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der Collage by Gernot W. Freudenberger
Diese
Seite darf in anderen Homepages NUR und AUSSCHLIESSLICH
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Und nur auf schriftliche Genehmigung meinerseits.
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der Seite - auch auszugsweise! - nicht erlaubt
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Vielen
Dank!
Bücher, CDs, DVDs der DOORS
oder ihrer einzelnen Mitglieder
findet ihr in richlicher Auswahl hier:

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Mein
Interview mit Egon Koch zum Thema
"Jim Morrison, the DOORS, meine Liebe zu der Band"
für SWR 2"
Die
Zahlen bedeuten die Zeit des Interviews.
EK:
Egon Koch
GWF: Gernot W. Freudenberger
(…): Pausen
+++++
+++ +++++
Transkription
Gernot W. Freudenberger
(Hattersheim, 29.9.2006)
0:00
E.K.
Selbstvorstellung.
0:21
G.W.F.
Gernot W. Freudenberger, ich bin 56 Jahre alt und habe eine
Homepage über die Doors.
the-doors-world.com
Ich bin Frührentner nach zweimaligem Krebs seit 2003
und bin Doors Fan seit ca. 1968-69.
0:49
E.K.
Wie sind Sie auf die Doors gestoßen?
1:00
G.W.F.
Ich interessiere mich eigentlich schon immer für Musik.
Damals war’s halt Freddy Quinn, der mich immer interessiert
hat, und kam dann (…)
Ich war halt 1967, Ende 67 war ich auf der Seemannschule
in Blankenese. War oft im Starclub gewesen, hab da einige
Gruppen gesehen und hab mir dann angeeignet auch andere
Musik zu hören, die modern war, die anderes war, die
mich halt interessiert hat und wegging von dem deutschen
Schlager etc. Darunter war Jimi Hendrix, die Doors, die
Rolling Stones. (…)
1:53
E.K.
2:02
G.W.F.
(…)
2:22
Die Doors haben mich eigentlich interessiert wegen ihrer
Schwere der Musik. Sie war anders als die Musik, die ich
bisher gehört hab, sie war mystisch, dunkel, teilweise
dreckig, teilweise geheimnisvoll. Mir hat halt..., das Orgelspiel
war das, was mir bei den Doors zuerst aufgefallen ist, das
war eigentlich Ray Manzarek mit seiner Orgel, weil er die
Orgel eigenartig gespielt hat, er hat viele Musikrichtungen
drin gehabt.
2:59
E.K.
Manzarek der Anknüpfungspunkt und nicht so sehr Jim
Morrison mit seinen Texten?
3:07
G.W.F.
Stichpunkte auf einem Blatt Papier: Kindheit, DDR, Saarland,
Hamburg, St. Pauli …
5:01
E.K.
Was für Menschen haben die Clubs auf St. Pauli besucht?
Wie war die Atmosphäre?
5:38
G.W.F.
Ich kann mich nur noch an die Plüschstühle erinnern,
also Sessel teilweise mit Plüsch oder Samt bezogen.
(…) Ich hab noch nie so viele Langhaarige …
auf engem Raum zusammen gesehen, ich hab mir dann auch die
Haare wachsen lassen. Es war eine ganz, ganz andere Welt
wie ich bisher gewohnt war. Weil vom Elternhaus her, es
war eigentlich ziemlich militärisch, weil mein Vater
war lange Zeit im Zweiten Weltkrieg, mein Großvater,
väterlicherseits, war im Zweiten Weltkrieg. Und die
Erziehung war halt sehr konservativ und ich war nach der
Übersiedlung aus der DDR eigentlich schon immer etwas
anders, oder ich hab mich anders gefühlt. (…)
ich hatte nirgendwo 'ne richtige Heimat. Und in Hamburg
hatte ich dann dieses Gefühl zum ersten Mal; weil,
mir hatte dieses ganze Flair von St. Pauli (…) so
unheimlich gefallen, so durch die ganzen Seeleute, die dort
verkehrt sind, die ganzen Touristen, die Zuhälter,
die Prostituierten, die Geschäftsleute und die ersten
Dealer. Und es war eine ganz, ganz andere Welt. Es war wie
'ne Theateraufführung, wenn man selbst mit mitten auf
der Bühne steht. Und der Starclub, das war für
mich eigentlich.., obwohl ich noch ziemlich jung war, das
war 'ne Heimat irgendwie. Ich hab' mich da unheimlich sauwohl
gefühlt und ich war unheimlich gerne in dieser Umgebung
gewesen. (…)
8:00
E.K.
Wie kam die Website über die Doors zu Stande?
8:13
G.W.F.
Die Website ist dadurch entstanden, dass ich nach meinem
ersten Krebs – 1998 hatte ich Leberkrebs – und
ich hatte immer eine Aversion gegen PC oder Computer überhaupt
(…)
8:38
Und rein wegen der Ablenkung wegen der Krebsgeschichte hab
ich mich dann doch irgendwann durchgerungen, mir einen Computer
gekauft, habe sehr viele Schwierigkeiten gehabt, hab' mir
alles selbst beigebracht, bis ich das Ding einigermaßen
beherrscht habe. (…)
9:10
Es war eigentlich die Zeit, in der ich sehr intensiv wieder
zu den Doors zurück gefunden hab', weil die Stimmung
durch meinen Krebs, die Angst, dass er wieder kommt und
alles, was damit zusammen hängt, hat eigentlich sehr
viel mit der Musik der Doors zu tun gehabt, weil in der
Musik der Doors spiegelt sich auch Tod, Leben, Glück,
Freude, Liebe, irgendwie alles spielt da eine Rolle. Und
Morrison war ein Interpret dessen, dass er das unheimlich
gut in Szene setzen konnte. Er war für mich ein (…)
wahnsinnig guter Lyriker, er hat unheimlich gut geschrieben,
als Sänger fand ich ihn nie so bedeutend wie zum Beispiel
Mick Jagger, er hatte nie diese Stimme gehabt oder Ausdrucksweise
in der Stimme, obwohl er gerade durch seine Art, wie er
interpretiert hat, einen Weg gefunden hat sich innerhalb
der Band, mit den anderen drei Musikern, hätte die
Band meines Erachtens keinen anderen (…) Sänger
finden können. Und ich finde, dass er unheimlich gut
dazu gepasst hat und dass die Gruppe als Band zusammen unheimlich
gut harmonisiert hat.
10:29
E.K.
Existentielle Stimmung, die die Doors mit ihrer Musik vermittelt
haben?
10:51
G.W.F.
Es war eine existentielle Stimmung für mich, würde
ich sagen. Weil es hat zu meiner Stimmung gepasst, wie ich
sie zu der Krebszeit erlebt habe.
(…)
11.10
E.K.
Wie haben Sie die Website aufgebaut?
11:42
G.W.F.
Es hat irgendwann mal angefangen, dass ich einfach eine
Seite machen wollte – ich hab auch noch 'ne Jimi Hendrix
Seite - , aber die Doors Seite jetzt speziell, das war einfach
mal ein Hobby, weil, wie gesagt, ich habe die Band geliebt
und ich wollte einfach einen Dank aussprechen an die Band.
Und wollte neue Leute dazu animieren, sich die Doors anzuhören
und sich mit den Doors zu beschäftigen. Am Anfang waren
das zwo, drei Seiten mit ein paar Bilder und erst im Laufe
der Jahre ist ja ein ziemlich großes Werk entstanden.
Und ich habe eigentlich immer versucht, irgendwie etwas
anderes zu schaffen als auf vielen anderen Doors Seiten
zu sehen ist; weil es im Prinzip immer dieselben Bilder
und dieselbe Schreibweise über die Band ist. Und ich
hab' halt versucht Sachen auf meine Homepage zu bringen,
wo die Doors zum Beispiel gespielt haben, hab' versucht
… durch Internetrecherche Bilder zu finden von Auftrittsorten
oder von großen Clubs oder Sälen oder von Arenen.
Und habe Seiten geschaffen über Instrumente, mit denen
die Doors gespielt haben, hab' 'ne Seite geschaffen über
die Auftrittsorte, hab' 'ne Seite geschaffen über alle
Bootlegs.
(…)
13:34
E.K.
Auch reale Aufenthaltsorte der Doors und Jim Morrison auf
der Website, wie LA und Paris.
14:10
G.W.F.
Ich war in den letzten Jahren im deutschen Doors Kreis tätig,
also die Doors Fangemeinde. Es hat mir dann aber irgendwann
nicht mehr gefallen, weil es immer so Querelen gab. Unstimmigkeiten.
Neid und so. Ich hab' aber ziemlich viele Leute kennen gelernt,
wie den Jürgen Bamberg aus Hamburg, der eine Doors
Seite gehabt hat. (…) Ich hab den Jan-Erik Hubele
kennen gelernt, der ein Buch geschrieben hat über die
Zeit, wo Jim Morrison in Paris gelebt hat und wo er überall
war, mit sehr vielen Bildern und Berichten. Kai Wittkowski,
der in Deutschland die größte DOORS Sammlung
überhaupt sein eigen nennt. Ich habe Coverbands kennen
gelernt und ich hab Musiker kennen gelernt, Leute kennen
gelernt, die Mitglieder der Doors persönlich kennen
gelernt haben, wie z.B. Darryl Read.
(…)
17:11
E.K.
Entstand durch die Website eine Art Forum der Doors Fans?
17:36
G.W.F.
(…)
17:45
Es sind im Prinzip immer dieselben zehn Leute, die da irgend'was
’reinschreiben und darauf antworten. Das ist in Amerika
bei den Doors selbst oder auf der Seite von Ray Manzarek
oder Robby Krieger ist das ganz, ganz anders, da sind Tausende
von Leute, es sind auch Tausende von Leute, die da irgendwie
was Neues bringen oder irgendwie Fragen haben. In Deutschland
läuft das nicht, ich weiß nicht, woran das liegt.
(…)
18:28
Was ich festgestellt hab', dass meine Seite, das macht mich
auch etwas stolz inzwischen, die meistbesuchteste und informativste
Seite in Deutschland ist, wo eine Band vorgestellt wird.
Dazu muss ich aber auch noch sagen, dass Oliver Stone mit
seinem Film damals, „The Doors“, auch nochmals
sehr für Nachwuchs gesorgt hat, dass jüngere Leute
vor allen Dingen, wieder auf die Musik der Doors gekommen
sind oder überhaupt sich für die Musik der Doors
interessiert haben, was 'ne zeitlang ziemlich eingeschlafen
war und grad durch den Film „The Doors“ vom
Oliver Stone ist ein sehr, sehr großes Publikum, vor
allen Dingen jüngere Leute, Teens oder Twens hat man
früher gesagt, die dazu gekommen sind und sich für
die Doors interessieren. Und das freut mich eigentlich unheimlich,
wenn mir jemand 'ne E-Mail schickt und „Ich bin 15
Jahre und ich find das toll diese Homepage und ich find
das toll, dass es die Doors gibt, hab ich früher eigentlich
nie gehört und irgendwann bin ich halt auch über
diesen Film „The Doors“ vom Oliver Stone auf
die Band gekommen und hab mich damit beschäftigt und
ich muss sagen, sie machen eine unheimlich gute Musik“.
Und ich finde das einfach geil, dass nach vierzig Jahren
immer noch Leute dazu kommen und die sich für diese
Musik interessieren.
(…)
20:24
Es freut mich einfach, dass die Homepage (…), das
ist 'ne sehr große Arbeit und man sitzt viele Stunden
vor dem PC und beschäftigt sich damit, den Leuten immer
wieder was Neues zu präsentieren oder man sucht irgendwie
nach Dingen, die nicht so bekannt sind, (…) und für
mich ist es dann immer wieder ein unheimlicher Dank, wenn
dann jemand schreibt, ich find das klasse und ich hab noch
nie soviel über die Doors kennen gelernt (…)
als auf deiner Homepage und hab' mich jetzt mal mit CDs
beschäftigt und DVD's gekauft und mir die Band etwas
näher gebracht. Und das freut mich einfach.
21:06
E.K.
Wie erklären Sie sich, dass Menschen in unserem Alter
die Musik der Doors immer noch gut finden?
21:28
G.W.F.
(leichtes Lachen)
Ich würde es so bezeichnen: Back to the roots. (…)
Ich habe es nicht und ich werde es auch nicht verleugnen:
Ich bin eigentlich sehr glücklich, die Zeit der 70er
Jahre mitgemacht zu haben, mit langen Haaren durch die Gegend
gelaufen zu sein, Stress mit jedem gehabt zu haben, mit
den Eltern, mit dem Arbeitgeber, mit den Leuten auf der
Straße. „Gammler“ und wie wir alle beschimpft
wurden, aber es war unsere Zeit. Und es war eine Zeit für
mich eines Umbruchs, der in der Generation stattgefunden
hat. Und ich sehe mich immer noch, auch heute noch als ein
Teil, der in dieser Szene mit drin war und ich kann mir
heute auf die Schulter klopfen und kann fröhlich sagen,
ich bin stolz, dass ich in dieser Zeit gelebt habe. Und
ich bin stolz, dass ich diesen Weg gegangen bin, der bestimmt
schwieriger war als einfach Schule, Universität, gescheiten
Beruf gelernt, vielleicht heute viel Geld und ein gemachter
Mann zu sein. Nee, das ist und war nicht so mein Ding. Und
ich hab die 70er Jahre geliebt, weil es war alles neu, es
war 'ne Änderung in der Musik, es war 'ne Änderung
in der Generation, die Leute waren für 'ne gewisse
Zeit freier, obwohl die Auslegung des Begriffs Freiheit
wieder ein Punkt für sich ist, frei ist man eigentlich
nie, aber man hat sich wenigstens frei gefühlt.
23:02
Es war die Zeit der freien Liebe, egal wie man jetzt dazu
steht, man hat seinen Joint geraucht, man hat seine Erfahrung
gemacht, man hat gemeint, das Unterbewusstsein steuern zu
können, vielleicht war es in gewisser Weise so. …
Ich bereue keinen Tag. Ich liebe die 70er, ich muss es so
sagen, ich liebe die 70er und erinnere mich unheimlich gern
an diese Zeit zurück, weil sie mir menschlich eigentlich
sehr viel gebracht hat. Ich hab' wahnsinnig sehr viele neue
Leute kennen gelernt, die andere Gedankengänge hatten
als meine Eltern (…), unsere Verwandtschaft oder die
Bekannten meiner Eltern. Es war neu und (…) man hat
tun und lassen können, was man wollte und hat niemand
gefragt, darf ich das oder darf ich das nicht, ist das gesetzlich
jetzt, dass ich Haschisch rauche oder mir einen Trip einschmeiße,
es hat dazu gehört und die Musik hat dazu gepasst und
die Bücher haben dazu gepasst. Ja, es war toll.
24:08
E.K.
Das hat ja auch alles Jim Morrison vorgelebt.
24:21
G.W.F.
Ja, er hat es vorgelebt, aber irgendwo schon auf einer anderen
Art und Weise. (…) Ich hab mich nie so gesehen, dass
ich auf einer Rasierklinge sitze, die an und für sich
schon gefährlich ist, wenn man links oder rechts runter
fällt.
24:48
Morrison war für mich ein Exzentriker, der das Leben
ausgekostet hat. (…) Er hat getan, was er für
richtig hielt und hat sich eigentlich wenig um seine Mitmusiker
gekümmert, er hat sich wenig um seine Freunde gekümmert,
um seine Bekannten, er hat seine Art des Lebens gefunden
und hat die, ja, bis zum Schluss in Paris, wo er in der
Badewanne gestorben ist, eigentlich gelebt.
25:22
E.K.
Morrison hat eine Botschaft gehabt und gleichzeitig abgelehnt,
ein Führer für eine Bewegung zu sein.
26:27
G.W.F.
(…)
26:33
Ich hab' diese Feststellung eigentlich gemacht, so als Führer
oder Idol, dem man nacheifert, erst so in den letzten Jahren,
nach dem Film vom Oliver Stone, wo sehr viele junge Leute
dazu gekommen sind. Und für die ist Jim Morrison einfach
'ne Lebensanschauung, für die ist Jim Morrison wie
ein Gott, wie ein Bruder, wie ein Vater, kann man unheimlich
schwer erklären. Es gibt Leute, die abends mit einem
Gebet für Jim Morrison einschlafen, ich hab' so Leute
kennen gelernt, es gibt Leute, die Geschäftsleute waren,
die, wenn sie vor Abschluss eines Geschäfts standen
oder ein Geschäft überhaupt machen wollten, in
den Wald oder in ein Feld gegangen sind und mit Jim Morrison
besprochen haben, ob er das gut findet, das Geschäft.
27:20
Es ist heute extremer als das früher war, früher
hat man sich diese Gedanken eigentlich gar nicht so gemacht,
ob Jim Morrison jetzt so 'ne Führerpersönlichkeit
ist. Ich glaube (…), dass das Jim Morrison eigentlich
gar nicht wollte. Er kam aus einem Elternhaus, der Vater
war Admiral bei der amerikanischen Marine und es war ein
unheimlich konservatives Elternhaus mit 'ner sehr strengen
Erziehung und entscheidend nach ihm, was er immer so erzählt
hat, als er so vier Jahre alt war und sie haben eine Fahrt
durch die Wüste unternommen, als sie irgendjemand besuchen
wollten, und sie kamen an so einem Autounfall vorbei, wo
ein Truck mit Indianern einen Unfall hatte und ein Indianer
auf der Erde lag, der am Sterben war. Und Jim Morrison hat
immer gesagt, dieser Indianer hat ihn angeschaut, „als
er gestorben ist, ist dieser Geist des Indianers in meine
Seele eingetaucht.“ Und er hat’s auch später
immer wieder beschrieben, dass das eigentlich der ausschlaggebende
Punkt war, sein Leben zu ändern, obwohl er damals erst
vier Jahre alt gewesen ist. Aber er hat immer behauptet,
da ist irgendwas mit ihm passiert, dass er sein ganzes Leben
lang nicht vergessen hat. Und er hat auch zu dieser Zeit
angefangen, sehr viel zu lesen, es waren am Anfang viele
Kinderbücher, dann war es amerikanische Geschichte
usw. und erst später ist er auf Freud gekommen und
die ganzen Lyriker. Er hat sehr viel über die griechische
Mythologie gelesen, Nietzsche etc. Und man hat eigentlich
nach Hörensagen oder nach dem Lesen, was man so gelesen
hat, Jim Morrison nie ohne irgendein Buch angetroffen. Und
das waren eigentlich auch immer die ersten, die einzigen
Habseligkeiten, die er als junger Mann hatte, nachdem er
auf der Universität, ich glaube, in Los Angeles, auf
der UCLA war, auf der Filmschule, und wie gesagt, er hat
immer nur gelesen und seine einzige Habe war eine Kiste
mit Büchern und er hat keine Klamotten gehabt oder
immer dasselbe getragen und hat sich weder für neue
Schuhe oder sonst was interessiert. Das einzige Interesse,
was er gehabt hat, das waren Bücher, Bücher, Bücher.
Und hat dann auch angefangen Notizbücher mit sich herum
zu schleppen, wo er eigene Gedanken erst nur aufgeschrieben
hat. Und später wurden aus seinen eigenen Gedanken
seine Lyrik, seine Prosa. Und er hat angefangen, unzählige
Gedichte zu schreiben. Aber Führer, nee. Wie gesagt,
für uns war er kein Führer.
30:24
E.K.
Wie erklären Sie sich den Unterschied?
30:58
G.W.F.
Es liegt meines Erachtens daran, dass die heutige Generation
(…)
31:13
sie ist heute viel mehr auf Kommerz aus, meines Erachtens,
ich hab so den Eindruck, hasserfüllter teilweise, brutaler,
zerstörungsanfälliger, also sie machen mehr kaputt.
Und ich hab' immer so das Gefühl, dass Morrison da
unheimlich gut dazu passt, weil ich hab' mit vielen jungen
Leuten über Morrison gesprochen, und die Meinung ist
immer: Na gut, der hat’s ja damals vorgelebt, der
hat ja auch immer nur gesoffen und hat alles kaputt gemacht
und Tod gepredigt und wie schön der Tod ist und wie
schön die Zerstörung ist, aber ich glaube, dass
die Leute es irgendwie gar nicht so richtig in den Kopf
reinkriegen, was eigentlich so hinter den ganzen Texten
steht oder was er eigentlich ausdrücken wollte. Ich
glaube nicht, dass Morrison diese brutale Person war, wie
er heute dargstellt wird oder dieser Führungsanspruch,
die die Jugend an ihn stellt oder dieses Idol Jim Morrison.
Ich hab dazu 'ne andere Meinung, aber man bringt es diesen
Leuten, wenn man sich mit jungen Leuten, die in der Doors
Szene drin sind, unterhält, man hat immer das Gefühl,
man spricht gegen 'ne Wand.
(…)
32:32
Die sehen Jim Morrison, so brutal es klingt, teilweise auch
so 'ne Art Adolf Hitler. Es ist ein unheimlich schlechter
Vergleich, aber Hitler war auch so jemand, der die Massen
bewegt und so hab' ich manchmal das Gefühl, dass jüngere
Leute Jim Morrison so sehen, die Massen bewegend und steht
auf und geht raus auf die Straße und haut den nächsten
um oder macht irgendwas kaputt.
(…)
33:23
Doors Musik waren eigentlich damals Konzerte, wo die Leute
mitgegangen sind, geklatscht haben und auch getobt haben,
aber es war irgendwie mehr Zuhören und heut ist es
mehr, ich bin dabei und jetzt lass' ich mal die Sau raus.
33:40
E.K.
Was halten Sie von seinen Gedichten, seinen Texten?
33:58
G.W.F.
Mhhh. Ich halte eigentlich sehr viel von seinen Gedichten
und Texten, weil ich auch versuche, Gedichte zu schreiben.
Ich bin nicht Morrison und ich werd mich auch nicht mit
ihm identisch sehen, das werde ich auch nie schaffen. Aber
ich schreibe meine Gedichte für mich, über meine
Stimmung, über meine Ängste, über meinen
Krebs, über mein Leben, über meine Liebe. Ich
habe aber irgendwo das Gefühl, das wir in derselben
Welt leben, also Morrison mit seinen Gedanken und ich mit
meinen Gedanken. Und die Lyrik von Jim Morrison spricht
mich unheimlich an.
(…)
35:12
Ich finde seine Lieder, die Ausdrucksweise, ich finde die
Zusammenstellung der Zeilen, die Zeilenanordnung, er schreibt
manchmal 'ne Seite über irgendetwas und dann kommt
nur drei, vier Wörter, wo man auf den ersten Moment
gar nicht das Gefühl hat die passen da dazu, aber liest
man das Gedicht ein zweites und ein drittes Mal dann kriegt
man irgendwie erst mal so ein bisschen den Zusammenhang
mit. Ich finde, das Jim Morrison eine Art hat zu schreiben
wie es eigentlich wenigen Menschen möglich war oder
gegeben ist, sich überhaupt so ausdrücken zu können.
35:55
E.K.
In den Gedichten kommt oft die Nacht vor. Für was steht
bei Jim Morrison die Nacht?
36:58
G.W.F.
Meines Erachtens, das ist eine Annahme von mir, dass Morrison
mit Nacht eigentlich den Tod beschreibt. (…) In vielen
Texten hat er den Tod anders beschrieben als Nacht. (…)
Er war irgendwie interessiert, hab ich das Gefühl,
wie das ist, er hat sich seine Gedanken gemacht, er hat
durch die griechische Mythologie und was er nicht noch alles
gelesen hat, sich sehr viel mit dem Tod beschäftigt.
(…) Und er hat ihn versucht, für sich irgendwie
verständlich zu machen. Da ist zum Beispiel das Lied
„Break on through to the other side“, was für
mich auch nur Tod bedeutet, was da kommt und was da ist.
„The End“ ist für mich eigentlich auch
Tod, weil (…) er hat sehr viel über das Geheimnis
des Todes nachgedacht, denke ich. Und hat das in seiner
Lyrik irgendwie versucht zu verarbeiten und für sich
zu beschreiben. Er hat immer wieder gesagt, dass er keine
Angst vor dem Tod hat, aber was ist Angst vorm Tod, ich
mein durch meinen Krebs hab' ich auch Angst vorm Tod. Manchmal
hab' ich keine, ich bin manchmal neugierig, wie das ist,
wenn man stirbt und ich hab mit meiner Onkologin darüber
gesprochen, was Tod ist. Und die hat gesagt, das ist ein
Wechsel, das ist ein Raumwechsel, mehr eigentlich nicht.
Und da ist es halt wieder die Frage, ob man an eine Reinkarnation
glaubt, was man für eine Einstellung selbst hat. Und
ich glaube, dass Jim Morrison eigentlich sehr viel Interesse
am Tod hat, um herauszufinden, was kommen kann und was kommen
wird.
(…)
39:02
Er hat eigentlich fast in jedem Lied, ja, eigentlich fast
in jedem Lied ist irgendeine Anmerkung über den Tod
mit drin.
39:12
E.K.
Den er dann so nicht nennt. Einfluss von Rimbaud. Er sagte,
man muss zuerst mal zerstören um eigenes schaffen zu
können. Visionen, Utopie.
41:08
G.W.F.
(…) Ich hab eigentlich nur die einzige Vorstellung,
dass er ein suchender Mensch war wie eigentlich jeder ein
suchender Mensch ist. Aber er hat meines Erachtens irgendwie
einen Sinn im Leben gesucht, einen Sinn in der Existenz,
einen Sinn in der Liebe. Er wollte irgendwie seine Situation
(…) abarbeiten irgendwie, so kommt mir das immer vor.
(…) Es ist eigentlich unheimlich schwierig, wenn man
jemanden nicht gekannt hat persönlich, nicht persönlich
kennen gelernt hat, sich ein Bild zu machen, rein von dem,
was man liest, und rein von dem, was man musikalisch hört.
(…)
42:25
Und gerade im Bezug auf Jim Morrison fällt es mir unheimlich
schwer ein klares Bild zu bekommen, weil er ist so unheimlich
vielseitig. Wenn man meint, man hat ihn irgendwo gegriffen
und sagt, aus diesem und diesem Grund hat er dieses und
dieses Lied geschrieben. Und man hört zwei, drei Lieder
weiter oder liest seine Gedichte, man hat ein Gedicht gelesen
und im fünften ist alles wieder über den Haufen
geschmissen, was man vorher eigentlich als Meinung hatte.
Und das ist unheimlich kompliziert.
42:58
E.K.
Er ging nach Paris mit dem Wunsch, als Dichter anerkannt
zu werden.
44:14
G.W.F.
(…)
Was sich so herauskristallisiert hat für mich war ja,
dass Jim Morrison eigentlich nie die Idee gehabt hat, Rocksänger
zu werden oder Rockstar zu werden oder so 'ne Persönlichkeit
überhaupt auf der Bühne zu werden. (…) Es
war sein schreiben. Aber das erste Ziel war eigentlich,
er wollte Regisseur werden und das hat dann aus verschiedenen
Gründen, weil er ein Probefilm gedreht hat, der dann
ziemlich von den Leuten der Universität zerrissen wurde,
auch von seinen Mitschülern auf der Universität,
und das hat ihn dann ziemlich über den Haufen geschmissen.
Und der Einzige, der dann zu ihm gesagt hat, weil der auch
auf der Filmschule war, das war der Ray Manzarek, der spätere
Keyboarder der Doors, der gesagt hat, der Film war unheimlich
gut und als sie sich dann getroffen haben am Strand und
Jim Morrison ein Gedicht vorgetragen hat, wo Ray Manzarek
da drauf gesagt hatte, „das ist so was von toll und
hast du da noch mehr davon“. Und Jim Morrison (…)
gesagt haben soll „Ja, einige Notizbücher voll,
aber noch mehr hab' ich in meinem Kopf“. Und wie Ray
Manzarek dann gesagt hat: „Wir gründen jetzt
eine Band und werden Millionäre“. Und das war
meines Erachtens nie das Ziel oder der Wunsch von Jim Morrison
auf 'ner Bühne zu stehen. Und er hat am Anfang, als
die Doors die ersten Auftritte hatten, das hat unheimlich
lange gedauert, bis er eigentlich mit dem Gesicht zum Publikum
gesungen hat, er hat am Anfang immer nur mit dem Rücken
zum Publikum gestanden und die anderen Bandmitglieder waren
