim Morrison believed in the Superhuman side of “Will Power.” Un-denominational.

“Ich glaube daran nichts zu glauben, obwohl ich daran glaube, ein bisschen von allem zu glauben“, das ist meine Religion. Jim hat einmal gesagt: „Die komplette Vollendung eines Amerikaners ist es, Präsident zu werden; vollständige Vollendung des Egos ist es, Gott zu werden.“ Ich schätze, Jim Morrison glaubte an die übermenschliche Seite der Willenskraft. Konfessionslos.

JLK:
Ray Manzarek once said: “Jim’s message was: Every man is a God, every man is Jesus, every man is Buddha, all you have to do is realize it.” An anagram of Jim’s full Christian name, James Douglas, is: Lama Jesus God. Did Jim ever talk about if he was seeing any deeper meaning in anagrams of his name?

Ray Manzarek sagte einmal: “Jims Botschaft war: Jeder Mensch ist ein Gott, jeder Mensch ist Jesus, jeder Mensch ist Buddha, das einzige was du tun musst, ist es zu begreifen.” Ein Anagram von Jims vollständigem Vornamen, James Douglas, ist: Lama Jesus God. Hat Jim jemals darüber gesprochen, ob er in dem Anagram seines Namens eine tiefere Bedeutung sah?

Leon Barnard:
Leon spelled backwards is: Noel. And in the opening line of “Something About The Author” in my resume, I begin with: “I was born in a manger,” but I really wasn’t. It was more like a woodframe cottage in the outskirts of Midland, Arkansas, 1940. And I’ve never really delved into it very seriously - and in all honesty, I’ve never had that conversation with Jim either, so I don’t have an answer to this question.

Leon rückwärts buchstabiert ist: Noel. Und in der ersten Zeile von „Etwas über den Autor“ in meinem Lebenslauf, schreibe ich: „Ich wurde in einer Krippe geboren“, aber in Wirklichkeit wurde ich es nicht. Es war eher ein Landhaus mit hölzernem Rahmen am Stadtrand von Midland, Arkansas, 1940. Und ich habe mich nie eingehend damit befasst – und ehrlich gesagt habe ich darüber auch nie mit Jim gesprochen, daher habe ich keine Antwort auf diese Frage.

JLK:
It is told that sometimes Jim vanished for a couple of days, and that he was staying somewhere in the California mountains then. Do you know if this was true, and, if so, where Jim was going and what he was doing there? Might that be, in some way, part of his life as a “shaman?”

Es wird erzählt, dass Jim manchmal für ein paar Tage verschwand und dann irgendwo in den kalifornischen Bergen war. Weißt du, ob das stimmt, und, wenn ja, wohin Jim dann ging und was er dort machte? Könnte es sein, dass das in gewisser Weise Teil seines Lebens als „Schamane“ war?

Leon Barnard:
Again, to tell you the truth, I think more has been placed on Jim’s “shamanism” than it really deserves. Personally I think it was part of a stage performance, and maybe had something to do with Jim’s youth, living in New Mexico for a while, and possibly absorbing some of the traditions of the Native Americans there.

Noch einmal, um die Wahrheit zu sagen, ich denke, es wurde mehr in Jims „Schamanismus“ hereingedacht als da wirklich war. Ich persönlich denke, es war Teil einer Bühnenshow, und hatte vielleicht etwas mit Jims Jugend zu tun, als er eine Weile in New Mexiko lebte und dort vielleicht einige der Traditionen der Indianer aufgesogen hat.

When Jim disappeared he just disappeared. When he returned we all greeted him knowing he’d been somewhere but did not feel it important to ask him where or why. California mountains? Marlin fishing with Babe Hill in Mexico? Out of town with a fanmail groupie for the weekend? Lots of possibilities, but I personally don’t think it was anything mystical.

Wenn Jim verschwand, verschwand er einfach. Wenn er wiederkam, begrüßten wir ihn und wussten, dass er irgendwo gewesen war, aber es erschien nicht wichtig, ihn danach zu fragen wo und warum. Kalifornische Berge? Speerfische fischen mit Babe Hill in Mexiko? Das Wochenende über mit einem Groupie raus aus der Stadt? Viele Möglichkeiten, aber ich persönlich denke nicht, dass es etwas Mystisches war.

JLK:
Did Jim practice shamanism in a regular way?

Hat Jim regelmäßig Schamanismus praktiziert?

I doubt it. Jim lived an unstructured, free-flowing life, unattached to the formality of joining--or belonging--to any religion. Shaman? He couldn’t even shake the maracas in rhythm, so John, Robby, and Ray, would ask me to hide them from him onstage before a concert. I think it was more of a performance thing.

Das bezweifle ich. Jim lebte ein unstrukturiertes, frei fließendes Leben, unabhängig von einer Mitgliedschaft – oder Zugehörigkeit – zu einer Religion. Schamane? Er konnte nicht einmal die Maracas im Rhythmus schütteln, daher baten John, Robby und Ray mich, sie auf der Bühne vor einem Konzert vor ihm zu verstecken. Ich denke es war mehr eine Performance-Sache.

And if the complete extension of an American is to become President, then I’d cast my vote for “The Shaman,” “The Lizard King,” but I never saw him as a God; to me he was just plain, “Jim Morrison.” A laughtime friend.

Und wenn die vollständige Erweiterung eines Amerikaners ist, Präsident zu werden, dann würde ich meine Stimme für „Den Schamanen“, „Den König der Eidechsen“ abgeben, aber ich sah ihn nie als Gott; für mich war er ganz einfach „Jim Morrison.“ Ein Freund.

Completed: November 16, 2004
Fertig gestellt: 16. November 2004

© Leon Barnard 2004
© J. Bamberg 2004


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