schon ziemlich sauer darüber und haben gesagt: „Dreh
dich um und guck' die Leute an, die wollen dich sehen“.
Und wo er gesagt hat, das macht er nicht, er sieht das auch
gar nicht ein, er will seine Gedichte so vortragen oder
seine Songs so singen, dass er rein mit sich selbst beschäftigt
ist, wenn er sie vorträgt. Und der ausschlaggebende
Punkt war dann eigentlich erst im Whisky A Go Go, als sie
(die DOORS) dann die ersten größeren Auftritte
hatten, wie er dann „The End“ rezitiert hatte
und (…) zum ersten Mal die Strophe reingebracht hat
„Killer awoke before dawn“ und dieser Ödipuskomplex
- Vater töten, Geschlechtsverkehr mit der Mutter zu
haben, bei Ödipus war’s halt den Vater zu töten
und die Mutter zu heiraten – und das war eigentlich
der erste gravierende wirkliche Umschwung, wo er bewusst
auch, in Interviews von ihm bestätigt, sich den Leuten
zugewandt hat und hat eigentlich die Reaktion zum ersten
Mal genossen, wie die Leute auf den Song reagieren. Das
hat ihm dann später einen unheimlichen Spaß gemacht
(…), mit dem Publikum zu arbeiten und (…) zu
sehen, dass er geliebt wird, dass er angehimmelt wird und
die Leute auf ihn abfahren. Und das war aber dann auch dieser
gewisse Punkt, wo er angefangen hat, eigentlich mehr Alkohol
zu sich zu nehmen, weil er irgendwo die Situation geliebt
hat für sich, geliebt zu werden von den Leuten, aber
andererseits hat er auch (…) unheimliche Angst davor
gehabt. Weil er wollte das eigentlich nie, er wollte Anerkennung
haben als Regisseur (…) und er wollte Anerkennung
haben als Dichter oder Schriftsteller. Und er ist dem halt
mit der Zeit ziemlich überdrüssig geworden. Und
hat die Konzerte dann mit der Zeit vernachlässigt,
er ist gekommen, wann er wollte, er hat Studioaufnahmetermine
behandelt nach dem, wenn er gedacht hat, jetzt ist es Zeit
für Herrn Morrison ins Studio zu gehen. Er hat sich
nicht um die Bandmitglieder gekümmert und es gab ja
auch … in der Mitte seiner Karriere oder fast schon
zum Ende, kann man sagen, sehr viele Gedanken der anderen
Mitglieder, dass sie ihn aus der Band nehmen wollten. Aber
sie haben auch gewusst, dass sie ohne Jim Morrison eigentlich
nicht diese Band so aufrecht erhalten konnten, weil es waren
vier Leute, die sich gefunden haben und diese vier Leute
haben, wie kaum in einer anderen Band, unheimlich harmonisiert.
(…) Die Doors hatten auch das Glück, dass das
drei Musiker jetzt, außer Jim Morrison, dabei waren,
die auf seine Eskapaden sehr viel Rücksicht genommen
haben, sehr drauf eingegangen sind, er hat bei Bühnenshows
die Texte oder die Lieder so oft gewechselt, dass sie eigentlich
gar nicht gewusst haben, um welches Lied es sich eigentlich
handelt, haben aber immer wieder versucht, auf das Neue
einzugehen musikalisch, und das kann halt auch nicht jede
Band. Und das war halt auch so ein Punkt, der die Doors
unheimlich berühmt gemacht hat, obwohl Jim Morrison
mit der Zeit immer mehr abgesackt ist, er hat halt nur noch
gesoffen mit seinen Kumpels und Alkohol war dann halt Droge
Nummer Eins bei ihm.
49:53
Dazu kam dann der Auftritt in
(…)
50:10
Der Ausschlag war dann als, bei dem Miami Konzert, er sich
angeblich entblößt haben sollte und sein Penis
den Leuten gezeigt haben soll, was eigentlich nie bewiesen
wurde, auch nicht durch Fotos und sehr viele Leute gesagt
haben, das hätte so nicht gestimmt. So hätte die
Polizei einfach einen Grund gehabt ihn dingfest zu machen
und das Konzert zu unterbinden. A war das Konzert überbesucht,
das Konzert war sowieso von Anfang an ziemlich chaotisch.
Morrison war nicht zum geplanten Auftrittstermin erschienen,
er hat am Flughafen noch in 'ner Bar gesessen und hat sich
ziemlich was in die Kehle gegossen. Hat den Flieger wieder
verpasst und das Konzert ist, glaube ich, mit ein oder zwei
Stunden später (…) erst angesagt worden. Und
er war ziemlich fertig und hat von Anfang an schon das Publikum
beschimpft und sich mit dem Publikum angelegt und hat teilweise
die Texte nicht mehr gewusst und es war alles sehr chaotisch
und irgendwann, so nach Interviews mit ihm, was ich so gelesen
habe, hat er eigentlich gar kein Bock mehr gehabt, mit der
Band auf Tour zu gehen, das war ihm alles zuviel und er
wollte sich wieder darauf konzentrieren, mehr zu schreiben.
Und er wollte eigentlich, wieder zu sich selbst finden.
Er wollte wieder Ruhe tanken und Kraft tanken und er wollte
wieder ganz weg von diesem Milieu der Auftritte und von
der Band. Und das war halt diese Zeit, als er mit Pamela
nach Paris gegangen ist.
51:28
E.K.
In Paris war die Anonymität für Morrison wichtig.
Hat er in Paris gefunden, was er gesucht hat?
53:20
G.W.F.
Ich glaube, dass er nach Paris ganz bewusst gegangen ist,
weil er, wie er gesagt hat, Paris immer für eine Stadt
gehalten hat der Lyrik, der Künstler. Weil (…)
sehr viele Künstler in Paris gelebt haben oder sind
nach Paris gegangen. Und müssen auch mal ein Konzert
im Olympia gehabt haben in Paris, wo er die Zeit gehabt
hat und die Muse, wo er relativ nüchtern war und er
hat sich die Stadt angeschaut und alles. Und das muss ihm
unheimlich imponiert haben, diese ganze Metropole. Und ich
nehme an, dass er Ruhe suchen wollte (…) in Paris,
weil er (…) die Stadt liebte. Und es ist Mutmaßung,
ob er jetzt dahin gegangen ist, um seine schriftstellerische
Laufbahn, um seine dichterische Laufbahn jetzt weiter zu
machen oder ob er Filmmusik machen wollte, keine Ahnung.
(…) Aber ich glaube, dass er das in Paris gesucht
hat, was er in Amerika und auf den ganzen Touren nicht mehr
gefunden hat, ich glaub', dass Paris für ihn ein Ort
der Ruhe war und …
54:48
Er wollte sein Leben einfach ändern.
(…)
55:00
E.K.
Waren Sie mal in Paris?
55:06
G.W.F.
Ich war ungefähr 1966 drei Monate in Paris. (…)
War dann nach Jim Morrisons Tod noch mal in Paris, aber
habe diese Stätten, wo er sich aufgehalten hat und
wo er beerdigt ist eigentlich bewusst nie besucht. Weil,
für mich ist er einfach gestorben, nicht als Musiker,
ich meine die Musik der Doors und seine Gedichte, die leben
auch heute noch, aber ich will mir das einfach persönlich
nicht antun, weil ich da eine ganz spezielle Meinung dazu
habe. Er hat gelebt und er hat seine Musik gemacht und er
hat seine Lieder gesungen und er hat seine Lieder geschrieben
und er hat seine Gedichte geschrieben, aber für mich
ist Paris so (…) durch seinen Tod dieser absolute
Abbruch. Ich hab' halt diese Vorstellung, ich muss mir das
nicht antun, dass ich da vor seinem Grab steh', was nach
Bildern zu urteilen, verwahrlost ist, dreckig ist, schmutzig
ist, man könnte wieder sagen, das passt zu seinem Leben,
aber ich finde es irgendwie, ich finde es nicht gut, wenn
noch so viele Tantiemen heute reinkommen von der Doors Musik,
dass mal nicht irgendjemand im Stande ist, ob das seine
Eltern sind, die wahnsinnig viel geerbt haben, ob das die
anderen Doors Musiker sind, die heute noch an der Doors
Musik gutes Geld machen. Ich find’s schade, dass niemand
im Stande war, ihm eine Grabstätte zu schaffen, wo
man sagen kann, okay, es ist ein schönes Grab und es
ist 'ne Stätte, wo man sagen kann, er hat’s halt
irgendwie auch symbolisch nach außen sehend gefunden,
was er ewig gesucht hat.
(…)
56:58
E.K.
Können Sie nachvollziehen, dass die Fans ans Grab gehen?
57:06
G.W.F.
Ich kann das schon nachvollziehen, weil (…) ich auch
ein paar Freunde hab, wo ich’s weiß, dass sie
ganz bewusst nach Paris an sein Grab fahren. (…) Aber
sie machen es rein für sich und sie machen es nicht
aus diesem Tourismustrott oder ich muss jetzt an dieses
Grab, sondern sie fahren einfach hin, weil sie sich sagen,
ich mach es aus Dankbarkeit oder ich möchte da 'ne
Blume ablegen, obwohl man heute gar nicht mehr ans Grab
rankommt, aber es gibt trotzdem noch Wege, dass man ein
Sträußchen ablegen kann.
(…)
58:00
Was ich absolut nicht gut finde, ist, wie sich manche Leute
heute an seinem Grab benehmen. Und es ist verständlich,
dass die Friedhofsverwaltung von Paris oder dieses Friedhofs
halt gesagt hat: Wir wollen das gar nicht mehr. Und es schon
Wege versucht wurden, ihn umzubetten, aber das hat dann,
ich glaube, Ray Manzarek und Robby Krieger durch eine große
Spende, indem sie wieder das Grab für zig Jahre gekauft
haben, haben die das dann zu Nichte gemacht.
58:36
Ich finde das nicht gut, dass Jugendliche da sitzen, sich
zusaufen, sich zudröhnen und Joints durch die Gegend
schmeißen. Ich hab' nichts gegen das Rauchen, besser
als Saufen, aber sie sollen sich einfach benehmen und ich
find' das einfach schändlich, was die da machen. Das
ist auch einer der Gründe, warum ich sage (…)
ich guck mir das Grab nicht an. Ich muss da nicht hingehen,
um Jim Morrison in meinem Kopf zu behalten oder in meinem
Herzen zu behalten und zu sagen: War gute Musik, war guter
Sänger, auch wenn er keine gute Stimme hatte, aber
das tut jetzt nichts zur Sache, er war ein guter Frontman
und er hat gewusst, wie man mit dem Publikum umgeht und
sie haben eine wahnsinnig gute Musik geschaffen, die vier
zusammen. Es kann sein, wenn ich mal wieder in Paris bin,
dass ich mir seine Wohnung anschaue, also von außen,
rein kommt man ja nicht, und vielleicht ein paar Lokalitäten,
wo er war, aber was ich 100 % ig nicht tun werde, den Friedhof
zu besuchen.
59:58
E.K.
Die Spekulationen um Jim Morrisons Tod. Wie er gestorben
ist. Da gibt es ja verschiedene Versionen. Manche meinen
ja, er würde noch irgendwo leben.
1h
00:40
G.W.F.
Also, für mich ist er gestorben, ganz eindeutig. Ich
mein', die Leute, die einen Totenschein ausgestellt haben,
egal, jetzt mal unabhängig davon, wie der Tod zu Stande
gekommen ist, ob er jetzt durch Herzversagen gestorben ist
oder an einer Überdosis Heroin gestorben ist, wie viele
gesagt haben, weil er gedacht hat, es wäre Heroin,
und in dem Club, wo er am Abend das Pulver bekommen hatte,
es ziemlich düster und dunkel war, und er war angetrunken
und hat nicht mehr richtig gerafft, was er eigentlich zu
sich nimmt. Es ist alles Spekulation, aber ich bin der Meinung,
dass er tot ist und man stellt nicht einen Totenschein zum
Spaß aus, sondern es gibt ja Polizeiberichte, es gibt
ja Arztberichte und ich glaube schon, dass die stimmen.
Ich finde das einfach blöd, dass man heut (leichtes
Lachen), ja nach fast vierzig Jahren hingeht (…) sagt,
er lebt und das war alles irgendwie ein großes Theaterstück
oder 'ne Aufführung, wie er sich's halt vorgestellt
hat. Nee, für mich ist er tot und Punkt.
1h
1:52
E.K.
Der Kult um Morrisons Tod im Gegensatz zum Tod von Jimi
Hendrix.
1h
2:38
G.W.F.
Ja, zum Beispiel die Grabstätte von Jimi Hendrix, die
für mich eigentlich 'ne Grabstätte darstellt.
Weil es ist ein Mausoleum gebaut worden.
(…)
2:58
Allein die Umgangsweise der Leute, die Jimi Hendrix Grab
besuchen oder das Mausoleum, das sind ja zwei verschiedene
Plätze, das ist ein Benehmen wie Tag und Nacht muss
man sagen. Beim Morrison ist es halt das Chaos und es werden
fremde Grabsteine beschädigt, beschmiert oder wurden
beschmiert, weil heut geht’s ja gar nimmer so, es
werden Flaschen liegen gelassen, es wird halt Big Party
gefeiert. Und bei Hendrix ist es halt mehr dieses stille
"In-sich-gehen" und vor dem Grab zu stehen und
zu sagen, hier liegt halt jemand, der musikalisch auch Welten
aufgerissen hat (…) und der bestimmt genau so bedeutend
war wie Jim Morrison oder Janis Joplin. Das war einfach
'ne Zeit, wo drei Bands was ganz Neues gemacht haben und
die irgendwie, gerade durch ihren frühen Tod sind ja
alle drei mit 27 gestorben, obwohl es noch mehr Musiker
gibt, die mit 27 gestorben sind– da gibt’s ja
auch so viele Rätsel um diese Zahl und es wurden auch
mystische Sachen um diese Zahl 27 angestellt.
4:13
Aber ich glaube auch, dass Morrison und Hendrix unterschiedlich
waren. Hendrix war für mich jemand, der mit einem elektrischen
Instrument eine Welt aufgerissen hat, die vorher niemand
für möglich gehalten hat, der es heute noch schafft,
dass auch neue Musiker, junge Musiker oder Leute, die Gitarre
lernen, immer irgendwann auf Hendrix zurückkommen.
Und für mich war Hendrix 'ne Interpretation einer neuen
Gitarrenkultur. (…)
5:23
Dieser Kult ist halt entstanden dadurch, dass die Leute
halt extrem schnell hochgekommen sind, extrem 'ne neue Welt
aufgerissen haben, 'ne neue Musik gemacht haben, andere
Musik gemacht haben, mit mehr Power oder mehr Feeling bleibt
sich dahingestellt, aber sie haben neue Aspekte in die Welt
der Musik gesetzt. Und ich meine, wenn jemand jung stirbt,
der irgendwas geschaffen hat oder der einnen Namen gehabt
hat, ähnlich wie jetzt James Dean könnt man jetzt
nehmen,
(…)
6:06
ist das eigentlich in der Welt des Menschen, dass man einen
Kult drum macht.
(…)
1
h 6:30
E.K.
Ihre Lieblingsstücke der Doors.
1
h 6:42
G.W.F.
Lieblingsstück’ Nummer 1 seit meinem Krebs „When
the music‘s over“ wegen der Zeile „before
I sink into the big sleep, I want to hear the scream of
the butterfly“. Das eigentlich zum Motto meines Lebens
wurde.
6:56
Lieblingsstück Nummer 2 (…) ja, “The End”.
(leichtes Lachen)
Was soll man dazu noch erklären: Das Ende kommt für
jeden, das Ende kann für mich durch meinen Krebs schneller
kommen als bei anderen. (…) Die Art, was er mit dem
Lied alles ausdrückt: Hass auf seine Eltern, Todessehnsucht,
Sehnsucht nach Liebe, Sehnsucht nach Geborgenheit, der Text,
der beinhaltet so unwahrscheinlich viel …
Ja, es gibt viele Sachen, wo ich „The End“ mit
meinem Leben identifizieren kann.
7:43
Was mir noch gefällt: „the Crystal Ship“
rein von der Melodie her. Was ich unheimlich schön
finde: „The Spanish Caravan“, wegen dem spanischen
Einfluss. Was noch ein schönes Lied ist: „Riders
on the Storm“.
(…)
8:19
Es gibt noch ein Lied (…), das ist das 17 Minuten
Stück „The Celebration of the Lizzard“,
weil da eigentlich alles drin ist, was die Doors ausmacht,
alles. Musikalisch, Textmässig, ja Doors live.
1
h 8:04
E.K.
Zur Todessehnsucht. Jim Morrison hat mal gesagt, er stelle
sich immer vor, dass da alle Schmerzen vorbei sind.
1
h 9: 14
G.W.F.
Vor dieser Frage habe ich Angst gehabt, weil das eine Streitfrage
seit dem Film von Oliver Stone ist, ob die Worte von Jim
Morrison sind. Er hat sie ganz am Anfang im Film, als er
mit Pamela auf dem Bett lag, gesprochen. (…) Es gibt
die Meinung, dass er es gesagt hat, es ist aber nicht nachgewiesen.
Und es gibt andererseits die Meinung, dass es eine Erfindung
von Oliver Stone zum Film ist. Aber trotz allem, ich find
die Zeile unheimlich schön, weil es drückt eigentlich
das aus. Die Frage war eigentlich: „Hast du Angst
vor dem Tod“? Also das ist das, was im Film Pamela
Jim Morrison fragt. Und er antwortet: „Warum sollte
ich Angst vor dem Tod haben? Wenn ich tot bin, ist der Schmerz
vorüber.“ (…) Er könnte von ihm gewesen
sein. Aber persönlich finde ich den Satz gut, weil
es einfach so ist.
(…)
1h
11:14
E.K.
In einem Interview hat Jim Morrison einmal gesagt, er wolle
alt werden und ruhig sterben. Angenommen, er wäre nichts
so früh gestorben, wie könnte man sich Jim Morrison
heute vorstellen?
(…)
1h
11:55
G.W.F.
Es wäre einer der geilsten Punkte meines Lebens, wenn
heute irgendwo ein Plakat hängen würde: „Frankfurter
Festhalle – ausverkauft – die Doors, Originalbesetzung
mit Jim Morrison“. Ich möchte ihn sehen.
Ende
Zeit: 1h 12:12
Doors-Gründer
Ray Manzarek: "Ich habe Sex und Kaffee"
Zusammen mit Jim Morrison
gründete er 1965 die Doors. Nun bringt Ray Manzarek
das Gesamtwerk der Band noch einmal neu heraus. Im stern.de-Interview
erzählt der Musiker von den wilden 60er Jahren, der
trüben Gegenwart - und warum die Zukunft unbedingt
besser wird.
Gleich mit ihrem Debütalbum
spielten sich die Doors 1967 über Nacht in die erste
Liga der US-Musikszene und entwickelten sich zu einer der
einflussreichsten Musikbands der 60er Jahre. Gegründet
wurde die Gruppe 1965 von den beiden Filmstudenten Ray Manzarek
und Jim Morrison. Zusammen mit Gitarrist Robby Krieger und
dem Schlagzeuger John Densmore erspielte sich das Quartett
schnell einen Ruf als legendäre Live-Band und wurde
1966 von dem kalifornischen Label Elektra Records unter
Vertrag genommen. Der Sound der Gruppe war stark von Manzareks
eindringlichem Orgelspiel und Jim Morrisons dunkler, sonorer
Stimme geprägt. Vor allem aber seine charismatische
Ausstrahlung und sein exzessiver Lebensstil entwickelten
sich zum Markenzeichen der Band.
Bis zu ihrer Auflösung
1971 veröffentlichten die Doors sechs Studioalben,
die nun neu abgemischt wieder aufgelegt werden. Parallel
dazu erscheint eine neue Hit-Sammlung: "The Very Best
Of" gibt es in zwei Ausführungen: Die "1-CD
Edition" umfasst 20, die Doppel-CD 34 Songs. Das Interview
fand kurz vorher statt.
Guten
Morgen Herr Manzarek. Bei Ihnen in Los Angeles ist es gerade
9.30 Uhr morgens. Ziemlich früh für einen Rockstar.
Führen Sie kein Rock'n'Roll-Leben mehr?
Doch, meine Frau und ich sind jede Nacht auf und machen
Party. Ich bin heute nur so früh wach, weil ich wusste,
dass Sie anrufen. Normalerweise würde ich natürlich
noch schlafen - ich bin ja ein Rockstar!
Die
Doors hatten immer das Image, ein Leben mit Sex, Drugs &
Rock'n'Roll zu führen. Traf dieses Image zu?
Ja, absolut. Es triff immer noch zu. John Densmore zum
Beispiel hält noch immer viel von Sex und Drogen.
Was
ist mit Ihnen?
Ich auch. Ich habe Sex und Kaffee.
Sonst
noch was?
Und Wein! Mein Gott, ich trinke viel Wein! Obwohl ich
68 Jahre alt bin, bin ich noch immer ein wildes und verrücktes
Tier.
In
den 60er Jahren war die Presse immer auf das wilde Leben
von Jim Morrison fixiert. War das ein Problem für die
anderen Bandmitglieder?
Ja, wir hatten ein Problem, mit ihm mitzuhalten. Wir
haben es versucht, aber er war so wild und feierte so hart,
dass wir davon müde wurden. Jim wurde dagegen nie müde,
er machte immer weiter. Er war dionysisch, wie die Griechen
sagen würden.
Philosophischer Hintergrund
In seinem Buch "Die Geburt der Tragödie aus
dem Geiste der Musik" arbeitet der Philosoph Friedrich
Nietzsche mit dem Gegensatzpaar apollinisch und dionysisch.
Das Apollinische, abgeleitet von dem griechischen Gott Apollon,
stellt die intellektuellen, nach Ordnung und Harmonie strebenden
Impulse in den Mittelpunkt. Dagegen unterstreicht das Dionysische
alles Rauschhafte, Triebhafte und Ungestüme. Die griechische
Tragödie vereinigte für Nietzsche das Rauschhafte
des Tanzes mit einer strengen apollinischen Form und führte
die klassische Griechische Kunst zu einer nie gekannten
Vollendung. Der Geist der antiken Tragödie lebte für
Nietzsche durch die Musik Richard Wagners fort. Jim Morrison
war von Nietzsche stark beeinflusst und sah sich selbst
als einen modernen Dionysos.
Aber
war es nicht gerade diese Mischung zwischen dem ungezügelten,
dionysischen Jim Morrison und den gemäßigten,
apollinischen Rest der Band das Erfolgsgeheimnis, das die
Doors bis heute erfolgreich macht?
Ja, das glaube ich. Es war der dionysische Wahnsinn
von Jim Morrison und die apollinische Ordnung der Bandmitglieder.
Genau davon sprach der deutsche Philosoph Friedrich Nietzsche
in "Die Geburt der Tragödie": Der Künstler
muss die Vermählung des Dionysischen und des Apollinischen
vollziehen. Genau das haben die Doors getan.
Ist
die Band in dem Moment zerbrochen, wo sie die Balance zwischen
diesen Polen nicht mehr halten konnten?
Ja. Und dann starb Morrison. Wir konnten die Balance
nicht mehr halten, und er starb. Er starb in einem dionysischen
Traum in Paris - wild und verrückt. Aber was für
ein Leben! Alle Ihre Leser sollten einmal im Leben ein solch
wildes und verrücktes Tier treffen. Es war so viel
Freude.
Immerhin
kenne ich zahlreiche Menschen, die auf den Pariser Friedhof
Père Lachaise gepilgert sind, wo Jim Morrison begraben
liegt.
Sehr gut (lacht). Das habe ich auch
gemacht. Auch John Densmore und Robby Krieger waren da.
Wir alle lieben Jim Morrison und vermissen ihn sehr.
Zusammen
mit den beiden anderen verbliebenen Doors veröffentlichen
Sie dieser Tage die sechs Studio-Alben der Doors und eine
neue Hit-Compilation. Gibt es noch Menschen auf diesem Planeten,
die kein Doors-Album besitzen?
Natürlich! Viel mehr Menschen besitzen Platten
von Kiss als von den Doors.
Sind
Sie da sicher?
Kiss ist viel größer als die Doors. Viel
wichtiger, und viel populärer. Klar, es gibt viele
Menschen, die Doors-Alben besitzen. Auch in Deutschland.
Deutschland und die Doors - mein Gott! Bertolt Brecht und
Kurt Weill. Deutsche Musik und Doors-Musik ist praktisch
identisch. Als ich in den 60er Jahren zusammen mit Jim Morrison
in L.A. am College studierte, hatten wir einen Kurs bei
Joseph von Sternberg, dem großen Regisseur von "Der
blaue Engel". Dieser Film - das war deutsche Philosophie
von Friedrich Nietzsche mit deutscher Musik. Natürlich
Beethoven und deutsches Kino. Das war sehr wichtig für
uns.
Wollen
Sie damit sagen, dass die Doors von deutscher Kultur beeinflusst
waren?
Absolut. Von deutscher Kunst. Und von Bauhaus.
Was
ist der Grund für die zeitlose Popularität der
Doors?
Gute Musik. Wir waren nicht einfach ein paar Hippies,
die herumgenudelt haben. Unsere Songs sind gut komponierte
Musikstücke, und sie sind absolut wild und verrückt.
Die Doors repräsentieren Freiheit. Wir verlangen vom
Hörer, sich über Kirche, Staat, Schule und Familie
zu erheben und frei zu werden. Das ist natürlich nicht
leicht. Aber die Doors sagen dir: Komm mit uns! Lass all
das hinter dir und werde ein freier Mensch auf dem Planeten
Erde.
Als
die Doors 1967 ihr erstes Album veröffentlichten, waren
US-Truppen in einen blutigen Krieg auf einem anderen Kontinent
verwickelt. Heute befinden sich die USA in einer ähnlichen
Situation - aber junge Menschen rebellieren nicht in dem
Maße gegen den Krieg, wie sie es vor 40 Jahren getan
haben. Woran liegt das?
Sie nehmen kein LSD.
Sie
glauben wirklich, das hilft?
Sie nehmen gar nichts: Keine Pilze, kein LSD - die Leute
haben Angst, ihre Pforten der Wahrnehmung zu öffnen.
Denn wenn sie das täten, wäre niemand da, der
ihnen hilft. Sie wären ganz allein, frei. Dann könnten
sie sagen: Stoppt den Krieg. Aber momentan haben sie davor
Angst. In Amerika haben wir alle Angst vor George Bush.
Aber es ist fast vorbei. Das Blatt wendet sich gerade. Ich
freue mich auf die Zukunft, das neue Zeitalter der Liebe.
Wollen
Sie damit sagen, dass sich die Ideale der 60er Jahre von
Love and Peace im neuen Jahrhundert erfüllen werden?
Ja, es wird um 2012 losgehen. Dann endet ein Zyklus
im Maya-Kalenders, der Maya aus Mexico. Der Maya-Kalender
bewegt sich in großen Zyklen von 700 Jahren. Viele
Menschen befürchten, dass damit das Ende der Welt eintritt.
Aber natürlich ist das nicht der Fall. Es wird das
Ende des jüdisch-christlich-muslimischen Zeitalters
sein. Wir beginnen gerade, die vorherrschende Religiosität
hinter uns zu lassen.
Funktioniert
die Musik der Doors ohne Drogenkonsum?
Natürlich. Für mich sind allerdings LSD oder
Pilze keine Drogen. Man nimmt ein paar Blätter, trocknet
und raucht sie. Sind das Drogen? Damit öffnet man die
Pforten der Wahrnehmung. Drogen sind für mich Heroin,
Kokain und Crystal Meth.
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Extra: 50 Jahre Rock 'n' Roll
Die Doors wurden in den 90er Jahren durch den Film von Oliver
Stone populär. Sie mochten den Film damals nicht. Warum?
Der Film war kein Porträt von Jim Morrison, sondern
von Oliver Stone als Rockstar. Der Mann im Film ist nicht
der, mit dem ich Musik gemacht habe, er hat keine Selbstkontrolle.
Jemand hat mich gefragt: Wie konntet ihr in dem Zustand
jemals Musik machen? Im Film sieht man nur betrunkene Wildheit.
Jim Morrison war viel intellektueller. Wie nüchterner,
viel intelligenter. Am schlimmsten ist: Im ganzen Film lacht
niemand. Niemand scheint eine gute Zeit zu haben. Aber das
waren die Sixties - wir haben damals sehr viel zusammen
gelacht. Wir hatten eine gute Zeit mit den Doors. Der Film
verkehrt diese Zeit in ihr Gegenteil.
.
Interview: Carsten Heidböhmer
(Quelle:
STERN / Kultur & Unterhaltung. Artikel vom 27. März
2007
Das
große JIM MORRISON - INTERVIEW
(zusammengestellt und übersetzt von Rainer Moddemann)

Frage: Wie kamen die Doors eigentlich zustande?
Jim: Ich wollte Filme machen, so suchte ich in Los
Angeles nach einem entsprechenden Job. Als aber nichts passierte,
erzählte ich jedem, daß ich nach New York trampen
wolle, was ich auch tatsächlich vorhatte. Aber statt
dessen blieb ich in Venice und hauste in einem leeren Bürogebäude,
wo
ich anfing, einige Songs zu schreiben. Vielleicht machen
die Doors mal mehr zum Thema Film, doch damals war die Musik
für uns das wichtigste. Venice ist einer der Orte,
wo alle in Badekleidung herumlaufen und sich den ganzen
Tag am Strand aufhalten. Auch ich ging eines Tages umher
und traf zufällig Ray, der zu der Zeit mit seinen Brüdern
in einer Band spielte. Ich erzählte Ray von meinen
Songs, und er fand sie gut. Er lud mich ein, sie mit seiner
Band zu singen, wenn ich wolle. Einer von Rays Brüdern
dachte, Ray sei übergeschnappt. Ich hatte keine Ahnung
vom Singen, aber Ray wußte, daß ich es konnte.
Seitdem ist eine lange Zeit vergangen, aber sein Vertrauen
in mich war die größte Hilfe. Wir trafen John
in einem Kurs für transzendentale Meditation, etwas,
was heute die Beatles populär machen; wir waren schon
vor drei Jahren dabei. Ray ging zu ihm und fragte, ob er
bei der Gruppe Schlagzeug spielen wolle. Und schon war er
unser Drummer. Wir brauchten nun noch einen Gitarristen,
testeten einige, sogar mal ein Mädchen, das Baß
spielte, aber keiner schien richtig zu sein. Dann fanden
wir Robby, den besten Gitarristen der Welt. Als er zu uns
kam, wußten wir, daß die Gruppe komplett war.
Wir waren zu viert, und es paßte niemand weiterer
hinein. Es gibt nicht viele Gruppen, die drei Musiker und
einen Sänger haben.
Frage: Wie kommen Sie überhaupt mit Ihren Bandkollegen
zurecht?
Jim: Nun, es ist so, als wenn man verheiratet wäre
oder ein Mitglied einer großen Familie ist. Es gibt
immer Streit, denn Leute, die zusammenleben, streiten viel.
Wir hatten Zeiten, die recht schwierig waren, aber auch
solche, die problemlos verliefen. Ich meine, wenn man gut
und kreativ zusammenarbeitet, und es zudem mit der Musik
gut läuft, ist jeder glücklich. Wenn die Kreativität
stockt, geht ab und zu etwas schief. Aber die Beziehungen
innerhalb der Gruppe sind ziemlich gut.

Frage: Wenn Sie einen Song schreiben, fällt
Ihnen zunächst ein Text ein, den Sie später bearbeiten,oder
schreiben Sie die Worte direkt für einen Song?
Jim: Beides trifft zu, und noch einiges mehr. Wenn
ich einen Song fertig habe, kann ich mich schwerlich daran
erinnern, wie er zustande kam. Die Ideen kommen von überall
her. Wenn einmal ein Grundgedanke da ist, wird er recht
schnell zu einem Song. Da gibt es wenig Zwischenschritte.
Überhaupt kommen die besten Songs zufällig, ohne
daß man daran denkt. Der Sommer ist eine gute Zeit,
Lieder zu schreiben, man hat ein Gefühl der Freiheit,
viel Ruhe im Kopf und auch eine Menge Zeit. Es herrscht
dann einfach ein gutes Klima für Musik. BREAK ON THROUGH
schrieb ich beispielsweise an einem Morgen in Venice an
einem der Kanäle. Ich ging über eine Brücke
und dachte an ein Mädchen, das ich zu der Zeit kannte.
Ray schrieb dann einen Teil der Musik dazu.
Frage: Haben Sie denn schon eine Melodie parat, wenn
Sie Texte schreiben?
Jim: Manchmal. Viele meiner Texte habe ich schon
vor ein paar Jahren geschrieben. Seitdem habe ich nicht
viele Songs entwickelt. Das macht Robby zur Zeit.
Frage: Warum schreiben Sie Texte und was wollen Sie
damit erreichen?
Jim: Klarheit archivieren und das Schicksal verändern.
Eine seltsame Farbe des Stammestartan verdunkeln. Eine Absicht
meines Buches liegt darin, mehr Leute zu veranlassen, ihr
Schicksal und ihre Bestimmung, der sie ziemlich hilflos
gegenüberstehen, selbst in die Hand zu nehmen und zu
kontrollieren. Ich finde es schade, daß nur wenige
am Geschehen teilnehmen und resignieren. Sie überlassen
alle Macht ein paar Individuen. Ein mündiger Bürger
sollte daran teilhaben und versuchen, Kontrolle auszuüben.
Ich beklage die Tatsache, daß so viele sich zurückziehen
und ihre wohlbehüteten Leben führen, während
draußen Ungerechtigkeit herrscht und Fehlentscheidungen
passieren. Die Leute ignorieren das einfach, kümmern
sich nicht darum und schauen sich nur die Reproduktion von
Realitäten aus zweiter oder dritter Hand in Kinos oder
im Fernsehen an. Vielleicht helfen Ihnen meine Texte dabei,
aufzuwachen.
Frage: Wie unterschiedlich ist das Schreiben eines
Songtextes von dem eines Gedichtes?
Jim: Es ist sehr ähnlich. Ich glaube, daß
viele Gedichte der Musik sehr nahestehen. Nur muß
man zum Schreiben eines Gedichtes in einer besonderen Stimmung
sein, in die einen die Musik automatisch versetzt, sie hat
eine Art hypnotische Qualität und hilft Dir, das Unterbewußte
zu befreien. Ich bewundere Poeten, die kurzerhand eine Bühne
besteigen und mit oder ohne Mikrophon vor einer Gruppe von
Leuten ihre Gedichte rezitieren können. Mir gibt die
Musik eine Art Sicherheit und das macht es mir leichter,
mich auszudrücken. Ich wünschte, ich könnte
meine Gedichte auch so "trocken" vortragen. Bei
Songtexten muß man bestimmte Regeln des Takts und
des Rhythmus beachten, während man beim Schreiben eines
Gedichtes viel freier ist und Rhythmus und Reime außer
Acht lassen kann. Wenn mir eine Melodie einfällt, muß
ich die Worte dazu gleichzeitig auf Papier schreiben. Ungern
halte ich beides zusammen auf einem Tonband fest, weil ich
mir dann ein Transskript anfertigen müßte. Hinzu
kommt, daß der Klang meiner eigenen Stimme mich beim
Komponieren ziemlich unsicher macht.

Frage: Wie entstand der Song THE END?
Jim: Wir entwickelten den Song aus einem simplen
"Good-Bye" Lied, zuerst existierte nur die erste
Strophe und ein Refrain. Ich glaube, ich hatte den Song
für ein Mädchen geschrieben, vielleicht war es
auch ein Good-Bye an meine Jugendtage. Weil wir aber das
Stück jeden Abend spielten, entdeckten wir das besondere
Feeling des Songs, den langen, fließenden, leichten
Beat, die fremdartige Gitarrenstimmung, die vage an eine
indische Sitar erinnert. Der Song bekam eine Gestalt, zu
der jeder in der Gruppe etwas beitrug. An unserem letzten
Abend im Whiskey A Go Go sang ich als Steigerung den Teil
"Father I want to kill you, Mother I want to fuck you",
und wir wurden aus dem Club gefeuert. So ein Song wie THE
END oder auch WHEN THE MUSIC'S OVER, NOT TO TOUCH THE EARTH
und FIVE TO ONE werden wie ein Gebäude konstruiert.
Der größte Teil der Lyrics fehlt zu Beginn. Wir
fangen einfach mit einem Teil an und bauen das weitere dazu.
Die Erfahrungen, die wir mit dieser Technik bei unseren
Auftritten als Hausband im Whiskey A Go Go machten, sind
von unschätzbarem Wert, denn wir hatten die Chance,
alle möglichen musikalischen Experimente zu machen.
Vorher im London Fog spielten wir mehr oder weniger alte
R&B-Nummern und persönliche Favoriten wie GLORIA,
LITTLE RED ROOSTER und WHO DO YOU LOVE, weil wir nicht genügend
eigene Songs hatten.
Frage: Wieviel von THE END war denn vorhanden, als
Sie den Songfür die erste LP aufnahmen?
Jim: THE END besitzt eine Art Skelett, das wir jedesmal
anders füllen. Als wir den Song aufnahmen, wurde lediglich
die Version verewigt, die wir zu der Zeit spielten. Auf
der Platte ist THE END wie ein Film ohne Bilder oder ein
Hörspiel im Radio, während wir live den Song immer
wieder neu darstellen und die Zuschauer uns als Musiker
und Schauspieler sehen können.
Frage: Die allererste Zeile Ihres Gedichtbandes The
Lords And The New Creatures lautet "Look where we worship".
Was verehren die jungen Leute heutzutage?
Jim: Nun, ich kann nicht für alle jungen Leute
sprechen, aber es werden im großen und ganzen wohl
die Dinge sein, die schon immer verehrt wurden: Lebensfreude,
die Entdeckung des eigenen Ichs, Freiheit.
Frage: Es hat immer und zu jeder Zeit ein Generationsproblem
gegeben, aber das scheint sich heute schon zu einer definitiven
Spaltung zu entwickeln, die Leute scheinen anders zu denken
und zu fühlen. Wie konnte das Ihrer Meinung nach geschehen?
Jim: Möglicherweise könnte es eine soziologische
Basis haben. Das sogenannte Generationsproblem kann auch
daher rühren, daß es heute mehr junge Leute als
je zuvor gibt. Etwa 52% der Bevölkerung der Vereinigten
Staaten ist unter 25 Jahren.
Frage: Aber politisch und philosophisch gesehen scheinen
die jungen Leute ihre eigene Meinung über das Establishment,
die alten Regierungssysteme und die Moral zu haben.
Jim: Als ich noch in der High School und auf dem
College war, gab es den Protest noch nicht, der heute überall
zu hören ist. Zu der Zeit war man als Teenager ein
absolutes Nichts, es war eine Art Gefängnisdasein.
Ich finde es ganz erstaunlich, in welch zunehmenden Maße
die jungen Leute in den letzten fünf Jahren erkannt
haben, welche Macht und welchen Einfluß sie als Gruppe
haben.
Frage: Vor 25 Jahren waren Amerikas Jugendliche ganz
anders als heute. Ihre Einstellung zum Patriotismus hat
sich geändert. Die USA waren einst eine stark patriotische
Nation, die eine außerordentlich dramatische Wandlung
vollzogen hat...
Jim: Ja, das stimmt. Nun, ich glaube, daß die
Jugend in den USA sich nach wie vor als amerikanisch identifiziert,
aber es ist eine andere Art von Patriotismus. Sie denken
an ein Amerika, das anders als das in der Vergangenheit
ist, aber ich glaube, sie halten sich trotzdem immer noch
für Amerikaner. Aus irgendeinem Grunde identifiziere
ich mich auch mit diesem Wort. Ich weiß nicht, ob
es so lange in mich eingetrichtert wurde oder so, aber ich
fühle mich wie ein Amerikaner.
Frage: Es ist ein anderes Konzept von Patriotismus,
nicht wahr?
Jim: Genau. Dieses Land ist noch sehr jung. Es hat
viele Wandlungen mitgemacht und wird noch viel mehr durchmachen,
aber wahrscheinlich besteht der größte Unterschied
darin, daß der Gedanke, Amerika regiere irgendwie
den Rest der Welt, allmählich immer unpopulärer
wird. Die Leute, die ich kenne, sind damit zufrieden, nur
ein einzelnes Land in einem Meer von Nationen zu sein, als
zu versuchen, die eigene Lebensweise Millionen von anderen
Leuten aufzuzwingen.

Frage: Verstehen die jungen Leute heute Amerikas
Rolle in der Welt? Offensichtlich scheinen einige Politiker
in Washington zu glauben, daß irgend jemand wegweisend
sein muß, und das mächtigste und reichste Land
hat die Verpflichtung, dies zu tun. Ist das moralisch richtig
oder falsch?
Jim: Nun, nach dem Stand der Börse in diesen
Tagen zu urteilen, weiß ich nicht, ob dieses Land
sich noch weiterhin seines Reichtums so sicher sein darf.
Ich glaube, wir werden einige sehr interessante Wandlungen
in den nächsten Jahren durchmachen.
Frage: Erstaunt es Sie, daß es in den Colleges
so viel Auflehnung gegen Washington und seine Polizei gibt?
Jim: Als ich noch Heranwachsender war, hatten die
Studenten absolut keine Macht. Wenn man aber in die Geschichte
zurückblickt, muß man feststellen, daß
jede Revolution von den Studenten ausgegangen ist und sich
auf die Arbeiter ausgeweitet hat. Ich will nun nicht vorhersagen,
daß es einen drastischen Umsturz in diesem Land geben
wird, aber alle Anzeichen deuten darauf hin.
Frage: Sind Sie der Zukunft gegenüber optimistisch,
wenn Sie an die heutige Situation denken?
Jim: Ich versuche, immer einen aufklärenden
Pessimismus bei solchen Dingen zu behalten. Ich glaube,
daß eine Revolution ein Fehler wäre, weil sie,
soweit ich das beurteilen kann, nur eine Macht gegen eine
andere vertauschen kann. In Wirklichkeit ändert sich
nichts, es ist nur ein Machtwechsel. Eine Revolution in
diesem Lande würde eine Katastrophe bedeuten, die ich
mir nicht vorstellen kann. Ich glaube, daß die demokratischen
Ideale grundsätzlich gut sind. Alles, was wir brauchen,
ist ein Wechsel der leitenden Politiker und die Änderung
einiger Gesetze. Aber ich glaube, daß die Haupteinflüsse
in den nächsten Jahrzehnten von den Leuten ausgehen
werden, die es schaffen, große Massen von Leuten zu
versammeln, wie man es heute schon bei den Pop-Festivals
der letzten Jahre beobachten kann. Die Rockmusikenthusiasten
haben meiner Meinung nach die aufregendsten musikalischen
und theatralischen Augenblicke geschaffen, die jemals auf
diesem Planeten stattfanden.
Frage: Was denken Sie über das von Computern
beherrschte, entmenschlichte komplexe Leben?
Jim: Es scheint einen Trend zu geben, der zu einer
einfachen Lebensanschauung zurückführt, zur stammesähnlichen
Lebensgemeinschaft. Eine natürliche Reaktion auf die
Industrialisierung aber es ist leider ziemlich naiv, weil
die Zukunft immer mehr mechanisiert und von Computern beherrscht
sein wird. Ich glaube nicht, daß es irgendeinen Weg
zurück gibt. Es geht vielmehr darum, einen Weg zum
Überleben und Gedeihen in dieser Gesellschaft zu finden.

Frage: Wo sollen die Leute denn anfangen, um überleben
zu können?
Jim: Sie müssen zu den Grundbedürfnissen
zurückkehren. Zum Beispiel müssen sie wieder lernen,
sich berühren zu können. Irgendwie wird das Leben
darauf zurückgeschraubt, was man sehen kann, weniger
auf das, was berührt oder erfahren werden kann. Physisch,
natürlich. Ich weiß nicht, ob es nun eine natürliche
menschliche Furcht ist, denn Berührungen führen
zum "Wieder-berührt-werden", zu all den grundlegenden
existentiellen Augenblicken im Leben: Sex, Tod, Liebe, wissen
Sie, alles Dinge, die nicht viel mit Sehen zu tun haben.
Zur Zeit herrscht eine Art Vermeidung von "Berührkontakten"
in unserer Zivilisation, eine Vermeidung von Grundbedürfnissen
unseres Lebens.
Frage: Also legen Sie die Hippie- und Yippiebewegung
als eine Reaktion auf dieses modernisierte Leben aus?
Jim: Auf jeden Fall. Eine Art dionysische Reaktion,
aber sehr naiv und fruchtlos. Aber im allgemeinen verändern
sich Generationen heutzutage jedes Jahr, fast schon jeden
Monat. Früher änderten sich die Einstellungen
nur etwa alle 10 Jahre. Also wird auch die Hippiebewegung
nur eine kurze Zeit andauern.
Frage: Sind die Wurzeln der derzeitigen Unruhen nach
Ihrer Meinung im Konflikt der Generationen zu suchen - die
Jungen gegen die Alten?
Jim: Ich bin nicht der Ansicht, daß man die
Menschheit in Junge und Alte einteilen kann. Die viel wichtigere
Unterscheidung ist dieselbe wie in der alten Geschichte
von der Ameise und dem Grashüpfer. In jedem menschlichen
Wesen herrscht dieser "Ameisen-Grashüpfer-Konflikt"
- spielen und schaffen - und mehr oder weniger quält
uns alle dieser Konflikt. Die Musik beruft sich auf die
Grashüpfer, obwohl sie genauso fleißig sind wie
alle anderen. Ebenso neigen viele ältere Leute zum
Typ des Arbeitens, andere hingegen tendieren zum Typ des
Spielens. Die Musik ist wie der Grashüpfer - sie ist
eine Abwechslung von der täglichen Plackerei. Sie liefert
eine Alternative und ist nicht so trübe wie der Stil
der Ameise.
Frage: Ich nehme als Beispiel Ihren Lebensstil, Jim.
Ihr Haar ist lang und Sie kleiden sich lässig. Sie
haben Ihren eigenen Weg gewählt. Es gibt heutzutage
viel Freiheit, die die ältere Generation nie gefühlt
hat, oder nie den Mut gehabt hat, zu fühlen.
Jim: Ja, einmal das, und betrachten Sie genauso den
Lebensstil der Hippies. Es ist wirklich ein Phänomen
der Mittelklasse. Es könnte in keiner anderen Gesellschaft
existieren als in der unsrigen mit ihrem unglaublichen Überfluß
an Gütern, Produkten und Freizeit. Die Generationen
vor uns hatten Weltkrieg und Niederlagen, mit denen sie
sich auseinandersetzen mußten, und in den letzten
10 oder 15 Jahren gab es in diesem Lande Geld und Zeit genug,
um in diesem abscheulichen, zügellosen Lebensstil zu
leben, was vorher unmöglich war.
Frage: Viele Fans sehen in Ihnen den Führer,
der sie zur Freiheit führt. Wie reagieren Sie darauf?
Jim: Das ist absurd. Wie könnte ich einen Menschen
befreien, der nicht den Mut besitzt, selbst zu reagieren
und seine eigene Freiheit zu suchen. In der Tat ist das
alles eine Lüge, die Leute schreien, daß sie
frei sein wollen, jeder betont, wie wünschenswert,
wie heilig und wie wertvoll die Freiheit ist, aber die gleichen
Leute scheuen sich vor dem Gedanken, frei zu sein. Sie halten
sich an ihren Ketten fest und kämpfen gegen jeden,
der versucht, sie davon zu befreien. Wie können sie
hoffen, daß ich oder irgend jemand versucht, sie zu
befreien, wenn sie es selbst nicht einmal wollen?
Frage: Sie glauben also, daß die Leute die
Freiheit zu sehr fürchten?
Jim: Ja, sie haben Angst vor dem Unbekannten, und
es ist eine ironische Tatsache, daß in früheren
Zeiten dieses Unbekannte völlig verstanden wurde, weil
es sich um den Bereich der eigenen Seele handelt. Die einzige
Lösung ist, sich mit seiner eigenen Angst zu konfrontieren.
Es ist das Fürchterlichste, was man sich vorstellen
kann. Die Angst verliert dadurch ihre Macht und verschwindet
schließlich.

Frage:
Wie definieren Sie das Wort "frei"?
Jim: Es gibt verschiedene Arten von Freiheit und
eben so viele Mißverständnisse darüber.
Die wichtigste Form der Freiheit ist die Selbstverwirklichung,
das sein zu können, was man wirklich ist. Unsere Gesellschaft
zwingt uns, den eigenen Willen aufzugeben und eine bestimmte
Rolle zu übernehmen. Sie zwingt uns, die Realität
gegen ein Spiel auszutauschen. Jeder verzichtet zugunsten
einer Maske auf die Fähigkeit, Gefühle auszuleben.
Es kann keine Revolution in großem Ausmaße geben,
wenn es vorher keine individuelle persönliche Revolution
gegeben hat. Man kann jemandem verbieten, sich politisch
zu engagieren ohne ihn deswegen zu verletzen, jedoch kann
der Entzug der Gefühlsfreiheit ihn zerstören.
Frage: Kann jemand Ihnen Gefühle verbieten?
Jim: Einige Leute geben gerne ihre Freiheit auf,
andere werden dazu gezwungen. Das Einsperren fängt
mit der Geburt an. Gesellschaft, Eltern ... sie lassen Dir
die Freiheit nicht, die Du besitzt, wenn Du auf die Welt
kommst. Es gibt mehrere Methoden, eine raffinierter als
die andere, um einen Menschen, der zu fühlen wagt,
zu bestrafen. Wenn Dir bewußt wird, daß alle
um Dich herum ihr wahres Wesen unterdrücken, bist auch
Du gezwungen, es zu tun.
Frage: Wollen Sie damit sagen, daß wir dazu
da sind, eine Gesellschaft zu vermehren, die uns jede wirkliche
Empfindung entzieht?
Jim: Sicherlich. Lehrer, Religionsführer, sogar
Freunde, oder diejenigen, die sich so nennen, übernehmen
die Rolle der Eltern. Sie erwarten von Dir, daß Du
nur die Empfindungen hast, die sie wünschen. Sie verlangen,
daß Du nur eine bestimmte Schicht von Empfindungen
spielen läßt. Wir sind wie verlassene Schauspieler
auf dieser Welt, die herumziehen und nach einem Phantom
suchen, endlos auf der Suche nach einem halbvergessenen
Schatten unserer Realität. Wenn andere darauf bestehen,
daß wir zu ihresgleichen werden, zwingen sie uns,
unser wahres Wesen zu zerstören. Es handelt sich um
eine subtile Art von Mord, die meisten liebevollen Eltern
und Verwandten begehen diesen Mord mit einem Lächeln
auf dem Gesicht.
Frage: Meinen Sie, daß es einem Menschen möglich
ist, sich von diesen repressiven Mächten selbst zu
befreien?
Jim: Diese Art Freiheit sollte nicht für selbstverständlich
gehalten werden. Niemand kann sie für uns gewinnen.
Jeder muß selbst für sich mit der Selbstbefreiung
beginnen. Wenn man das andere für sich machen läßt,
wird man wieder von diesen abhängig. Man ist dann immer
noch abhängig von diesen bösen Mächten.
Frage: Könnten nicht alle, die eine solche Freiheit
wollen, sich zusammenfinden, ihre Kräfte gemeinsam
werden lassen,
vielleicht auch nur, um sich gegenseitig zu stärken?
Jim: Freunde können sich gegenseitig stärken.
Ein wahrer Freund ist derjenige, der Dir Deine vollständige
Freiheit läßt, Du selbst zu sein - und vor allen
Dingen Dir Deine Gefühle läßt. Der Dich
akzeptiert, so wie Du bist. Das ist auch die wahre Liebe,
denn die meisten Leute lieben Dich für das, was Du
vorgibst zu sein. Um ihre Liebe zu halten, mußt Du
ihnen etwas vorspielen. Irgendwann liebst Du Deine Verstellung.
Es ist tatsächlich wahr, wir sind in einem Image gefangen,
in einer bestimmten Verhaltensweise. Das Traurige ist, daß
sich die Leute schließlich so daran gewöhnen,
mit einer Maske herumzulaufen, daß sie schließlich
vergessen, wer sie eigentlich sind. Sie lieben ihre Ketten.
Versucht man, es ihnen in Erinnerung zu bringen, hassen
sie Dich dafür, als wenn man ihnen ihren kostbarsten
Besitz rauben wollte. Die meisten Leute haben keine Ahnung
von dem, was sie verpassen. Unsere Gesellschaft hat die
Gefühlskontrolle zum Höchstwert deklariert. Unsere
Kultur spottet über "primitive Kulturen"
und ist stolz auf die Unterdrückung unserer natürlichen
Instinkte und Triebe.

Frage: In einigen Ihrer Gedichte loben und bewundern
Sie primitive Völker wie zum Beispiel die Indianer.
Glauben Sie, daß nicht die Menschheit allgemein, sondern
eher unsere Gesellschaft schwach und destruktiv ist?
Jim: Schauen Sie sich nur an, wie andere Völker
leben - friedlich, in Harmonie mit der Erde, dem Wald, den
Tieren. Sie bauen keine Kriegsmaschinen und investieren
nicht Millionen von Dollars, um andere Länder anzugreifen,
deren politische Ideen nicht mit ihren eigenen übereinstimmen.
Teilweise rührt die Krankheit unserer Zivilisation
daher, daß wir uns dieser Krankheit nicht bewußt
sind. Unsere Gesellschaft besitzt zuviel - zuviel, um alles
im Griff halten zu können, zu viele Werte. Die Freiheit
steht am Ende der Liste.
Frage: Kann ein Künstler dieses korrigieren?
Jim: Ich biete eine Vorstellung an und rufe die Erinnerung
an diese Freiheit auf, wie sie zu erreichen ist - wie mit
den Doors. Wir können jedoch nur die Türen öffnen,
nicht die Leute hindurchschieben. Ich kann niemanden befreien,
außer er will befreit werden, mehr als alles andere.
Primitive Völker haben einfach weniger Krempel, auf
den sie verzichten können und den sie aufgeben können.
Man muß alles aufgeben wollen, nicht nur den Wohlstand.
Auch den Mist, den man gelernt hat, all die Gehirnwäsche
unserer Gesellschaft. Man muß das alles hinter sich
lassen, um zur anderen Seite zu gelangen. Die meisten sind
allerdings dazu nicht bereit.
Frage: In Ihrem Song BREAK ON THROUGH vermitteln
Sie eine transzendente, apokalyptische Weltanschauung. Gilt
diese immer noch für Sie?
Jim: Heute sehe ich das anders. Es schien damals
möglich zu sein, eine Bewegung in Gang zu setzen, in
der alle sich in einem Massenprotest zusammen erheben und
nicht mehr unterdrückt werden wollen, alle Kräfte
zu sammeln, um das, was William Blake die "Ketten des
menschlichen Geistes" nannte, zu sprengen. Die Zeit,
wo die Leute auf die Straßen gingen, ist vorbei. Natürlich
kann immer noch eine Transzendenz stattfinden, aber nicht
in einer Massenrebellion. Jeder muß sie jetzt für
sich selbst durchführen. Jeder rette sich, wie man
sagt. Gewalt ist nicht immer negativ, doch die Anbetung
der Gewalt führt zum Bösen. Natürliche Energien
und zu lange unterdrückte Triebe führen zur Gewalt.
Es ist ganz natürlich, daß etwas lange Unterdrücktes
bei einer Befreiung gewaltsam ausbricht. Dieser Gewaltausbruch
ruft bei den Leuten Lustgefühle hervor, auch wenn sie
nur kurz und selten sind. Der Mensch findet dann Geschmack
an der Gewalt.
Frage: So ist der Ursprung des Bösen nicht in
der Gewalt selbst oder in den empfundenen Lustgefühlen
begründet, sondern in den repressiven Kräften?
Jim: Ja, genau. Aber manchmal geht die Lust an der
Gewalt mit einer insgeheimen Komplizenschaft gegenüber
den Unterdrückern gemein. Die Leute suchen die Tyrannen,
vergöttern und unterstützen sie. Sie bauen Einschränkungen
und Gesetze mit auf und sind entzückt von der Gewalt
in ihren kurzen Ersatzrebellionen.
Frage: Warum ist das so?
Jim: Tradition vielleicht, Vererbung der Väter.
Amerika wurde durch Gewalt geschaffen, und die Amerikaner
fühlen sich von Gewalt angezogen. Sie lieben aufbereitete
Gewalt, wie aus Dosen. Sie sind vom Fernsehen hypnotisiert,
welches ein unsichtbares Schild vor die nackte Realität
hält. Die Krankheit des 20. Jahrhunderts liegt in der
Unfähigkeit, die Wirklichkeit zu erfassen. Die Leute
drängen vor die
Fernseher, die Seifenopern, Kinos, Theater und vor die Pop-Idole
und empfinden starke Gefühle durch diese Symbole. Aber
bezüglich der Realität ihres Privatlebens sind
sie emotionell tot.

Frage:
Was veranlaßt uns, vor unseren Gefühlen zu fliehen?
Jim: Wir fürchten weniger die Gewalt als unsere
Gefühle. Die eigenen privaten und einsamen Leiden sind
furchterregender als alles, was uns Fremde zufügen.
Das Leid ist dazu geschaffen, uns aufzuwecken. Man versucht,
seine Leiden zu verbergen, was falsch ist. Leid muß
man tragen können wie ein Radio. Wer mit seinem Leid
experimentiert, fühlt seine Stärke. Das ist das
Wichtige. Leid ist eine Empfindung, und deine Empfindungen
sind ein Teil von dir. Deine eigene Realität. Wenn
du dich ihrer schämst und sie versteckst, läßt
du der Gesellschaft freien Lauf, deine Wirklichkeit zu zerstören.
Du solltest um dein Recht kämpfen, Leiden zu fühlen.
Frage: Würden Sie sich selbst als einen Schamanen
bezeichnen? Viele Fans meinen, daß Sie sie zur Erlösung
führen können. Akzeptieren Sie diese Rolle?
Jim: Ich bin mir nicht sicher, ob es eine Erlösung
ist, wonach die Leute suchen, und ob sie mich als Anführer
wollen. Der Schamane arbeitet mit Heilkräften, wie
ein Hexendoktor. Die Leute interessieren sich nicht deswegen
für mich, und ich halte mich selbst nicht für
einen Retter.
Frage: Warum aber glauben Sie, daß sie sich
an Sie wenden?
Jim: Der Schamane ist wie ein Sündenbock. Ich
betrachte die Rolle des Künstlers wie die eines Schamanen
und Sündenbocks. Die Fans projizieren ihre Phantasien
in ihn, und ihre Phantasien werden auf diese Art lebendig.
Die Leute können ihre Phantasien zerstören, indem
sie ihn zerstören. Ich gehorche den Trieben, die jeder
hat, aber die nicht jeder zugeben will. Indem sie mich attackieren,
mich strafen, können sie sich von diesen Trieben befreit
fühlen.
Frage: Meinten Sie dieses, als Sie vorhin sagten,
daß die Leute starke Empfindungen durch Symbole haben,
wie zum Beispiel durch Pop-Idole?
Jim: Genau. Die Leute haben Angst vor sich selbst,
vor ihrer eigenen Realität und vor allen Dingen vor
ihren Gefühlen. Sie reden davon, wie großartig
die Liebe ist, aber das ist Unsinn. Liebe schmerzt. Gefühle
verwirren nur. Den Leuten wurde eingeredet, daß Leid
böse und gefährlich sei. Wie können sie mit
der Liebe umgehen, wenn sie vor Gefühlen erschrecken?

Frage: Sagten Sie deswegen: "My only friend,
the end"?
Jim : Manchmal ist das Leid zu groß, um toleriert
werden zu können. Das macht es nicht böse oder
gefährlich. Aber die Leute fürchten den Tod mehr
als das Leid. Es ist merkwürdig, daß sie den
Tod fürchten, denn das Leben schmerzt mehr als der
Tod. In dem Moment, wo man stirbt, verschwindet der Schmerz.
Ich glaube schon, daß der Tod ein Freund ist.
Frage: Manche sehen Sex als den großen Befreier
oder als die höchste Stufe der Befreiung an. Weisen
nicht manche Ihrer Lieder in diese Richtung?
Jim: Sex kann eine Befreiung, aber auch ein Gefängnis
sein. Es kommt darauf an, wie sehr man seinen Körper
und seine Gefühle beachtet. Die meisten sind zu sehr
damit beschäftigt, ihre Gefühle zu bedecken als
auf sie zu hören. Wenn ich Artikel über mich lese,
muß ich feststellen, daß der Sexappeal meines
Auftritts immer sehr herausgekehrt wird. Das steigert die
Auflage einer Zeitung. Die Leute fliegen auf so etwas.
Frage: Ist Sex nicht ein Mittel, Gefühle zu verstärken?
Jim: Sex ist voller Lügen. Der Körper versucht,
die Wahrheit zu sagen, ist aber durch Verbote sehr eingeengt
und an Verstellung gebunden, so daß er nicht gehört
werden kann. Wir verkrüppeln uns selbst durch Lügen.
Frage: Wie kann man diese Regeln und Lügen überwinden?
Jim: Indem man auf seinen Körper hört und
seine Sinne öffnet. Blake sagte, daß die Seele
im Körper gefangen sei und nur frei werde, wenn die
fünf Sinne vollständig entwickelt und offen seien.
Er sah die Sinne als "Fenster der Seele" an. Wenn
der Sex alle Sinne mit einbezieht, kann er wie eine mystische
Erfahrung sein. Vor einigen Jahren war Sex noch wie im viktorianischen
Zeitalter - husch-husch, hinter verschlossenen Türen.
Heute sind die jungen Leute viel freier, obwohl der Sex
immer noch einige Geheimnisse bewahren wird. Man hat ihn
allerdings jetzt als eine der Grundlagen der menschlichen
Bedürfnisse erkannt.
Frage: In manchen Songs stellen Sie den Sex als eine
Flucht dar, als einen Zufluchtsort oder als Heiligtum, wie
in CRYSTAL SHIP, THE SOFT PARADE oder SOUL KITCHEN. Die
Art und Weise, wie Sie eine Parallele zwischen Sex und Tod
herstellen, ist faszinierend. Ist das nicht aber eine Art
höchster Verleugnung des Körpers?
Jim: Überhaupt nicht, es ist vielmehr das Gegenteil.
Wenn man seinen Körper verleugnet, wird er zu einer
Gefängniszelle. Es ist zwar paradox, aber um die Grenzen
des Körpers zu überschreiten, muß man sich
so tief wie möglich in ihn versenken, sich seinen Sinnen
total öffnen. Es ist nicht so leicht, seinen Körper
völlig zu akzeptieren, weil man uns beigebracht hat,
den Körper zu beherrschen und zu kontrollieren. Natürliche
Dinge wie Pinkeln und Scheißen werden als schmutzig
bezeichnet, obwohl die puritanische Einstellung langsam
ausstirbt. Wie kann Sex eine Befreiung sein, wenn man seinen
Körper noch nicht einmal berühren mag, sondern
vor ihm flieht? Sex ist allerdings nur ein Faktor von vielen,
der unser Leben bestimmt. Ich glaube nicht, daß Sex
das Wichtigste ist, obwohl Musik auch ein natürliches
Grundbedürfnis ist. Man kann Musik und Sex nicht voneinander
trennen.
Frage: Wie kam das Cover der LP STRANGE DAYS zustande?
Jim: Ich haßte das Cover der ersten LP. Darum
sagte ich, daß ich nicht auf dem Cover der zweiten
LP abgebildet sein wolle. Ich schlug ein Mädchen, eine
Löwenzahnblüte oder irgendein Design vor. Dann
erwähnte jemand den Titel STRANGE DAYS für die
Platte, und alle waren begeistert, denn es waren tatsächlich
merkwürdige Tage zu der Zeit. Der Titel paßte
genau. Zuerst wollte ich ein Foto von uns in einem Raum
machen lassen, umgeben von 30 Hunden, doch das schien unmöglich,
denn wir konnten nicht so viele Hunde auftreiben und jeder
wollte wissen, was zum Teufel die Hunde auf dem Cover zu
suchen hätten. Für mich wäre das mehr symbolisch
gewesen, "Dog" liest sich rückwärts
"God". So überließen wir schließlich
die ganze Sache dem Fotografen und sagten ihm lediglich,
daß wir etwas sehr Freakiges wollten. Er machte dann
dieses Bild mit den Varietéleuten, das sehr europäisch
aussah. Es war besser, als wenn unsere verdammten Gesichter
wieder auf der Hülle gewesen wären. STRANGE DAYS
ist übrigens eine LP, auf die ich sehr stolz bin. Sie
erzählt eine bestimmte Geschichte, eine Gesamtleistung.
Irgendwann wird die Platte die Aufmerksamkeit bekommen,
die sie verdient. Zu der Zeit, als wir das Album veröffentlichten,
waren sich viele nicht bewußt, was wir damit überhaupt
zustande gebracht hatten.

Frage:
Viele meinen, daß der Enthusiasmus und die Kreativität
der Doors auf den ersten beiden Doors-LPs bei WAITING FOR
THE SUN und THE SOFT PARADE nachgelassen hat. Wie stehen
Sie dazu?
Jim: Die meisten Songs auf den ersten beiden Alben
wurden geschrieben, als wir noch in Clubs an sechs Abenden
in der Woche spielten. Bei den Aufnahmen zu WAITING FOR
THE SUN waren wir mitten in Tourneen und hatten keine Gelegenheit,
neues Material auszuarbeiten. Tatsächlich wurden einige
Songs auf dem Album direkt im Studio geschrieben. Deswegen
waren einige Stücke auf dem Album wohl nicht ganz ausgereift.
Was THE SOFT PARADE angeht, nun, irgendwie gerieten die
Aufnahmen außer Kontrolle, und wir haben einfach zu
lange daran gearbeitet. Die Sessions dauerten mehr als 9
Monate lang. Ich meine, daß ein Album wie ein Buch
mit Kurzgeschichten sein sollte, die es zusammenhalten,
eine Art einheitlicher Gedanke oder Stil, und genau das
ist es, was bei THE SOFT PARADE fehlt. Dennoch bin ich der
Ansicht, daß unsere Musik fortschrittlicher und besser,
ja sogar direkter, professioneller und interessanter geworden
ist. Die Leute ärgern sich über die Tatsache,
daß die vor drei Jahren hervorgetretene Renaissance
von Geist, Emotion und revolutionären Gefühlen
die Dinge nicht über Nacht änderte, die Doors
aber immer noch da sind und gute Musik machen. Ich glaube,
daß wir die Band sind, die eine Haßliebe bei
den Leuten produziert. So war es aber schon von Anfang an.
Wir werden allgemein verachtet. Wir sind auf einem monströsen
Egotrip, und das mögen die Leute nicht. Als ich neulich
in San Francisco auf einem Filmfestival war, wo unser Film
Feast Of Friends gezeigt wurde, haben die Zuschauer, die
weit unter 30 Jahren waren, ihn ausgebuht. Sie hassen uns,
weil wir so gut sind.
Frage: Stört es Sie, wenn man die Doors niedermacht?
Jim: Ja, sogar sehr. Ich wünschte, die Leute
würden so etwas nicht machen. Aber: Pressefreiheit
und all das ... ich sehe da auch eine Gefahr darin. Wissen
Sie, es ist wie bei jemandem, der seinen ersten Roman schreibt,
danach gönnt man ihm Ruhe, klopft ihm auf den Rücken,
und nach seinem zweiten Roman zerreißen sie ihn. Wenn
er dann noch mehr Bücher schreibt und damit zeigt,
daß er Durchhaltevermögen hat, heißt es:
"Willkommen in der Familie", und man umarmt ihn.
Mit uns scheint es genauso zu sein. Wir müssen noch
ein wenig länger durchhalten. Ich glaube, daß
eines Tages die Leute uns wieder als alte Freunde betrachten,
die schon jahrelang da waren und jetzt ein Teil des nationalen
Geistes geworden sind.
Frage: Ein Teil der Kritik richtet sich gegen den
kommerzielleren, angepaßteren Sound der Doors und
besonders auch gegen die Lyrics in dem Song HELLO I LOVE
YOU, wofür Sie einige Kritik einstecken mußten.
Jim: Da kann ich nicht zustimmen. Ich denke, daß
unsere Musik besser und besser wird. Sie wird kultivierter
und intellektueller, auch textmäßig. Nebenbei
gesagt, wenn man andauernd immer wieder das gleiche macht,
wird es nach einiger Zeit langweilig. Wer will den schon
REVOLUTION 24 Stunden am Tag hören? Und was HELLO I
LOVE YOU angeht, nun, ich schrieb den Song schon vor Jahren,
und wenn Sie die Lyrics hören... "Hello I love
you, won't you tell me your name, hello I love you, let
me jump in your game, she's walking down the street, blind
to every eye she meets, do you think you'll be the guy to
make the queen of the angels sigh, do you hope to pluck
this dusky jewel." Vergessen Sie den Rest davon. Ich
denke nicht, daß die Lyrics so schlecht sind.
Frage: Können Sie berichten, wie die Doors im
Aufnahmestudio arbeiten?
Jim: Üblicherweise proben wir einige Wochen
lang, bis wir eine ausreichende Anzahl von Songs zusammen
haben, die wir dann aufnehmen. Auf MORRISON HOTEL ging es
eigenartig schnell, wir gingen ins Studio und nahmen pro
Tag einen Song auf, was ziemlich ungewöhnlich für
uns ist, denn das erste Album nahmen wir in etwa 10 Tagen
auf, und jede weitere Platte dauerte länger und länger.
Für THE SOFT PARADE brauchten wir fast 9 Monate. Bei
MORRISON HOTEL gingen wir wieder auf unsere eigenen Instrumente
zurück, nur wir vier und ein Bassist.
Frage: Wer kam auf diese Idee?
Jim: Weiß ich nicht. Hmm, ich glaube, dieser
Satz ist die fürchterlichste Phrase in der englischen
Sprache: "I don't know." Sie ist entsetzlich peinlich.
Frage: Ist Ihnen im Aufnahmestudio zu einem bestimmten
Zeitpunkt schon einmal gewahr geworden, daß Sie soeben
eine Hitsingle produziert hatten?
Jim: Nein, wir machen eine Menge Witze darüber.
Wir machen einfach nur eine LP, und jedesmal, wenn wir einen
Song für eine Single auswählen, ist es meist der
falsche. Bei MORRISON HOTEL lassen wir unsere Zuhörer
entscheiden, welchen Song sie am meisten mögen und
als Single veröffentlicht sehen wollen. Das scheint
mir der geeignete Weg zu sein. Wir selbst haben anscheinend
nicht den Schlüssel zum Puls der Nation, denn wir haben
in der Beziehung mehr Fehler als sie gemacht.
Frage: Welchen Stellenwert nehmen Platten als eine
Kunstform für Sie ein?
Jim: Ich glaube, daß Schallplatten die Bücher
ersetzt haben. Wirklich! Bücher und Filme. Sie sind
besser als Filme, denn einen Film sieht man ein- oder zweimal,
später noch mal im Fernsehen. Eine Platte ist jedoch
einflußreicher als jede andere derzeitige Kunstform.
Jeder mag sie. Jeder hat eine Menge davon zu Hause und hört
manche mehr als fünfzig Mal, zum Beispiel Platten von
den Stones oder von Dylan. Einige Platten zeigen Dir den
Fortschritt, und Dein eigener mentaler Fortschritt ist an
den Platten zu messen, die Du gerade hörst.

Frage:
Es ist bekannt, daß Sie gerne lesen. Kommen Sie jetzt
überhaupt noch dazu?
Jim: Nein, ich lese nicht mehr soviel wie
früher. Das Schreiben ist auch nicht mehr so fruchtbar.
Wir arbeiten zu hart an den Songs, hinzu kommen die Konzerte
und Tourneen. Früher hatte ich mehr Zeit dazu, als
ich noch in diesem verlassenen Bürogebäude lebte
und auf dessen Dachterrasse schlief, Sie kennen sicherlich
diese Geschichten. Und irgendwann warf ich dann alle Notizbücher
fort, die ich seit meiner Zeit auf der High-School führte,
und widmete mich nur noch dem Songschreiben. Das war ziemlich
schwierig, ich mußte die Lyrics aufschreiben und gleichzeitig
mit der Melodie im Kopf mithalten. Manche Leute wissen es
nicht, aber ich schreibe auch eine Menge der Melodien für
unsere Songs, aber meistens bleibt mehr von den Worten als
von der Melodie übrig, und diese auch nur als Ideenfragmente.
Wissen Sie, früher hörte ich die Lieder wie bei
einem Auftritt auf der Bühne, mit Publikum, der Band
und einem Sänger. Einfach alles ging in meinem Kopf
herum, wie eine Zukunftsvision. Es war alles schon in meiner
Vorstellung vorhanden. Nein, ich lese und schreibe nicht
mehr soviel wie früher, das Leben ist viel zu interessant.
Aber ich vermute, ich werde irgendwann zur Ruhe kommen und
wieder in diesen Sattel klettern. Zur Zeit sauge ich das
Leben in mich auf, bei einem Mann ist so etwas, glaube ich,
eine ganz normale Phase.
Frage: Wie kam denn der Schluß von
THE END zustande? Ist diese Geschichte aus dem Whiskey a
Go Go wahr?
Jim: Ich hatte so was wie eine magische
Formel, um in mein Unterbewußtsein einzutauchen. In
dem Fall legte ich mich flach hin und wiederholte ohne Unterlaß
den Satz "Fuck the mother, kill the father, fuck the
mother, kill the father". Man kommt tatsächlich
in seinen eigenen Kopf hinein, indem man einen Slogan immer
und immer wiederholt, recht einfach also. Dieses Mantra
wird auch nie inhaltslos. Es bleibt immer an einer gewissen
Basis und zerfällt niemals in einzelne Worte. Solange
man es vor sich hinspricht, ist man sich des gesamten Spruches
bewußt. Alles kommt vom Kopf her.
Frage: Die Leute im Whiskey waren reichlich
geschockt, als Sie diese Songzeilen brachten. Sind Sie seitdem
jemals wieder mit diesem Song so bei einem Publikum durchgefallen
wie beim ersten Mal, wo die Leute zum Mob wurden?
Jim: Ich denke über etwas nach, was
die Leute noch mehr schockieren wird. An dem Tag, an dem
das passiert, was ich im Kopf mit mir trage, wird alles
vorbei sein. Das Ende. Wo soll man dann noch hingehen, wenn
alle, auch für den Bruchteil einer Sekunde, eins werden.
Sie könnten niemals zurückkehren. Nein, ich glaube
nicht, das ich so etwas realisieren kann, jedenfalls nicht
so, wie es in meinem Kopf existiert. Die Leute, die zu unseren
Konzerten kommen, werden gewöhnlich ganz schön
angetörnt. Zunächst kann man feststellen, ihr
dort seid das Publikum und wir sind hier oben auf der Bühne.
Und wie aus heiterem Himmel seid ihr dort genauso wie wir.
Es ist unglaublich, wenn das Publikum weiß: "Ihr
seid wie wir". Alle Barrieren zerbrechen, und ich liebe
die darauf folgenden Reaktionen.

Frage: Das Album WAITING FOR THE SUN war fertiggestellt,
als Sie nochmals ins Studio gingen, um noch weiter daran
zu arbeiten und Sachen hinzuzufügen. Letztendlich blieb
es aber doch bei der ersten Fassung ...
Jim: Ja, wir haben meine Idee dann doch
fallengelassen. Ich wollte zwischen den Songs Gedichte eingefügt
haben. Aber wer will schon Gerede auf einer Platte hören?
Die Leute wollen die Musik, und nur diese. Jedermann kann
reden, aber wesentlich weniger Leute können Musik machen
oder singen.
Frage: Was denken Sie über all die
Dinge, die in der Presse über Sie zu lesen sind und
die immer wiederholt werden?
Jim: Wenn jemand berühmt ist, sollte
er lernen, seine Zunge im Zaum zu halten. Besonders natürlich
vor Presseleuten. Welch eine Vorstellung, aufzuwachen und
gerade das zu sagen, was einem soeben im Kopf herumgeht,
und am nächsten Tag müßte man es in der
Zeitung lesen! Die Mentalität eines
Journalisten hat viel von der Psychologie eines Voyeurs.
Ein Reporter spricht niemals über sich selbst, wie
es alle anderen Leute tun. Er saugt alles auf wie ein Schwamm
und diskutiert nie seine eigene Psyche. Ich glaube, daß
die Kunst die Offenbarung des Schönen ist, das Schöne
als etwas Absolutes, welches in einer desorientierten Wahrnehmung
der Realität wurzelt. Gerichtet gegen die Gleichmäßigkeit,
enthüllt die Balance zwischen Objekt und Zuschauer
eine beziehungslose Welt. Man weiß, wann man es geschafft
hat, und auch, wenn der Weg des Begreifens noch weit ist.
Was mich betrifft, so breite ich vor allen aus, was ich
mir an Dingen ausgedacht habe. Natürlich wird vieles
dann sehr naiv wiedergegeben. Wenn man mir allerdings Fragen
stellt, so sage ich immer und immer wieder, was ich denke.
Ich, ich, ich ... Hinzu kommt, daß meiner Meinung
nach eine verborgene Welt existiert, in der alles schläft.
Eine Welt, an die wir uns erinnern, die aber jeder zu vergessen
sucht. Die Leute lieben dieses Spiel, doch niemand wird
zugeben, daß es ein Spiel ist. Wenn es jemand tun
würde, wäre es zu Ende.
Frage: Lesen Sie Ihre Fanbriefe?
Jim: Ich glaube, es steckt mehr Philosophie
in den Köpfen sechzehnjähriger Mädchen, als
man sich während einer Zigarettenlänge vorstellen
kann. Ein paar dieser Briefe an mich sind wirklich einzigartig,
tiefgründig, ehrlich und offen, andere sind Mist. Ich
bekomme teilweise unglaubliche Briefe. Sie lehren mich,
wie man leben soll, anstatt daß ich es ihnen beibringe.
Meine Fans sind intelligent, sehr sensitiv und sehr philosophisch.

Frage: Was halten Sie von großen
Popfestivals wie Woodstock?
Jim: Ich glaube, daß diejenigen,
welche sagen, die Zeit der Festivals sei vorbei, falsch
liegen. Solche gigantischen Massenveranstaltungen werden
in der Zukunft immens wichtig werden. Natürlich sind
die Ereignisse in Woodstock durch den Film sehr romantisiert
worden, jedenfalls hatte ich den Eindruck, nachdem ich den
Film gesehen hatte. Es sah aus wie eine Ansammlung junger
Parasiten, die drei oder vier Tage lang mit Liebe und Frieden
löffelweise gefüttert wurden. Die Zuschauer sahen
aus wie Getäuschte und Opfer einer Kultur. Vielleicht
sehe ich das aber auch falsch, denn ich war noch nicht einmal
als Zuhörer dort. Obwohl dort so ein Durcheinander
herrschte und die meisten Leute vielleicht gar nicht so
sind, wie sie zu sein scheinen, ist eine derartig freie
Feier einer jungen Kultur besser als nichts. Und ich bin
mir sicher, daß viele eine Art Mythos mit sich nach
Hause nehmen, der ihr weiteres Leben beeinflussen wird.
Frage: Sie glauben also nicht an diese
wundervolle Revolution, von der überall gesprochen
wird?
Jim: Ich möchte darüber nicht
viel sagen, weil ich die Politik bisher nicht allzu intensiv
studiert habe. Es scheint aber, daß man sich in einem
ständigen Zustand der Revolution befinden sollte, oder
man ist scheintot. Die Revolution muß konstant vor
sich gehen, in dem Sinne, daß sich nicht radikal Dinge
ändern, sondern daß durch die Revolution alle
Probleme gelöst werden.
Frage: Bezeichnen Sie sich immer noch als
"Lizard King"?
Jim: Das liegt schon etwas zurück,
und auch zu der Zeit meinte ich es ironisch, sagte es so
halb als Witz. Doch die Presse nahm es sofort auf. Ich dachte,
jeder würde es als Ironie erkennen, doch tatsächlich
hielten mich alle für verrückt. Ich glaube, daß
vor dem Schreiben und Singen eines meiner größten
Talente das instinktive Geschick zur Verbreitung meines
eigenen Images ist. Es gelang mir recht gut, die Öffentlichkeit
mit kleinen Phrasen wie "Politiker der Erotik"
und so zu manipulieren. Schließlich bin ich mit dem
Fernsehen und den Illustrierten aufgewachsen und wußte
instinktiv, was die Leute schnell aufschnappen. So habe
ich diese kleinen Juwelen hier und dort ausgestreut, ganz
unschuldig. Natürlich rief ich nur die Reaktionen auf.
Frage: Wie entstand denn der Begriff "Lizard
King"?
Jim: Nun, ich besaß ein Buch über
Reptilien und Schlangen und so. Der erste Satz des Buches
fiel mir besonders ins Auge: "Reptilien sind die interessanten
Nachkommen herrlicher Vorfahren." Sie sind das Endglied
eines Anachronismus. Wenn alle Reptilien in der Welt morgen
verschwinden würden, würde sich die Balance in
der Natur nicht einmal ein wenig verschieben. Sie sind tatsächlich
völlig eigenständige Geschöpfe. Und ich glaube,
daß deswegen nur Reptilien einen weiteren Weltkrieg
oder eine vollständige Verseuchung unserer Welt überleben
könnten. Und wir dürfen auch nicht vergessen,
daß Eidechsen und Schlangen auch mit dem Unterbewußten
und den Kräften des Bösen gleichgesetzt werden.
Das Stück THE CELEBRATION OF THE LIZARD war unter anderem
auch eine Beschwörung dunkler Kräfte. Wissen Sie,
ich wuchs einen Teil meines Lebens im Südwesten auf
und liebte immer schon Eidechsen. Als Kind fing ich sie.
Vor Schlangen habe ich immer noch Respekt. Ich könnte
beispielsweise nie mit einer Schlange spielen. Es gibt anscheinend
etwas tief in der menschlichen Psyche, das auf Schlangen
reagiert. Die Schlange repräsentiert wohl alle Dinge,
die wir fürchten.
Frage: Zählen Sie sich zu denjenigen,
von denen gesagt wird, sie seien der "Tod des Rock"?
Jim: Vor ein paar Jahren habe ich selbst
gesagt, daß der Rock tot sei. Vor ein paar Jahrzehnten
war der Jazz die Musikrichtung, die alle Leute hörten
und zu der sie tanzten. Dann hat der Rock'n'Roll den Jazz
verdrängt, und eine andere Generation kam danach und
nannte ihren Musikstil "Rock". In ein paar Jahren
wird eine neue Generation von Kids sich zusammenfinden und
einen neuen Namen finden. Ein ewiger Kreislauf. Sobald eine
Musikrichtung selbstbewußt wird, bedeutet es ihren
Tod, denn die Energie flacht ab. Es fehlt dann auch das
Gewissen.
Frage: Aber vor einigen Jahrzehnten war die Musik
noch kein Symbol einer neuen Kultur oder Subkultur, oder?
Jim: Jede Generation verlangt nach neuen
Symbolen, nach neuen Leuten, neuen Namen. Man will sich
von der Generation lösen, die einem alles vorgibt.
Alle fünf bis zehn Jahre passiert so etwas, wenn alle
sich einig sind und aus ihren Ketten herausbrechen. Selbst
wenn Rockmusik keine Musik für das Gehirn ist, gibt
es immer noch etwas, auf das man reagieren kann.
Frage: Welche Musik hören Sie denn
gerne?
Jim: Eigentlich höre ich nur Musik,
wenn ich im Auto herumfahre, Top-40-Sachen und so im Radio.
Ich höre nicht viel Musik. Manchmal gehe ich zu Konzerten.
Letztens sah ich in Las Vegas Peggy Lee. Ich beschäftige
mich also nicht viel mit Musik. Vieles ist auch ziemlich
langweilig, und die großen Radiostationen, die Rockmusik
bringen, spielen nur etwa 30 Songs immer und immer wieder,
24 Stunden am Tag. Und es ist bewiesen, daß man das,
was man am meisten hört, auch am liebsten mag. Das
Medium ist die Botschaft, und die Botschaft bin ich. Wenn
Sie eine Antwort darauf suchen, gibt es nur diese: Jeder
sollte sich erheben und sagen "Ich bin ich!" Und
seien Sie sich dessen bewußt, bevor es jeder andere
weiß. Jeder ist er selbst und sollte es auch kundtun.
Frage: Spielen Sie ein Instrument?
Jim: Als ich noch ein Kind war, habe ich
kurze Zeit Klavier gelernt, kann auch noch einige Lieder
auswendig spielen. Im Konzert spiele ich ab und zu Maracas
oder Mundharmonika. Ich wünschte, ich könnte Gitarre
spielen, habe aber kein Feeling dafür.
Frage: Wie beschreiben Sie die Philosophie
eines Doors-Konzertes?
Jim: Ich glaube, daß es ein weites
Feld von Bildern und Gefühlen in uns gibt, welches
wir in unserem täglichen Leben selten hinauslassen
können. Und wenn diese Gefühle einmal hervorbrechen,
können sie perverse Formen annehmen. Es handelt sich
um die dunkle Seite in uns, die jeder, der sie erkennt,
auch in sich selbst wiederfindet. Es ist das Zurschaustellen
von Kräften, die selten das Tageslicht erblicken.
Frage: Die Doors öffnen also den Zuschauern
Türen, die vorher geschlossen waren?
Jim: Man könnte ein Doors-Konzert
mit einer Sèance vergleichen. Der Schock der Selbsterkenntnis
bringt das Publikum zurück in elementare Sinne. Es
ist das, was ich vorher schon einmal erwähnte. Je zivilisierter
die Menschheit wird, desto nötiger wird eine Rückbesinnung
zu den Urtrieben in uns erforderlich. Wir rufen dieselben
menschlichen Grundbedürfnisse an wie eine klassische
Tragödie oder ein alter Blues aus dem Süden. Wir
zelebrieren eine Sèance in einer Umgebung, die dem
Leben feindlich gesinnt ist, kalt und alles einschränkend.
Die Leute fühlen, daß sie in einer unwirklichen
Umgebung dahinsiechen. Sie kommen in einer Sèance
zusammen, um Geister zu beschwören, ihre Schmerzen
zu lindern und die Toten zu vertreiben. Durch Gesang, Tanz
und Musik versuchen sie, eine Krankheit zu heilen und eine
gewisse Harmonie in ihre Welt zu bringen. Wir helfen ihnen
dabei. Ein Konzert ist auch für mich die einzige Gelegenheit,
wo ich mich selbst wirklich öffnen kann und meinen
Geist da oben auf der Bühne herauslasse. Ein Auftritt
gibt mir eine Verkleidung, ein Versteck, wo ich mich enthüllen
kann. Das ist mehr als nur aufzutreten, die Bühne zu
betreten, Songs zu spielen und wieder die Bühne zu
verlassen. Ich nehme alles sehr ernst, und ich höre
nicht eher auf, bis wir nicht jeden Zuschauer in unseren
Bann gezogen haben.

Frage: Ihre Bühnenshow hat demnach Ähnlichkeiten
mit dem Auftritt eines Schamanen, der ebenfalls Rituale
zelebriert?
Jim: Man könnte durchaus Vergleiche
ziehen, wissen Sie, denn bei Stämmen früherer
Völker wurde der Schamane, der übrigens jedes
Alter haben konnte, von seinen Zuhörern praktisch in
seinen Trip hineingestoßen; sie stachelten ihn an,
seine eigenen Phantasien darzustellen. Auch wir stellen
unsere eigene Auffassung des Daseins auf der Bühne
dar, und das Publikum geht mit uns auf den Trip.
Frage: Üben Sie vor einem Auftritt
die Songs noch einmal, die Sie an dem Abend spielen wollen?
Jim: Nein. Wir haben ein Repertoire von
30 oder 40 Nummern und planen gewöhnlicherweise erst
im Umkleideraum die ersten 3 oder 4 Songs, und dann spielen
wir den Rest des Konzerts je nach Laune. Manchmal wissen
wir nicht einmal genau, was wir spielen wollen, wenn wir
auf die Bühne gehen.
Frage: Die Doors sind jetzt ungeheuer populär.
Fühlen Sie einen bestimmten Druck, die Erwartungshaltung
des Publikums einer so berühmten Gruppe gegenüber
bestätigen zu müssen?
Jim: Wir fühlen uns ein wenig gezwungen,
jeden Abend die gleichen bekannten Songs zu spielen, die
das Publikum vom Radio und von den Platten her kennt. Früher
fügten wir neue Teile bei den Songs direkt auf der
Bühne hinzu, jetzt aber haben wir große Zuhörerzahlen
und können nur 40 bis 50 Minuten spielen. Da haben
wir keine Zeit und auch nicht die richtige Atmosphäre,
um Improvisationen einzufügen. Wir könnten das
natürlich machen, und ich glaube, daß einige
Leute das mögen würden, aber die meisten würden
mit Sicherheit enttäuscht sein, weil sie lieber bekannte
Songs hören wollen. Jedesmal, wenn wir einen Song spielen,
den die Leute kennen, gibt es einen Riesenbeifall. Auch
können wir uns keine Fehler leisten. Früher, als
wir noch nicht bekannt waren, hörte man uns noch nicht
so aufmerksam zu, und wir durften uns Fehler erlauben.
Frage: Falls ein Publikum nun nicht auf
das reagiert, was Sie auf der Bühne treiben, ändern
Sie dann irgend etwas an Ihrem Auftritt?
Jim: Das hängt von den Umständen
ab, unter denen wir auftreten. Bei Open-Air-Auftritten und
dazu noch bei Tageslicht haben wir nie besonders gut gespielt.
Ich glaube, daß wir die Dunkelheit und eine Art Theateratmosphäre
benötigen, um richtig arbeiten zu können. Durch
das Tageslicht und das offene Gelände verschwindet
die gesamte Magie. Unsere besten Auftritte hatten wir in
kleinen Clubs. Bei Konzerten in großen Arenen wird
alles zu einer Massenveranstaltung und hat nicht viel mit
Musik zu tun. In Clubs hingegen können die Leute uns
schwitzen sehen, und wir können auch das Publikum sehen.
Auch muß man dort das Publikum musikalisch anmachen.
Jeder merkt es, wenn man das nicht schafft.
Frage: Sie haben einmal das Wort vom "totalen
Theater" erwähnt. Inwieweit ist das "totale
Theater" bei einem Doors-Auftritt eingebaut?
Jim: Jedesmal, wenn jemand eine Bühne
betritt, beginnt ein Theaterstück. So ist es auch bei
einem Doors-Auftritt. Vielleicht führen wir irgendwann
einmal ein tatsächliches Schauspiel auf, mit einer
Leitlinie oder einer Story, und spielen nicht nur eine Anzahl
Songs. Jedenfalls geht der Weg der Doors in diese Richtung.
Um uns herum stelle ich eine Art Krise in der Musik fest,
man will nicht mehr ausschließlich simple Rockmusik
wie früher hören. Die Interessen haben sich geteilt.
Immer mehr Leute schauen sich Theater, Musicals, Opern und
ähnliche Dinge an und entfernen sich von den puren
Musikdarbietungen, wobei die einfache Rockmusik sich natürlich
weiter behaupten wird. Schließlich wird auch der erdige
Blues wieder gefragt sein. Ich persönlich mag beides
und meine, daß die Doors eine erfolgreiche und bewährte
Kombination beider Komponenten entwickelt haben. Aber auch
wir stehen jetzt an einem Scheideweg. Wir müssen entweder
in die Richtung Theater und Elektronik und ähnlichem
gehen, oder wieder erdigen Blues spielen. Vermutlich gehen
wir aber in die erste Richtung und überlassen anderen
den Blues. Auf der anderen Seite will ich gerne meinen Gesang
weiterentwickeln. Wissen Sie, ich liebe den Blues, wie ihn
Joe Turner und Freddie King bringen. Ich würde mir
gerne mehr von diesem einzigartigen Feeling einverleiben
und Sachen wie ST. JAMES INFIRMARY singen, irgendwelche
endlos langen Blues-Trips ohne besonderen Anfang oder Ende.
Einfach mit einem Blues beginnen und sehen, wohin er uns
trägt.
Frage: Also lieben Sie die Improvisation?
Jim: Ja, wir brauchten beispielsweise noch
einen weiteren Song für THE SOFT PARADE. Wir zermarterten
uns die Hirne darüber in unserem Studio. So warfen
wir all diese alten Songs zusammen, Blues-Trips, Rock-Klassiker.
Dann fingen wir an zu spielen und reisten etwa eine Stunde
lang durch die Geschichte der Rockmusik, beginnend mit Blues,
durch den Rock'n'Roll, Surfmusik, Latinmusik und so weiter.
Ich nenne das Ganze ROCK IS DEAD, bezweifle aber, daß
es jemals jemand hören wird.

Frage: Wie könnten Sie die Musik der
Doors in wenigen Worten zusammenfassen?
Jim: Grundsätzlich gesehen sind die
Doors eine bluesorientierte Gruppe mit einer starken Dosis
Rock'n'Roll, mit einer leichten Prise Jazz, mit einem winzigen
Schuß klassischer Einflüsse und einigen modernen
Elementen. Doch im Grunde genommen sind wir eine weiße
Bluesband. Unsere Musik ist jetzt zum Ausgangspunkt zurückgekehrt,
und wir gebrauchen lediglich unsere vier Instrumente. Wir
waren der Ansicht, daß wir uns zu weit in Richtung
Orchester entwickelt hatten und wollten zu unseren Ursprüngen
zurückkehren.
Frage: Welche musikalischen Einflüsse
hatten Sie?
Jim: Elvis Presley inspirierte viele der
frühen Rocksänger. Er hatte auch großen
Einfluß auf mich. Er eröffnete mir eine neue
Welt, die ich vorher nie kennengelernt hatte. Eine freie,
aufregende, fremde und spannende Landschaft. Auch Jerry
Lee Lewis, Fats Domino und Gene Vincent beeinflußten
mich stark. Viele Leute vergleichen mich mit Mick Jagger,
doch ich halte diese Vergleiche für nutzlos. Jedesmal,
wenn etwas Neues kommt, wird es mit etwas anderem verglichen,
eine recht einfache Denkweise. Heute bin ich zu sehr mit
der Musik beschäftigt, um anderen Einflüssen auf
mich noch viel Beachtung zu schenken, ich glaube, daß
man mich auch nicht mehr in dem Maße beeinflussen
kann, wie es früher geschehen ist. Eigentlich ist es
im Augenblick nur das, was ich lese oder sehe. Und Flugzeuge,
besonders beim Start. Hingegen ist musikalisch gesehen nichts
mehr los. Es gibt einfach zu viele gute Gruppen. Ziemlich
langweilig. Ich wünschte, es käme mal eine richtig
langweilige Gruppe.
Frage: Können Sie etwas zu Ihrem Film
HWY erzählen?
Jim: HWY ist ein lyrischer Film, gedreht
in Farbe, 35-mm-Format, etwa 50 Minuten lang, ohne großartige
Handlung. Mehr oder weniger ein Stummfilm, obwohl ich tagelang
an dem Musiksoundtrack gearbeitet habe. Die Kamera folgt
einem Tramper, der aus den Bergen durch die Wüste trampt,
bis er schließlich nach Los Angeles kommt. Während
der Reise wird er zum Massenmörder, eine der Geschichten,
die man oft in den Zeitungen liest und über die ich
immer schon einen Film machen wollte. Nur ich und drei Freunde
drehten ihn, und den Tramper spiele ich selbst. Die Musik
zu dem Film ist keine Rockmusik. Ein Freund von mir, ein
klassischer Komponist namens Fred Myrow, spielt Klavier
und Orgel, und wir haben irgendwelche Radioaufnahmen, Platten
und Bänder hineingemixt und so eine Art Collage gestaltet,
die ein Portrait von Los Angeles ergibt. HWY ist der dritte
Film, an dem ich bisher gearbeitet habe. Merkwürdig
war, daß der Film während der Dreharbeiten in
der Wüste plötzlich ein seltsames Eigenleben entwickelte
und schließlich sehr von der Grundidee, einfach einem
Tramper mit der Kamera zu folgen, abwich.
Frage: Sind Sie gerne Hauptdarsteller in
Filmen?
Jim: Um die Wahrheit zu sagen: Der einzige
Grund, warum ich es tat, war die Tatsache, daß meiner
Meinung nach niemand anders es machen konnte als ich selbst.
Es war für mich ein Leichtes, die Hauptrolle zu spielen.
Vielleicht werde ich noch andere Filme machen, aber ich
bin nicht so scharf darauf, Darsteller zu sein. Lieber würde
ich als Regisseur oder Drehbuchautor eines Films arbeiten.
Shakespeare war auch zunächst Schauspieler, als er
nach London kam.
Frage: Ihren ersten Film drehten Sie an
der Universität, nicht wahr?
Jim: Es war weniger ein Film, als mehr
ein Essay über Film. Er hatte keinen roten Faden, sondern
war eine themenlose Collage und begann mit einer Gruppe
junger Männer, die in einem Raum sitzen und augenscheinlich
einen pornographischen Film sehen. Dieser Streifen, den
sie sich anschauen, reißt, und die Männer beginnen,
die leere Leinwand mit Schattenfiguren ihrer Hände
zu füllen. Der Film wird dann zu einer Phantasieimprovisation:
Ein Fernsehschirm ist zu sehen, auf dem Nazitruppen rückwärts
marschieren, eine von hinten gefilmte Frau geht eine Straße
entlang und verschwindet in einem Aufzug. Ganz zu Beginn
des Films ist die Leinwand völlig schwarz und man hört
nur Geräusche. Im Hintergrund läuft das Stück
EROTICA sowie eine Radioaufnahme von einem Priester, der
mit einigen Kindern zusammen Teile des Katechismus vor-
und rückwärts singt. Es klingt sehr primitiv,
wie aus dem Dschungel. Dieser Film hatte keinen Titel, und
einige Professoren meinten, es sei der schlechteste Film,
den sie je gesehen hätten. Ich meine, das Wort "merkwürdig"
würde besser passen. Leider ist der Film irgendwo im
Archiv der UCLA verschollen.
Frage: Man hörte, Sie arbeiten mit
Michael McClure zusammen. Gibt es schon Ergebnisse?
Jim: Wir haben soeben die Arbeiten an einem
gemeinsamen Drehbuch für Michaels Erzählung "The
Adept" beendet. Im Augenblick kümmern wir uns
um die Finanzierung der Verfilmung und um einen Produzenten,
der uns eine halbe Million Dollars gibt, um das Projekt
so realisieren zu können, wie wir es planen. Es muß
jemand sein, der uns absolute Freiheiten läßt.
Die Hauptrolle des Nicholas werde ich selbst spielen. Nicholas
ist ein junger Mann auf der Suche nach geistiger Selbstfindung,
ohne es zu wissen. Er trägt lange Haare und fährt
einen Chopper, den er sehr liebt. Er hat immer einen Koffer
bei sich, der eigenartige Dinge enthält, einen schottischen
Umhang, ein Messer in einer Scheide, ein indianisches Bild
von einem Löwen, der den Kopf eines rituellen Menschenopfers
frißt und so weiter. Ich will darüber nicht viel
mehr erzählen, sondern den Charakter des Mannes offen
lassen. Ich muß ihn darstellen, wenn die Zeit gekommen
ist.

Frage: Die Geschichte ähnelt Easy
Rider, nicht wahr?
Jim: Ja, ich weiß. Die Story wurde
aber geschrieben, bevor Easy Rider gemacht wurde. Die Leute
werden die Ähnlichkeiten schon bemerken, aber ich kann
dagegen nichts machen. Wußten Sie, daß Easy
Rider für 385.000 Dollar gedreht wurde? Ich las es
gestern in der Daily Variety. Der Reingewinn des Films wächst
inzwischen auf geschätzte 50-60 Millionen Dollar an.
Eine gewaltige Gewinnspanne, nicht wahr?
Frage: Aber auch schlechte Filme haben
derartige Gewinne gemacht.
Jim: Ja, aber die haben auch schon 10 oder
12 Millionen Dollar in der Herstellung gekostet. Easy Rider
ist der erste unabhängige Low-Budget-Film, der es auf
dem Markt geschafft hat. Ich halte das für sehr ungewöhnlich.
Er wird die Szene für eine Menge anderer Leute öffnen.
Frage: Sie hatten unter anderem auch das
Konzert im Aquarius Theater für ABSOLUTELY LIVE mitgeschnitten.
Nahmen Sie viel aus diesem Konzert für die Platte?
Jim: Es ist nicht viel vom Aquarius-Konzert
auf dem Live-Album. Das Konzert war gut, aber einerstklassiger
Abend mit Theatereinlagen ist nicht auch gleichzeitig erstklassig
bezüglich der Musik. Es geschah dort besonders physisch
eine Menge, und dieses Gefühl bekommt man nicht auf
ein Tonband. So etwas kann man auf einer Platte nicht nachvollziehen.
Es waren 1500 Leute in dem Theater, und die Stimmung, die
sie entwickelten, kommunizierte mit unserer Musik. Wir spielten
ausgezeichnet und sehr stark, jedenfalls hatte ich dieses
Gefühl. Das Aquarius-Konzert war der erste von vielen
Auftritten, die wir mitschnitten. Insgesamt ist ABSOLUTELY
LIVE aus ungefähr 24 Stunden Bandmaterial zusammengesetzt
worden. Ich glaube, daß das Album ein recht ehrliches
Dokument ist, wie die Doors an einem ziemlich guten Abend
klingen. Es ist nicht das Beste, was wir daraus hätten
machen können, aber es ist auch nicht das Schlechteste
geworden. Ich mag besonders THE CELEBRATION OF THE LIZARD,
obwohl es nicht die allerbeste Version des Stückes
ist. Aber ich bin froh, daß wir es überhaupt
mit auf die Platte genommen haben, weil ich Zweifel hege,
ob wir es sonst irgendwann veröffentlicht hätten,
denn es ist schon einige Jahre alt. Zur Zeit von WAITING
FOR THE SUN hatten wir mal versucht, eine Studioversion
zustande zu bringen, aber irgendwie klappte es nicht richtig.
Deswegen nahmen wir damals nur einen kurzen Teil daraus,
NOT TO TOUCH THE EARTH. So bin ich selbst über die
unperfekte Form froh, in der dieses Stück nun existiert.
Es ist besser, als wenn wir es niemals gemacht hätten.
Frage: Kritiker werfen Ihnen die mangelhafte
Professionalität einiger Songs vor. Es wird gesagt,
das Album sei zuwenig glatt. Wie stehen Sie zu diesem Vorwurf?
Jim: Ich meine, daß der größte
Teil der Platte sehr professionell ist. Es gibt einige Tracks,
die wir zum ersten Mal auf einer Bühne gespielt hatten
und an denen wir vorher wenig feilen konnten. In diesen
Songs sind natürlich Schwachstellen. Ich halte das
aber nicht für wichtig. Die Leute wissen nicht, wie
verschieden Live-Konzerte von Plattenaufnahmen im Studio
sind. Dort arbeitet man Tage an einem Instrumentaltrack
und stundenlang an einem Vocaltrack. Live muß man
natürlich das alles auf einmal bringen.

Frage: Können Sie eine Definition
Ihrer eigenen Person geben?
Jim: Man könnte sagen, daß es
ein Zufall war, daß ich für die Arbeit, die ich
zur Zeit leiste, ideal geeignet bin. Ich habe etwa das Gefühl,
daß ich wie eine Bogensehne ein halbes Leben gespannt
war und plötzlich losgelassen worden bin. Zunächst
bin ich Amerikaner, zweitens ein Kalifornier und drittens
ein Bürger von Los Angeles. Ich mochte immer schon
Ideen, die von Aufstand gegen die Autorität handeln.
Wenn man seinen Frieden mit der Autorität schließt,
wird man selbst zu einer Autorität. Ich mag die Ideen,
die von der Zerstörung der herrschenden Gesetze berichten.
Ich bin an allem interessiert, was sich um Aufruhr, Unruhe,
Chaos und spezielle, scheinbar unsinnige Aktivitäten
dreht. Für mich scheint das ein Weg zur Freiheit zu
sein; eine äußere Revolte ist ein Weg zu innerem
Frieden. Nicht von innen, sondern von außen her fange
ich damit an, erreiche die mentale Ebene durch die physische.
Doch das Wichtigste ist natürlich, daß wir die
Doors sind. Wir sind aus dem Westen. Die Welt, die wir aufbauen
wollen, ist ein neuer, wilder Westen, eine sinnesfreudige,
moralisch böse Welt, fremdartig und beunruhigend. Der
Pfad der Sonne, wissen Sie?
Frage: Würden Sie sich selbst als
Held bezeichnen?
Jim: Ein Held ist jemand, der gegen die
Tatsachen der Existenz rebelliert oder zu rebellieren scheint
und sie scheinbar meistert. Offensichtlich funktioniert
so etwas nur für kurze Zeitspannen und kann nicht ewig
andauern. Damit meine ich nicht, daß die Leute nicht
weiterhin gegen die Grundsätze der Existenz rebellieren
sollten. Eines Tages, wer weiß, überwinden wir
vielleicht den Tod, Krankheiten und Krieg.
Frage: Was sind Sie denn dann?
Jim: Ich halte mich für einen intelligenten,
sensitiven Menschen mit der Seele eines Clowns, die mich
immer zwingt, bei den wichtigsten Dingen zu übertreiben.
Frage: Sie selbst scheinen Ihr Erscheinungsbild
zu ändern. Sie haben zugenommen, nicht wahr?
Jim: Hmm, das ist etwas, was mich wirklich
stört. Was ist so Falsches daran, dick zu werden? Warum
ist es so unehrenhaft, zuzunehmen? Ich sehe darin nichts
Schlimmes. Ich entsinne mich an die Zeit, wo ich 185 Pfund
wog, bei der gleichen Körpergröße wie jetzt.
Ich ging noch aufs College und hatte ein Essensabonnement
in der Cafeteria. Das Essen dort war vornehmlich auf Stärke
aufgebaut, wissen Sie, billiges Essen. Ich weiß nicht
recht, aber ich verpaßte dort kein Mittagessen, begann
schon um 7.30 Uhr am Morgen mir ein Frühstück
zuzubereiten, mit Eiern, Mehl, Würstchen, Toast und
Milch. Dann machte ich ein paar Seminare mit und eilte zum
Mittagessen mit Kartoffelpüree und Fleisch und allem,
danach noch ein paar Seminare, und schon ging es ans Abendessen
mit noch mehr Kartoffelpüree. Innerhalb von 3 Monaten
wog ich 185 Pfund, und Sie werden es nicht glauben, aber
ich fühlte mich großartig. Ich fühlte mich
wie ein Panzer, wie ein riesiges Mammut. Wenn ich durch
die Korridore oder über den Rasen ging, meinte ich,
jedermann aus dem Weg räumen zu können. Ich war
massiv, Mann. Es ist schrecklich, dünn wie eine Pfeife
zu sein, weil man sonst von jedem stärkeren Wind umgeworfen
wird. Dicksein ist schön!
Frage: Wieviel wiegen Sie jetzt?
Jim: Ich weiß es nicht genau, aber
es bewegt sich so um die 150 Pfund.
Frage: Würden Sie das alles noch einmal
machen, wenn Sie die Wahl hätten?
Jim: Ich verleugne nicht, daß ich
die letzten Jahre eine ganze Menge Spaß hatte. Ich
traf eine große Anzahl interessanter Leute und habe
in einer kurzen Zeit Dinge gesehen, die ich normalerweise
nicht in 20 Jahren gesehen hätte. Nein, ich bereue
diese Zeit nicht. Könnte ich es nochmal machen, würde
ich wahrscheinlich zu einem stillen, unauffälligen
Künstler werden, der sich in seinem eigenen Garten
abrackert. Frage: Das bedeutet aber, daß Sie zum Beispiel
nicht mehr Fotos in der Art des "jungen Löwen"
machen lassen würden, oder? Jim : Ich glaube, daß
ich nie wieder für solche Fotos posieren würde.
Ich muß da wohl nicht ganz bei Sinnen gewesen sein.
Ich kann es mir heute kaum vorstellen, daß ich jemals
vor der Kamera so posierte. Ganz schön bescheuert.
Wenn ich meine Vergangenheit nochmals erleben könnte,
würde ich so etwas nicht mehr machen. Nie im Leben!
Damals dachte ich noch, ich wüßte genau, was
ich tat. Nur ist das Unangenehme an einem Foto die Tatsache,
daß - wenn es einmal gemacht worden ist, kann man
es nicht mehr zerstören, es ist für alle Zeiten
verfügbar. Ich stelle mir mit Schrecken vor, daß
ich mit 80 Jahren mir noch immer diese Fotos anschauen muß,
für die ich einmal posiert habe. Doch jetzt ist es
zu spät. Mit dem Gerede von meinem Sexappeal ist es
genauso. Wenn einmal das Gerede vorhanden ist, bleibt es
bestehen. Dabei hat jeder genau dasselbe Equipment wie ich,
jeder Mensch hat Sexappeal, biologisch gesehen. Es sind
die Journalisten und andere Presseleute, die diesen Unsinn
erfinden und verbreiten. Die Leute, die das Zeug lesen,
glauben es schließlich. Andererseits verschafft mir
dieses Image auch Beziehungen, die ich sonst wahrscheinlich
nie bekommen hätte, insbesondere zu einigen phantastischen
Frauen. So war es in der Retrospektive doch recht vorteilhaft.

Frage:
Ihre Konzerte sind des öfteren von der Zensur
gestrichen worden. Wie denken Sie überhaupt über
die Zensur?
Jim: Ich halte nichts davon, und es sollte
so etwas wie Zensur nicht geben, in keiner Form. Obszönität
ist zum Beispiel eine Frage der Definition bei jedem einzelnen.
Es hat wenig Sinn, Kinder davor zu bewahren, da manche oft
noch "schmutzigere" Ideen haben als die meisten
Erwachsenen. Als ich noch Heranwachsender war, war ich teilweise
noch "schmutziger" als jetzt, und ich war ein
altmodisches Kind! Die Silbe "ob" kommt aus dem
Griechischen und bedeutet "weg". "Szön"
kommt von dem Wort "sehen". Im Griechischen Theater
wurden gewalttätige oder beunruhigende Dinge auf einer
kleinen, an der Seite der Hauptbühne gelegenen Rampe
gezeigt - "weg-sehen": "obszön".
Die einzige tatsächliche Obszönität, die
ich erkenne, liegt in der Gewalt. "Profanität"
hingegen ist grundsätzlich gegen Gott gerichtet. Wenn
man nicht an Gott glaubt, gibt es auch keine Profanität.
Meine Religion liegt in meinem Schaffen als Reflexion des
Lebens.
Frage: Bei einigen ihrer Konzerte fanden
aber doch Krawalle und Gewalttätigkeiten statt. Hatten
Sie dieses provoziert?
Jim: In Wirklichkeit haben die Doors nie
irgendwelche Krawalle verursacht. Natürlich habe ich
mal manches angetestet und auch spontan durchgeführt,
weil ich immer von Unruhen und Ärger bei anderen Konzerten
gehört hatte. Überall gab es sowas. So versuchte
ich auch ab und zu, ein wenig Unruhe zu stiften, und nachdem
es ein paar Mal geklappt hatte, fand ich es nicht mehr so
lustig. Es bringt einfach nichts. Schon bald war es so,
daß die Leute ein Konzert nicht gelungen fanden, wenn
da nicht jeder aufgesprungen war und herumrannte. Ich meine,
es wäre besser, wenn man als Künstler während
eines Konzerts die Emotionen zurückhält, damit
alle am Ende des Konzerts die Energie mit auf die Straße
und mit nach Hause nehmen können. Das ist jedenfalls
besser, als wenn man sie sinnlos in einer Art Massenkrawall
vergeudet. Nein, große Tumulte gab es bei uns nicht.
Ich meine, bei uns artete es nie in Gewalt aus und geriet
außer Kontrolle. Einen wirklichen, dem Sinn des Wortes
entsprechenden Aufruhr gab es bei uns nie so richtig.
Frage: Besonders nach dem Zwischenfall
in Miami sind einige Ihrer
geplanten Konzerte ausgefallen. Können Sie dazu etwas
sagen?
Jim: Es ist wie ein politisches Football-Spiel,
wissen Sie? Man ließ uns Verträge für ein
Konzert unterzeichnen und knapp 2 Tage bevor wir kommen
sollten, verbot der Bürgermeister oder jemand anderer,
der unbedingt seinen Namen in der Zeitung lesen wollte,
unsere Show aus fadenscheinigen Gründen, die die Leute
gegen uns stimmen sollten. Sogar Eltern waren gegen uns,
obwohl sie noch nicht einmal unseren Namen kannten, geschweige
denn unsere Musik gehört hatten. Inzwischen lastet
die ganze Miami-Sache wie ein Albtraum auf meinen Schultern.
Manche scheinen hier wirklich an überirdische Dinge
zu glauben, und ich verleugne nicht, daß ich die Sache
in Miami forciert habe, aber der ganze Komplex wird meiner
Meinung nach zu sehr von der Presse aufgebauscht. Ich habe
mich in Miami nicht entblößt und auch keinen
Polizisten von der Bühne geworfen. Ich habe den Promoter
von der Bühne gestoßen und vielleicht ein wenig
zuviel geredet, das war alles. Wenn ich auf der Bühne
ausraste, hat das nur einen Grund: Ich kann es nicht leiden,
wenn jemand das Konzert stoppen will. Wie schon einmal in
Boston. Wir hatten gerade das Publikum in Stimmung gebracht,
da zog uns jemand den Stromstecker heraus. Ich drehte durch,
und zwar nicht nur unseretwegen, sondern auch wegen des
Publikums, das ebenfalls betrogen worden war. Als Resultat
kündigte man unseren Vertrag für das nächste
Konzert in Salt Lake City. Jedenfalls hatte ich mich in
Miami bemüht, den Mythos ins Absurde zu reduzieren,
ihn sogar auszuradieren. Es ging mir alles zu sehr auf den
Magen, darum hatte ich allem in dieser gloriosen Nacht ein
Ende gesetzt. Ich sagte dem Publikum beispielsweise, daß
sie alle ein
Haufen Idioten seien, weil sie sich zu dieser Masse von
Menschen zählten, und etwas anderes hatten sie ja auch
nicht getan. Sie kamen nicht, um einige Songs von einem
Haufen guter Musiker zu hören, sondern um etwas anderes
zu erleben. Warum hätte ich dem also nicht zustimmen
und dazu etwas beitragen sollen? Es gibt keine Gesetze bei
einem Rockkonzert. Alles ist möglich.

Frage: War das ein ausgestopftes Lamm,
was Sie während des Konzerts auf dem Arm trugen?
Jim: Nein, das war ein richtiges Lamm.
Lewis Martin, der eine Philosophie von Gewaltlosigkeit und
Vegetarismus vertritt, kam hinter die Bühne. Er hatte
dieses Lamm bei sich, was bedeuten sollte, daß man
dieses Tier töten muß, wenn man Fleisch essen
will. Während unseres Auftritts gab er mir das Lamm,
und ich hielt es eine Weile unter dem Arm. Es ist interessant:
Es herrschte eine Menge Lärm und eine große Unruhe,
aber dennoch atmete das Lamm ruhig, schnurrte fast wie eine
Katze. Ich glaube, der Spruch über die Lämmer,
die zur Schlachtbank geführt werden, ist wahr.
Frage: Haben die Doors inzwischen genug
verdient, um sich zur Ruhe setzen zu können?
Jim: Oh ja, ich kann inzwischen in jedes
Restaurant gehen und das bestellen, was ich will. Und ich
muß nicht mehr in die billigen 50-Cent-Kinos gehen,
wenn ich einen Film sehen will. Nein, aufhören werde
ich nicht, dazu bin ich einfach zu gierig. Ich möchte
mir bald eine Bar aus purem Gold leisten können. Niemand
kann mich stoppen, haha! Es ist so, als wenn man einem Indianer
Whiskey gibt! Doch Scherz beiseite; ich meine, es ist fast
unmöglich, sich einfach zurückzuziehen, mit all
den Steuern und niemals mehr zu arbeiten. Das System hält
uns fest, und wenn man zu fliehen versucht, bleibt es an
einem kleben. Nach ein paar Jahren trocknet es Dich aus.
Es scheint unmöglich zu sein, sich aus einer kapitalistischen
Gesellschaft zurückzuziehen. Ich habe schon früher
mal gesagt, daß ich das Geld liebe, weil es die Seele
betrügt. Es ist eine Form der Kommunikation, wissen
Sie? Wenn Sie das Glück haben, viel Geld zu verdienen,
sollten Sie es kreativ als Spekulationsobjekt einsetzen.
Investieren Sie nicht in Gold oder Diamanten, sondern in
Dinge, die Neues schaffen.
Frage: Man behauptet, daß Rockstars
wie Al Wilson, Janis Joplin und Jimi Hendrix gestorben seien,
weil sie "ausgebrannt" waren. Wie lautet Ihre
Theorie dazu?
Jim: Ich vermute, daß der große
Ausbruch an kreativer Energie vor einigen Jahren für
sensitive Leute schwer durchzuhalten war, sie vermutlich
immer auf dem Höhepunkt ihrer Karriere sein wollten
und mit allem darunter unzufrieden waren. Doch als die Realität
ihre innere Vision nicht mehr erfüllen konnte, wurden
sie wahrscheinlich depressiv. Aber das ist nicht meine eigene
Theorie, warum solche Leute sterben. Es könnte Selbstmord,
aber auch Mord gewesen sein. Es gibt eine Menge Arten zu
sterben, ich weiß es wirklich nicht.
Frage: Wie wollen Sie einmal sterben?
Jim: Ich hoffe, im Alter von 120 Jahren
mit einem glücklichen Gefühl in einem hübschen,
komfortablen Bett zu sterben. Ich will dann niemanden bei
mir haben, möchte nur ruhig hinwegdriften. Und ich
möchte bei Bewußtsein sterben, ich will diesen
einzigartigen Augenblick voll erfahren. Aber das hat hoffentlich
noch Zeit, das Leben ist noch zu interessant. Auch meine
ich, daß die Wissenschaft es noch in unserer Generation
schaffen wird, den Tod zu besiegen.

(Zusammengestellt und übersetzt von Rainer
Moddemann)
Rainer Moddemann ist der Herausgeber des Doors Quarterly
Magazines sowie Autor einiger Doors-Bücher.
Dieses zusammengestellte Interview fand in dieser vorliegenden
Form nicht statt. Es wurde aus etwa 18 verschiedenen Interviews
aus der Zeit von 1966-1971 konstruiert, um in kompakter
Form Ideen und Meinungen Jim Morrisons wiederzugeben.
Diese Zusammenstellung erschien erstmalig 1991 in Rainer
Moddemanns Buch "Doors", Heel Verlag, Königswinter.
The
DOORS of the 21st Century
Interview mit Ray Manzarek [06/2004]
© und ® by Michael Kulueke [17.08.2005],
Original
Wenn
man einmal jeden Venustransit sein Chaos an CDs und MDs
aufräumt, kommen manchmal ungeahnte Schätze zutage,
so bei mir zum Beispiel ein Interview mit dem THE DOORS-Keyboarder
Ray Manzarek aus dem letzten Jahr.
Anlässlich der THE DOORS (OF THE 21ST CENTURY)-Tour
durch ganz Europa ward mir die Gelegenheit zuteil, ihm ein
paar Fragen über den Jim Morrison-Ersatz Ian Astbury
(Ex-THE CULT), die Problematik der Wiederbelebung einer
Rocklegende und Zukünftiges zu stellen.
Der
ganze Vorlauf des THE DOORS-Gigs in Bonn gestaltete sich
als extrem überraschungshaltig, so haute die Ankündigung
"Hey, du kannst nicht nur auf's Konzert gehen, du bekommst
auch ein INTERVIEW!" einen völlig von den Socken.
Dann vor der Museumsmeile die Ernüchterung: das Tourmanagement
zeigte sich erstmal unwissend.
"Interview?
Wir wissen nichts von einem Interview!"
Dann
eine Viertelstunde beharrlichen Wartens einschieben, um
schließlich wortlos vom Tourmanager persönlich
in den Backstagebereich der Museumsmeile geführt zu
werden, die sich mit langen weißen Gängen und
aufgehängten Postern von im Museum ausgestellten Urzeit-Toten
ziemlich unheimlich gestaltet.
Was erwartet einen am Ende von weißen Gängen
normalerweise? Gott? Ach bitte...der Mann ist zwar Teil
einer der größten Legenden der Musikwelt, aber
solche Gedanken wirken trotzdem sofort absurd.
Als sich dann schließlich eine Tür öffnet
und man nur einen grauhaarigen Mann im weißen Schlabberhemd
mit dem Gesicht zum Fenster auf einem Stuhl genüsslich
eine Zigarette rauchen sieht, denkt man trotzdem irgendwie
direkt an den Schöpfer. Gut, der Schöpfer würde
einen wahrscheinlich nicht mit breitem Grinsen, Handschlag
und "Hallooooo Michael!" begrüßen.
Außerdem schlägt sich der Schöpfer nicht
seit Ewigkeiten mit dem Vorwurf rum, Jesus postmortem kommerziell
auszuschlachten. Deshalb spare ich mir den Kniefall, und
konzentriere den hartnäckig um verlorenen Posten kämpfenden
Rest meiner Selbstbeherrschung auf meine Stimmbänder
und versuche so locker wie möglich zu klingen, was
dem Menschen vor mir nur ein sanftes Schmunzeln entlockt
(was übrigens stark daran erinnerte wie Gandalf Frodo
in "was für ein dummer Hobbit"-Manier anlächelte).
Merke: so sollte kein professionelles Interview anfangen!
Man
bekommt ein Wasser angeboten (was sehr irdisch wirkt), während
sich Mr. Manzarek selber mit nichts anderem als Rotwein
begnügt (was sehr unirdisch wirkt). Um die Aufregung
niederzukämpfen werden erst einmal die Standardfragen
in die Schlacht geschickt.
Die
Tour soweit? Schließlich war man vorher in den Niederlanden,
Frankreich und England zu Gast, wobei Frankreich nicht nur
wegen der Todes- und Ruhestätte des vor mehr als 30
Jahren verblichenen THE DOORS-Frontlyrikers Jim Morrisson
schon fast als die Hochburg der Band gilt.
Großartig seien die Shows bisher gewesen, man sei
mit der Band schließlich zum ersten Mal seit dem Tod
Morrissons in der "alten Welt" zu Besuch, aber
trotzdem, oder gerade deshalb, seien die Publikumsreaktionen
fantastisch gewesen, die Menge wäre jedes Mal mehr
als nur ekstatisch zu der Musik abgegangen. In Holland hätte
es während eines Konzerts geregnet, woraufhin die Band
den Evergreen 'Riders On The Storm' gespielt hätte,
was für eine phänomenale Stimmung gesorgt hätte.
Die
Fanreaktionen auf die Ankündigung der Tour mit einem
neuen Sänger wären auch sehr enthusiastisch gewesen.
Die Leute hätten schließlich eine halbe Ewigkeit
auf diese Gelegenheit gewartet, und man bräuchte nicht
davon ausgehen dass die Doors bis zum Ende der Zeit weitertouren
würden. Es würde nur diese Tour geben, und vielleicht
eine mehr, aber das wäre es dann was die Welt live
von der Band zu erwarten hätte.
Die
Ernennung von Ian Astbury, der während einer VH1-Session
mit zahlreichen anderen Sängern (Pete Farell von JANES
ADDICTION, Scott Stapp von CREED und Scott Weiland von VELVET
REVOLVER) zu der Musik der Originalband sang, als Ersatz
für Jim Morrisson könnte kritischer und umstrittener
nicht sein, wenn man davon absieht dass wohl jeder Sänger
auf diesem Posten so stark beobachtet werden würde
wie die Ankündigung einer demokratischen Wahl in Nordkorea!
Manzarek zeigt sich trotzdem zuversichtlich, bisher hätte
das Publikum Ian aus der Hand gefressen, der Mann brächte
soviel Energie auf die Bühne dass es das Volk quasi
umhaue wenn er die Texte des Jim Morrisson anstimmen würde.
Im gleichen Atemzug betont der Mensch vor mir dass Ian auf
keinen Fall versuchen würde Morrisson zu kopieren,
was natürlich auch nicht möglich sei, aber er
wäre mit Jim auf einer Wellenlänge, würde
sich auch für die Spiritualität der amerikanischen
Indianer, Buddhismus, und "Schamanism" interessieren,
und sowieso: "he has a fabulous voice".
Die
komplexen Texte von Jim Morrisson seien kein Problem für
den ehemaligen THE CULT Sänger, er würde die Texte
verinnerlichen, sie aber als Ian Astbury singen. Robby Krieger
(Gitarre) und er hätten Astbury selber empfohlen nicht
als Jim Morrisson auftreten zu wollen, sondern als Ian Astbury
der einfach nur die Worte Jim Morrissons singt, mehr nicht.
Ein Problem wäre das nicht, denn Jim Morrisson selber
wäre für diese Tour gewesen, als ein Poet wäre
er die ganze Zeit darauf bedacht gewesen dass seine Worte
weiterlebten, und dass taten sie schließlich durch
dieses Revival.
"So here we are, 30 years after Jim's death, and his
words are still alive, sung by Ian Astbury, and Ian does
a wonderful job singing them."
THE
CULT ist nun nicht gerade eine Band die den DOORS nahe steht.
Und so sieht Ray auch keinerlei Beziehung zwischen diesen
Bands, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass THE
DOORS nun eben den THE CULT-Sänger am Mikro stehen
hätten, das wärs dann aber auch.
Im
Vorfeld des Revivals hatte es eine kleine, aber umso heftigere
Schlammschlacht zwischen Krieger, Manzarek und dem Drummer
John Densmore gegeben, welcher zusammen mit Stewart Copeland
und der Familie Morrisson verhindern wollte dass die DOORS
wieder auf Tour gingen, was schließlich darin endete
dass Manzarek und Krieger sich jetzt nur THE DOORS (OF THE
21ST CENTURY) nennen dürfen.
Die schmerzerfüllte Miene die Manzarek bei diesem Thema
zieht wirkt ziemlich aufgesetzt, die Erleichterung darüber
jetzt doch noch auf Tour gehen zu können jedoch echt.
Die Band hätte soviel Energie, soviel "Chi"
wie die Chinesen sagten, und jene die nicht daran teilnähmen
wären irgendwie verrückt geworden und hätten
schlichtweg gemeint dass man so was nicht ohne Jim Morrisson
durchziehen könnte. Dass Jim Morrisson jetzt seit 30
Jahren auf dem Père De Lachaise-Friedhof in Paris
für durchdrehende Friedhofswärter und Nekrophile
Späthippies sorgt, scheint die Protestbewegung dabei
nicht zu stören. Robby und er selber wollten einfach
nur die Songs noch einmal für die Fans spielen, nur
ein, zwei Mal, das ist alles was sie wollten, und das ginge
natürlich nur mit einem neuen Sänger.
Ob
das jetzt aufgesetzt klingt mag man nicht sagen. Was ist
verlogen, was ist echt? Natürlich ist der finanzielle
Aspekt der wohl ausschlaggebendere gewesen, Manzarek und
Krieger hatten es ohne Morrisson später nie geschafft
etwas nur annähernd erfolgreiches auf die Beine zu
stellen. Andererseits klingt die Phrase "playing for
the people" bei einer Band wie THE DOORS auch nicht
an den Haaren herbeigezogen, schließlich schafft ihre
Musik es nach wie vor immer wieder neue Menschen zu begeistern
und sie zu inspirieren. Trotzdem, der bittere Beigeschmack
der in ein Interview gepackten Werbung wird man nicht los,
vor allem weil Manzarek betont, dass man im Moment nichts
anderes laufen hätte als THE DOORS. Robby Kriegers
Projektband sei ebenso Geschichte wie THE CULT von Ian Astbury,
und von seinen eigenen Versuchen, Solo Fuß zu fassen
spricht der Mensch vor mir erst gar nicht.
THE
DOORS sind nun keine stinknormale Rockband, zu Zeiten wo
die Rockmusik wie wir sie kennen noch auf den großen
Durchbruch wartete, waren Jim Morrisson, John Densmore,
Robby Krieger und Ray Manzarek die ersten, die Rock'n'Roll
mit Blues, Jazz und weltmusischen Tönen verbanden,
und stellen einen Einfluss auf nahezu jede musikalisch anspruchsvolle
Rockband dar.
Ray sieht dieses Thema recht locker. THE DOORS stellen halt
eine Inspiration für neuere Rockbands dar wie MUDDY
WATERS, JOHN COLTRANE und MILES DAVIS eine Inspiratation
für THE DOORS waren, wichtig sei ihm nur dass jeder
seine eigene Welt in seine Musik einbringt, und nicht nur
stumpf nachspielt.
"Be influenced by people and bands from the past, but
make your own music for the future, that's the pass of time."
Apropos
"pass of time"...
...alles würde sich ändern. Man würde durch
die Zeit gehen, und das Leben sähe an jedem Tag anders
aus, aber etwas würde sich nie ändern: die Texte
von Jim Morrisson und Robby Krieger seien damals wie heute
gültig. Bestes Beispiel: "America is at war again!"
Die Staaten, nein, George W. Bush würde die Gesellschaft
zerstören, er hat die Staaten in einen Krieg geführt,
die Reichen würden Steuererlässe bekommen und
sowieso sei alles wieder wie in den 60ern. Und sie seien
halt losgezogen um "Stop!" zu sagen, und die Leute
daran zu erinnern "that they have to fall in love again,
they have to love the planet instead of trying to destroy
it".
Klingt
ziemlich politisch, dafür dass Jim Morrisson seine
Texte stets als rein metaphysisch bezeichnete.
Da widerspricht Manzarek energisch, THE DOORS wären
seit Ewigkeiten politisch, und würden es auch immer
sein. Alleine THE DOORS zu spielen wäre ein politischer
Akt und Jim Morrissons Metaphysik wäre heute ebenso
nötig wie vor 30 Jahren um uns jungen Leuten klarzumachen,
dass dieser Planet alles ist was wir haben, und wir uns
verdammt noch mal Sorgen um ihn zu machen hätten. Dies
wäre schließlich der Garten Eden!
"But we're hoping, well, Robbie and I as old hippies
are hoping that the young people realize that they can change
planet earth, they can change the way things are done and
turn it into a loving garden of eden one more time."
Ehm,
natürlich. Wo wir schon bei Weltverbesserern sind:
Pete Townshend von THE WHO klatschte Michael Moore in einem
Streit an den Kopf, dass dieser erst den Beweis zu erbringen
hätte dass eine Kamera die Welt mehr verändern
könnte als es eine Gitarre vermag.
Manzarek wiegelt bei diesen Worten ab. Natürlich sei
Rock'n'Roll die Musik die überall auf der Welt gehört
würde, in Island, Japan, Brasilien, dem Nordpol. Und
Rock'n'Roll sei schließlich die Musik junger Menschen
die sich der Liebe, der Macht, dem Leid und dem Leben verschrieben
hätten, und die Musik sei halt eine idealistische Bewegung,
nur dass es heute nur wenige so wahrnehmen. Aber man könne
die Welt auch mit einer Kamera verändern, und "Fahrenheit
911" sei etwas dass sich jeder mal reinziehen sollte,
damit George W. endlich aus dem Amt fliegt, weil sie einfach
einen neuen Präsidenten haben wollten damit Europa
und Amerika sich endlich wieder näher kommen könnten,
denn sie seien ja in Wirklichkeit alle Europäer, nur
etwas ab vom Festland.
Zurück
zur Musik. Das Klischee eines Revivals verspricht auch immer
neues Material einer Band, und bei THE DOORS (OF THE 21ST
CENTURY) würde es nicht anders sein. Der lyrische Faktor
würde beibehalten, in dem man die Texte von Autoren
wie Jim Caroll ("The Basketball Diaries"), Jim
Morrissons poetischen Mentor Michael McClure, einem ominösen
John Doe und anderen Autoren zu denen von Robby Krieger,
Ian Astbury und ihm selber gesellen würde.
Die Tatsache dass es Menschen gibt, die meinen, dass THE
DOORS in dem Moment gestorben wären, in dem Jim Morrissons
Herz aufhörte zu schlagen, lässt Manzarek nur
kurz mit den Schultern zucken. Jim sei der Sänger gewesen,
die Musik hätten er, Krieger und Densmore geschrieben,
und sie seien diejenigen die noch lebten. Wenn man Jim Morrisson
sehen will, muss man sich gedulden bis man tot sei, aber
ansonsten kann man sich die großartige Version mit
Ian Astbury ansehen.
"We're the people who made the music, and if you want
to hear THE MUSIC of the doors, with Ian Astbury singing
THE WORDS of Jim Morrison, this will be your show."
Einen
Gig in Paris zu spielen, in der Stadt die Morrissons letzte
Ruhestätte beherbergt, stellt natürlich auch eine
Möglichkeit dar...
...Manzarek nickt abwesend mit dem Kopf, man würde
jede Gelegenheit wahrnehmen bei Jim vorbeizuschauen, "saying
hi and telling the news". Nun, Jim Morrisson ist tot,
und er wünschte dem wäre nicht so, weil er ihn
als Freund vermisse, aber das ließe sich einfach nicht
ändern. Jim Morrisson sei in den Äther zurückgekehrt,
in die Energie die alle Lebewesen umgäbe, in das Reich
in das alle toten Rocker und alle toten Existenzen zurückkehren
würden.
Den kritischen Blick bei soviel Hippie-Rhetorik quittiert
Manzarek mit einem gespielten Lächeln. "Hippies
aren't dead, you know? Just a few of them!"
Bei
mehreren Jahrzehnten Bühnenerfahrung gab es dennoch
noch Wünsche die auf Manzareks Liste standen. So wollte
der Mensch schon immer mal in Indien und China auftreten,
die Band hätte nie die Chance gehabt, dorthin zu touren.
Weil
die Musik der Doors generell sehr von asiatischen Kulturen
beeinflusst ist?
Exakt,
ganz genau...Manzarek grinst zufrieden und spricht ganz
nebenbei ein Lob auf den deutschen Wein aus. Jim und er
hätten schließlich die UCLA besucht, und dort
die Chance bekommen, einen Haufen asiatischer Filme wie
z.B. "Mr. Goochy" und "Ceoaraceu" zu
sehen, was das Harmonieverständnis der Band später
stark beeinflusst hat. Und diese Länder wollte er halt
erleben, sie hätten zwar in Japan gespielt, und Japan
wäre großartig gewesen, aber nun wollten sie
endlich nach Indien und China kommen, um dort ihre Musik
zu testen.
Dass
man mit dem Alter nicht gemütlich wird, sondern sich
immer noch irgendwie seine Brötchen zusammenverdienen
muss, zeigt die abschließende Auflistung seiner aktuell
laufenden Projekte. Nachdem man mit der 21st Century-Version
seiner THE DOORS nunmehr die ROBBY KRIEGER BAND, die eh
schon toten THE CULT und sein eigenes Soloprojekt überflüssig
gemacht hat, erübrigt sich die Frage nach weiteren
musikalischen Aktivitäten. Einen Atemzug später
weist Ray auf die DVD "Lovin' Her Madly", hin,
die auch nach einem THE DOORS-Song benannt ist, desweiteren
hat Mr. Manzarek einen Haufen Bücher herausgebracht,
unter anderem den Titel "Light My Fire - My Life With
THE DOORS" in welchem er die Geschichte der Band (aus
seiner Sicht) beschreibt (während Mr. Densmore in einem
anderen Buch Manzarek vorwirft Jim Morrisson postum zu heroisiseren
und ihn damit kommerziell auszunutzen). Und einen Roman
mit dem Titel "The Poet In Exile" hätte er
auch noch herausgebracht, in welchem es um einen jungen
Sänger geht der ziemlich nach der Art von Morrisson
schlägt und nicht in Paris stirbt, sondern sein Leben
mit der Band weiterlebt (also summa sumarum ein Buch über
die So-wars-aus-meiner-Sicht-gewesen-Zeit und eins über
die So-hätte-es-sein-können-hätte-dieses-blöde-Herz-nicht-aufgehört-zu-schlagen-Zeit).
Außerdem arbeite er zur Zeit auch noch an einem Buch
namens "Snakemoon".
Ziemlich viel Morrisson für einen Menschen der schon
seit knapp 30 Jahren ohne seinen Freund und Frontmann leben
muss, und der Vorwurf der Ausschlachtung des Morrisson-Mythos
lässt sich nicht aus dem Kopf verbannen wenn man die
ziemlich trocken davon sprechende Stimme Ray Manzareks hört.
Dass das ganze THE DOORS (OF THE 21ST CENTURY)-Projekt jedoch
nur auf dem finanziellen Aspekt beruht, das kann kein Mensch
mehr glauben der die Band eine gute halbe Stunde später
live mit so viel Herzblut die alten Klassiker wieder ins
Leben rufen sieht.
Ray
Manzarek zeigte sich als Mensch der einerseits sehr locker
mit seiner Geschichte als Rocklegende umgeht, andererseits
aber immer noch dem Regelwerk einer Institution unterworfen
ist, die es zu Jim Morrissons Zeiten noch gar nicht in dem
Umfang gab: der Musikindustrie.
So bleibt nach dem Interview ein fader Beigeschmack wenn
man daran denkt wie Manzarek über den Planeten und
sein Weltbild sprach, andererseits aber der quasi aufgezwungene
Bezug auf Jim Morrisson und das quasi-Sakrileg der Wiederbelebung
dieser Band einfach nur darauf wartete angesprochen zu werden.
Im
Nachhinein bleibt es wie immer einem selbst überlassen,
ob man die Forcierung der Morrisson-THE DOORS-Legende durch
Manzarek als Opfer an den schnöden Mammon hinnimmt,
und sich der immer noch lebendigen Musik der Band live oder
auf Platte hingibt, oder ob man den Mythos um jeden Preis
geschützt sehen will, und sich lieber mit der Frage
beschäftigt warum die restlichen Bandmitglieder es
nie geschafft haben aus dem bunten Schatten ihrer Vergangenheit
zu treten.
Die Frage nach dem "warum" ob des umkämpften
Revivals kann man jedoch ohne zu zögern beantworten:
weil sie es im Gegensatz zu Jim Morrisson einfach noch können.

Dieser Bericht stammt aus der Feder von Michael
Kulueke
Dieses
folgende Interview wurde über einen längeren Zeitraum
von meinem Freund Jürgen Bamberg (JLK) aus HH mit Leon
Bernard, dem Ex Pressesprecher der DOORS geführt.
Ich
danke Jürgen dafür, dass ich dieses Interview
auf meiner HP ausstellen darf.
Gernot W. Freudenberger
Rebellen
mit College-Abschluss
(Quelle: http://archiv.tagesspiegel.de/archiv/04.04.2006/2383238.asp
-
04.04.2006 )
Doors-Gründer
Ray Manzarek erklärt, wie es war, vor 40 Jahren jung
zu sein – und was daraus wurde Kommende Woche spielt
er mit Robby Krieger und den „Riders on the Storm“
in Berlin
Gut
40 Jahre ist es her, dass in Los Angeles zwei junge Männer,
Ray Manzarek und Jim Morrison, eine Band gründeten.
In der Folge wurden The Doors eine der bedeutendsten Rockgruppen
der Welt. 1971 starb Morrison, danach löste die Band
sich auf. Kürzlich taten sich Manzarek und Doors- Gitarrist
Robby Krieger wieder zusammen, jetzt kommen sie mit dem
neuen Sänger Ian Astbury nach Berlin. Wegen eines Rechtsstreits
nicht als The Doors, sondern als „Riders on the Storm“.
Lars von Törne, Jahrgang 1969, ließ sich von
Manzarek, Jahrgang 1939, erklären, wie es sich vor
40 Jahren anfühlte, jung und wild zu sein.
Zum
Interview:
Herr Manzarek, ich habe hier ein Foto von Ihrer Europatournee
1968. Da sehen Sie ziemlich wild aus, aber Ihr Publikum
trägt Schlips und Kragen, kurze Haare …
Sehen
Sie: Diese Oldtimer stehen für das, gegen das wir rebelliert
haben!
Was
für eine Atmosphäre war das damals, 1965, als
Sie die Doors gründeten?
Oh,
das könnt ihr jungen Leute euch gar nicht mehr vorstellen.
Als wir Anfang, Mitte 20 waren, haben wir ernsthaft gedacht,
wir könnten die Welt verändern. Einen Ort der
Freiheit, Harmonie und Liebe schaffen. Wir haben danach
gestrebt, wahre Christen zu werden …
Sie
hören sich an wie ein Prediger.
Mit
Kirche hat das nichts zu tun. Uns ging es darum, den Zielen
von Jesus Christus zu folgen, der sagte: Liebe deinen Nächsten
wie dich selbst. Das war es, was wir wollten. Wir betrachteten
die anderen Menschen als Fortsetzung von uns selbst. Die
Einheit aller Dinge.
Klingt
abgedreht.
Nun,
wir haben LSD genommen, Pilze, Pejote, bewusstseinserweiternde
Substanzen. Wir haben die Pforten der Wahrnehmung geöffnet
und sind auf die andere Seite gelangt. Das war eine Zeit,
in der junge Menschen nach Aufklärung strebten und
die Welt vor jenen Katastrophen schützen wollten, die
uns heute wieder bedrohen – Krieg, Hass, Gewalt.
Glorifizieren
Sie die Vergangenheit nicht ein wenig?
Glauben
Sie mir, es war ein enormer Umbruch. Aber das versteht ihr
jungen Leute erst, wenn auch ihr die Pforten eurer Wahrnehmung
öffnet.
Denken
Sie mit Nostalgie zurück?
Natürlich,
es war die Zeit, als wir jung und hart und verrückt
und verliebt waren – lebendig eben. Wir hatten einen
neuen Stamm gegründet von Menschen, die anders leben
wollten. Wir liebten einander, liebten die Erde. Wir waren
die Generation, der die Welt offen lag. Der Krieg war vorbei,
wir waren die Ersten, die ihr Leben frei bestimmen konnten.
Und wir machten etwas anderes draus, als unsere Eltern es
geplant hatten. Ich zum Beispiel sollte Rechtsanwalt werden.
Und Jim Morrison sollte zur Marineakademie gehen oder Diplomat
werden.
Stattdessen
wurden Sie Rockmusiker. Das muss ein Schock für Ihre
Eltern gewesen sein.
Absolut.
Das war revolutionär. Das hatte es vorher nicht gegeben.
Alle sagten: Musik? Davon könnt ihr doch nicht leben!
Aber wir haben den Sprung gemacht. Das war das Besondere
an jener Zeit: Wir haben uns der göttlichen Energie
hingegeben – und wurden gerettet.
Hört
sich ziemlich abgehoben an.
Aber
so waren wir damals nun mal drauf: psychedelisch.
Wieso
stachen die Doors aus dieser allgemeinen Jugendbewegung
so heraus?
Vielleicht
weil unsere Musik auf Jazz und Blues basierte und nicht
diesen Country-Sound hatte, diesen Jingel-Jangel-Gitarrenklang.
Und wir bestanden im Gegensatz zu anderen Bands aus Leuten
mit College-Abschluss, wir kannten unsere Philosophen wie
Nietzsche und wussten etwas über europäische Künstler
wie Brecht und Weill.
Wie
wichtig waren Äußerlichkeiten, Ihre langen Haare
zum Beispiel?
Das
war revolutionär. Die Norm war bis dahin, dass alle
mit Armeehaarschnitten rumliefen. Wir ließen unsere
Haare wachsen und zeigten: Wir sind kein Teil des militärisch-industriellen
Establishments mehr. Wir sind wild und frei.
Ihre
Band war berühmt auch für die sexuellen Anspielungen
…
Ja,
die waren sehr wichtig, auch wenn wir das gar nicht absichtlich
einsetzten. Es war einfach das erste Mal, dass man auf der
Bühne freizügiger sein und Sexualität thematisieren
konnte.
Hin
und wieder wurde Jim Morrison deswegen auch eingesperrt.
Natürlich.
Wir brachen mit der Generation unserer Väter. Kein
Wunder, dass die sich wehrten.
Stichwort
Drogen …
Die
60er Jahre sind ohne LSD und Marihuana nicht denkbar. Diese
Substanzen ermöglichten uns einen völlig neuen
Blick auf die Dinge. Ohne sie wäre das kaum denkbar
gewesen.
Viele
kommen heute gut ohne so was aus.
Natürlich,
man kann Yoga machen, Zen und so weiter. Aber Amerika brauchte
damals eine Radikalkur. Lasst uns so viele Leute wie möglich
so schnell wie möglich zur Erleuchtung bringen. Da
waren LSD, Hasch oder Pilze ganz praktisch.
An
interview in 2 languages
Ein Interview in zwei Sprachen
by
Leon Barnard
von Leon Barnard
Die
Fragen für dieses Interview habe ich unter Mithilfe
von Freunden zusammengestellt, bei denen ich mich auf diesem
Wege herzlich bedanken möchte.
Mein besonderer Dank geht an Leon.
The
questions for this interview I collected with the help of
friends, whom I'd like to thank very much.
Special thanks to Leon!

Leon Barnard, Ex-Pressesprecher der DOORS
Part
One
November 6, 2004
My
Relationship with Jim Morrison
Meine Beziehung zu Jim
JLK:
When did you meet Jim Morrison for the first time?
Wann hast du Jim Morrison das erste Mal getroffen?
Leon Barnard:
Early September 1968. I was standing outside the Royal Lancaster
Hotel in London, waiting for limousines to take us to the
Roundhouse Chalk Farm outside the city for rehearsals. The
DOORS had just arrived in England a couple of days before,
and I had hitchhiked from Copenhagen where I had been promoting
them. And even though I wasn’t officially on their
payroll yet, I managed to get good results and my reputation
as a “blabber mouth” spread from Beverly Hills
to New York City, London, Stockholm, Frankfurt, etc., throughout
Western Europe. And as I traveled I sent notes back to Bill
Siddons at The DOORS’ office in L.A., including newspaper
clippings and other pieces of proof of my successes.
Anfang September 1968. Ich stand gerade vor dem Royal Lancaster
Hotel in London und wartete auf Limousinen, die uns zur
Roundhouse Chalk Farm außerhalb der Stadt zum Proben
bringen sollten. The DOORS waren ein paar Tage zuvor in
England angekommen und ich war per Anhalter aus Kopenhagen
hierher gefahren, wo ich sie promotet hatte. Und obwohl
ich noch nicht offiziell für sie arbeitete, klappte
das gut und mein Ruf als ein „Plappermaul“ verbreitete
sich von Beverly Hills nach New York City, London, Stockholm,
Frankfurt usw. … quer über Westeuropa. Und während
ich reiste, schickte ich Nachrichten an Bill Siddons im
Büro der Doors in L.A., u.a. Zeitungsausschnitte und
andere Beweise für meinen Erfolg.
What I didn’t know was, Jim Morrison had been reading
my letters and had taken a liking to me; forming a kind
of distant bond that hadn’t quite matured yet into
the real thing. So when I showed up in England unexpectedly
(on the day before my first eyetoeye meeting with Jim) Bill
Siddons hired me on the spot to represent The DOORS on their
first tour of Europe.
Was ich nicht wusste war, dass Jim Morrison meine Briefe
gelesen und Gefallen an mir gefunden hatte; dadurch war
eine Art entfernte Verbindung entstanden, die noch zu nichts
Realem gereift war. Als ich also unerwartet in England auftauchte
(einen Tag vor meinem ersten persönlichen Treffen mit
Jim), engagierte mich Bill Siddons vom Fleck weg, um die
DOORS bei ihrer ersten Europatournee zu vertreten.
On the day that Jim and I first shook hands, I was reading
a Melody Maker music magazine, and as my eyes gazed up to
the horizon of it I saw cowboy boots sauntering in my direction.
And then leather pants, topped by a loose-fitting fluffy
white shirt with Jim Morrison inside it.
An dem Tag, an dem Jim und ich das erste Mal unsere Hände
schüttelten, las ich gerade ein Melody Maker Musikmagazin
und als meine Augen zum Horizont blickten, sah ich Cowboystiefel,
die in meine Richtung schlenderten. Dann Lederhosen, darüber
ein locker sitzendes flauschiges weißes Shirt mit
Jim Morrison darin.
“Hi,
I’m Jim,” he greeted, thinking I was an English
roadie or something, offering his hand. Checking out my
bare feet. “Don’t you ever cut your feet? Or
catch colds?” “Nah, my feet are sensitive to
touch. I grew up at the beach, and I’ve been going
barefoot since I was a kid. And I don’t usually catch
colds; I’m in good heath,” I
answered. “Hi, my name’s Leon.” Shaking
his hand.
“Hi,
ich bin Jim”, grüßte er, denn er dachte
wohl, ich sei ein englischer Roadie oder so, und bot mir
seine Hand an. Betrachtete meine nackten Füße.
„Schneidest du dir nie in die Füße? Oder
erkältest dich?“ – „Nö, meine
Füße sind berührungsempfindlich. Ich bin
am Strand aufgewachsen und bin barfuß gelaufen, seit
ich Kind war. Und ich hole mir normalerweise keine Erkältung,
ich bin gesund“, antwortete ich. „Hi, mein Name
ist Leon.“ Und ich gab ihm die Hand.
“--Hey,
you’re the guy in Copenhagen!” he exclaimed.
“I’ve been reading your letters. Get in.”
(opening the door to the limo, offering me a seat between
he and Pam) And during the drive to the Chalk Farm Jim interviewed
me about what I had been doing in Copenhagen, asking me
questions about the Danish people, etc., and seemed genuinely
interested and carefully listened to my answers. I was not
“starstruck,” so the conversation between the
three of us was open and casual. And this was the first
thing I noticed during my first meeting with Jim Morrison:
He listened.
“--
Hey, du bist der Typ in Kopenhagen!”, rief er. „Ich
habe deine Briefe gelesen. Komm rein.“ (Er öffnete
die Tür der Limo und bot mir einen Platz zwischen ihm
und Pam an.) Und während der Fahrt zur Chalk Farm befragte
Jim mich darüber, was ich in Kopenhagen gemacht hatte,
stellte Fragen über die Dänen usw. und wirkte
ehrlich interessiert und hörte meinen Antworten sorgfältig
zu. Ich war nicht vor Ehrfurcht erstarrt, daher war das
Gespräch zwischen uns Dreien offen und locker. Und
das war das Erste, was mir bei meinem ersten Treffen mit
Jim Morrison auffiel: Er hörte zu.
JLK:
How would you describe your relationship with Jim?
Wie würdest du deine Beziehung zu Jim beschreiben?
Leon
Barnard:
Jim Morrison and I formed an immediate symbiotic relationship
based on mutual respect. I was too naive in those days to
even have a thought about exploiting him for any reason
- and he sensed this - and we just became friends. Mutual
respect, are the two key words here. And I just found out
a couple of weeks
ago, that Jim used to refer to me as “Mr. Good Vibes,”
when talking about me to others.
Jim Morrison und ich hatten sofort eine symbiotische Beziehung,
die auf gegenseitigem Respekt gründete. Ich war damals
zu naiv, um auch nur daran zu denken, ihn aus irgendeinem
Grund auszunutzen – und das spürte er –
und wir wurden einfach Freunde. Gegenseitiger Respekt, das
sind die richtigen zwei Wörter. Und erst vor ein paar
Wochen habe ich erfahren, dass Jim anderen gegenüber
über mich als „Mr. Good Vibes“ sprach.
JLK:
Since you were his press agent:
What did Jim think about journalists and the media in general?
Da du sein Presseagent warst:
Was dachte Jim über Journalisten und die Medien allgemein?
Leon
Barnard:
I’d say Jim outsmarted those who tried to trick him
into making comments he knew would be turned against him.
He had a very astute sense of “human behaviour,”
and when people tried to “play games?” he would
get up and walk out on them. No excuses, no nothing; just
a disappearing act that usually left them speechless.
Moreover I think he respected the craft of “writing
for a living,” but he knew a vulture when he saw one,
whether they were dressed in high heels and an evening dress,
or a button down suit with a fancy tie: “A vulture
by any other name is still a vulture.” We’ve
all met them.
Ich würde sagen, Jim trickste diejenigen aus, die versuchten,
ihn dazu zu bringen, Kommentare zu geben, von denen er wusste,
dass sie gegen ihn verwendet würden. Er beobachtete
menschliches Verhalten sehr genau und wenn Leute versuchten,
mit ihm zu spielen, stand er auf und ließ sie sitzen.
Keine Entschuldigung, gar nichts; einfach ein Verschwinden,
das die anderen normalerweise sprachlos zurück ließ.
Darüber hinaus denke ich, respektierte er die Kunst
des Schreibens für den eigenen Lebensunterhalt, aber
er erkannte einen Geier wenn er einen sah, auch wenn sie
hochhackige Schuhe und Abendkleid oder Anzug und schicke
Krawatten trugen: „Ein Geier ist immer noch ein Geier.“
Wir alle haben sie kennen gelernt.
Before granting interviews, Jim would ask me to take the
person who wanted to interview him out for lunch and evaluate
them. And if I thought they were cool, he would do the interview.
Bevor er jemandem ein Interview gewährte, bat Jim mich,
mit der Person Mittagessen zu gehen und sie zu begutachten.
Und wenn ich der Meinung war, sie waren cool, dann machte
er das Interview.
JLK:
Was it easy to work with him?
War es leicht mit ihm zu arbeiten?
Leon
Barnard:
Yes. In most cases Jim was very cooperative...in large measure
because he wanted to help me perform my duties--and again,
because he trusted my judgment. There were times though
when maybe a few too many drinks made my representation
a bit difficult. But even now as I look back on it, it was
part of the program; being a “Man Friday” to
a genius poet, wasn’t always easy, but worth it.
Ja. In den meisten Fällen war Jim sehr kooperativ …
in großem Maße weil er mir dabei helfen wollte,
meine Pflichten zu erfüllen – und eben auch,
weil er meinem Urteil vertraute. Es gab jedoch auch Zeiten,
wo vielleicht ein paar Drinks zu viel meine Aufgabe etwas
schwierig machten. Aber wenn ich jetzt darauf zurückblicke,
gehörte das einfach dazu, ein „Freitag“
[als Gegenpart zu Robinson Crusoe] für einen genialen
Poeten zu sein, war nicht immer einfach, aber es war es
wert.
JLK:
How did you personally perceive the person Jim Morrison?
Wie hast du persönlich Jim Morrison als Person wahrgenommen?
Leon
Barnard:
In those days I didn’t think much about it; I accepted
Jim at face value, just as I did anyone else. I don’t
recall ever having analyzed what he was about. To me he
was just Jim Morrison, and I think that’s probably
why we were able to be friends. I was a fineart painter
and pen & ink cartoonist, and I wrote “Terrible
Parables.” And Jim admired and respected my talent
as much as I did his.
Damals habe ich nicht viel darüber nachgedacht; ich
habe Jim für bare Münze genommen, wie auch jeden
anderen. Ich kann mich nicht einmal daran erinnern, darüber
nachgedacht zu haben, was er für einer war. Für
mich war er einfach Jim Morrison, und ich denke, wahrscheinlich
konnten wir deswegen Freunde sein. Ich war ein Kunstzeichner
und Cartoonist, der mit Feder und Tinte arbeitete, und ich
schrieb „Schreckliche Parabeln“. Und Jim bewunderte
und respektierte mein Talent genauso sehr wie ich seines.
JLK:
When you talked to him, did you really feel these special
magic vibrations they always talk about?
Wenn
du mit ihm sprachst, hast du dann diese besonderen magischen
Vibrations gefühlt, über die man immer hört?
Leon
Barnard:
The very unique thing about Jim Morrison was, he listened.
And then he thought. And while he was thinking, he would
close his eyes seeking his truest answer. This was sometimes
perceived (by the ignorant) to be “weird.” It
was not. When you got Jim’s answer to any question,
it was an original answer...his very own opinion. He was
not an automaton who had been programmed by TV. In fact,
on more than one occasion I have heard him say, “I
cannot be hypnotized.”
Das Einzigartige an Jim Morrison war, dass er zuhörte.
Und dann dachte er. Und während er nachdachte und die
beste Antwort suchte, schloss er die Augen. Dies haben (Unwissende)
manchmal als „sonderbar“ wahrgenommen. Es war
es nicht. Wenn man Jims Antwort auf irgendeine Frage bekommen
hat, dann war es seine Original-Antwort .. seine eigene
Meinung. Er war kein durchs Fernsehen programmierter Automat.
Tatsächlich habe ich ihn mehr als einmal sagen hören:
„Ich kann nicht hypnotisiert werden.“
Why? In my opinion, because he had, an opinion, which was
not subject to the whimsy of others; a strong, intelligent
mind that could not be put to sleep and convinced of anything
he had not already evaluated.
Warum? Meiner Meinung nach weil er eine Meinung hatte, die
nicht von den Launen anderer abhing, einen starken und intelligenten
Verstand, der nicht schlafen gelegt und von irgendetwas
überzeugt werden konnte, das er nicht geprüft
hatte.
After he collapsed backstage in Amsterdam from an overdose
of hashish (eaten) and washed down with whiskey, I visited
him the next day in the hospital. He sat up in bed with
crystal clear blue eyes sparkling, and rosy cheeks looking
like a picture of well being suitable for the cover of any
health magazine. The doctors insisted on keeping him there
for an extra day, and he requested some chewing gum and
a Playboy magazine. When I told him about my own experience
in a hospital, he looked at me with the kind of “special
intensity” you’re asking about, and I felt right
then and there that he was reading me on inner levels.
Nachdem er in Amsterdam wegen einer Überdosis (gegessenen)
Haschisch kollabiert war, das er mit Whiskey heruntergespült
hatte, besuchte ich ihn am nächsten Tag im Krankenhaus.
Er saß aufrecht im Bett mit klaren, funkelnden blauen
Augen und rosigen Wangen, wie ein Bild des Wohlergehens,
das als Titelmotiv für jedes Gesundheitsmagazin geeignet
gewesen wäre. Die Ärzte bestanden darauf, ihn
noch einen weiteren Tag dazubehalten, und er bat um etwas
Kaugummi und einen Playboy. Als ich ihm von meinen eigenen
Erfahrungen in einem Krankenhaus erzählte, sah er mich
mit einer Art „besonderen Intensität“ an,
nach der du fragst, und in dem Moment habe ich gefühlt,
das er in meinem Innern las.
In all honesty, hoping not to sound too ‘schmaltzy,’
I do feel Jim had a heightened sense of perception, and
I’m not at all too sure that LSD consumption had “everything”
to do with it. I do know from my own experience, that when
people ask me where I get all of my, ideas, I tell them,
“it must’ve been that acid I dropped in the
sixties.” (You may draw your own conclusions :o) But
keep in mind, Jim Morrison’s IQ was 149. That, in
itself, is high-voltage mental power when conscientiously
projected.
Ehrlich, ich hoffe, das klingt nicht zu schmalzig, ich glaube
Jim hatte eine gesteigerte Wahrnehmungsfähigkeit, und
ich bin mir nicht zu sicher, dass das „nur“
am LSD-Konsum lag. Ich weiß aus eigener Erfahrung,
dass ich antworte, wenn Leute mich fragen, woher ich all
meine Ideen bekomme: „Das muss am Acid liegen, das
ich in den Sechzigern geschluckt habe.“ (Du mögest
daraus deine eigenen Schlussfolgerungen ziehen :o) Aber
denke daran, Jim Morrisons IQ lag bei 149. Das für
sich genommen ist schon eine mentale Kraft mit hoher Spannung,
wenn sie gewissenhaft projiziert wird.
JLK:
Did he really influence or even intimidate other people
because of this charisma?
Hat er wirklich andere Menschen durch sein Charisma beeinflusst
oder sogar eingeschüchtert?
Leon
Barnard:
Intimidate? Only those who are jealous feel intimidated.
I think most other people were inspired by his energy. I
didn’t write poetry until I met Jim Morrison.
Eingeschüchtert? Nur diejenigen, die neidisch sind,
fühlen sich eingeschüchtert. Ich denke, die meisten
anderen Menschen wurden durch seine Energie inspiriert.
Ich habe keine Gedichte geschrieben, bevor ich Jim Morrison
getroffen habe…
JLK:
What’s the moment of time you spent with Jim which
you like the best to think back to?
An welchen Moment, den du zusammen mit Jim verbracht hast,
denkst du am liebsten zurück?
Leon
Barnard:
Because writers had been comparing Jim Morrison to a young
Marlon Brando, he, Pam and I went to see “Streetcar
Named Desire” by Tennessee Williams at the movies
in New York City, more or less to see if there were any
similarities. Jim fell asleep at the beginning of the movie
so Pam and I watched it together.
Da Autoren damit begonnen hatten, Jim Morrison mit dem jungen
Marlon Brando zu vergleichen, gingen er, Pam und ich in
New York City ins Kino, um „Streetcar Named Desire”
[Endstation Sehnsucht] von Tennessee Williams anzusehen,
mehr oder weniger um zu schauen, ob es irgendwelche Ähnlichkeiten
gab. Jim schlief am Anfang des Films ein, daher sahen ihn
Pam und ich zusammen.
Months later I was housesitting for Ray and Dorothy while
they were on holiday, and Jim and Pam came over for dinner,
and to watch “Streetcar” on the telly. Jim fell
asleep again at the beginning of the movie, and to this
day I’m not sure if he ever got a chance to see that
movie.
Monate später passte ich auf das Haus von Ray und Dorothy
auf, während sie im Urlaub waren, und Jim und Pam kamen
zum Abendessen und um „Streetcar“ im Fernsehen
zu sehen vorbei. Jim schlief wieder zu Anfang des Films
ein, und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob er je die
Gelegenheit hatte, diesen Film zu sehen.
But that evening we listened to classical music, put a fire
in the fireplace, and just chilled comfortably like children
drinking hot chocolate. No “superstars” were
allowed at our little threesome party, and it is a fond
moment for me to remember. Thanks for asking.
Aber an diesem Abend hörten wir klassische Musik, zündeten
ein Feuer im Kamin an, und machten es uns einfach gemütlich
wie Kinder, die heiße Schokolade trinken. Keine „Superstars“
hatten Zutritt zu unserer kleinen Dreierparty, und es ist
ein schöner Moment für mich, um mich daran zu
erinnern. Danke für die Frage.
JLK:
In which mental state was he in when you met him the last
time?
In welchem psychischen Zustand war er, als du ihn das letzte
Mal getroffen hast?
Leon
Barnard:
To answer this question I’ll quote an excerpt from
page 159 of my book: “Months later Jim and I had lunch
together three weeks before his flight to Paris where he
eventually disappeared. We talked about his trial of tribulation
and the probability of serving several years behind bars
in the slammer. During the conversation he touched lightly
on his thoughts for the future and mentioned the possibility
of a change in identity. We joked about his putting on blackface
and going underground ‘incognegro,’ but that
was just because we couldn’t resist the play on words,
and it had absolutely nothing to do with anything racial
- just facial. He expressed a desire to drop the role of
teen idol and so-called “Superstar” performer
altogether - and, having had it with Hollywood hype, he
wanted to get on with perfecting his life by performing
his art; anonymously, if necessary, incognito for freedom
and survival.
Um diese Frage zu beantworten, zitiere ich einen Ausschnitt
aus meinem Buch auf Seite 159: “Monate später
aßen Jim und ich zusammen zu Mittag, drei Wochen vor
seinem Flug nach Paris, wo er schließlich verschwand.
Wir sprachen über seinen Prozess und die Möglichkeit,
mehrere Jahre im Knast hinter Gittern zu verbringen. Während
des Gesprächs streifte er auch seine Zukunftsgedanken
und erwähnte die Möglichkeit, seine Identität
zu wechseln. Wir machten Witze darüber, wie er schwarze
Schminke auftragen und „inkognegro“ in den Untergrund
gehen würde, aber das war nur, weil wir dem Wortspiel
nicht widerstehen konnten und es hatte überhaupt nichts
mit Rassismus zu tun – nur das Gesicht betreffend.
Er sprach den Wunsch aus, die Rolle des Teenie-Idols und
so genannten Superstar Künstlers komplett aufzugeben
und – da er die Nase vom Hollywood Rummel voll hatte
– wollte er sein Leben vervollkommnen, indem er seiner
Kunst nachging; anonym, wenn notwendig, inkognito um der
Freiheit und des Überlebens Willen.
When lunch and conversation were over we parted as friends
sometimes do when they sense they may never again see each
other. After shaking my hand, warmly, he sauntered his way...and
I went mine. But before departure he gave me one final choice
of napkin-scribbled words which I shall now write, and ask
that you recite, distinctly:
Nach dem Essen und dem Gespräch brachen wir auf, wie
Freunde es manchmal tun, wenn sie spüren, dass sie
sich vielleicht nie wieder sehen werden. Nachdem er warmherzig
meine Hand geschüttelt hatte, schlenderte er seines
Weges … und ich ging den meinen. Aber vor seinem Aufbruch
gab er mir eine letzte Auswahl von Wörtern, auf eine
Serviette gekritzelt, die ich nun schreiben werde und dich
bitte deutlich vorzutragen:
The
man who travels cross-country
in a caravan of One,
is always alone in unfamiliar places...
where he is no longer a general
to anyone in particular.”
Der
Mann, der kreuz und quer durchs Land reist
in seinem Wohnwagen,
ist immer allein an unbekannten Orten…
wo er kein General mehr ist
für irgendjemanden im Besonderen.“
Does
that answer your question? Good vibes, a sense of a final
“good-bye,” mixed with a mysterious sense of
nostalgia that said, “See’ya later?”
Beantwortet das deine Frage? Gute Vibrations, eine Art endgültiges
“Good-bye”, gemischt mit einem mysteriösen
nostalgischen Gefühl, das da sagte „Bis später“?
Note of clarification: The above “Terrible Parable”
(poem) is in fact, one of my own... not written by Jim Morrison...
although it was written by me “in the spirit”
of Jim Morrison.
Zur Klarheit: Die obige „schreckliche Parabel”
(Gedicht) ist in Wirklichkeit von mir, nicht geschrieben
von Jim Morrison … obwohl ich sie „im Geiste“
von Jim Morrison geschrieben habe.
JLK:
What do you think about Jim today? Which remembrances have
lasted? What has
disappeared with the death of Jim?
Was denkst du heute über Jim? Welche Erinnerungen sind
geblieben? Was ist mit dem Tod von Jim verschwunden?
Leon
Barnard:
After 30 (some odd) years of being away from it all, and
since I’ve been signing-on to various Jim Morrison’s
fans’ websites recently, I’d say my level of
appreciation has increased significantly. It’s something
I just haven’t thought about much in all these years,
but now it seems relevant to my situation. Publishing my
book has drawn Jim’s spirit closer to me, and in some
sense I can better understand why so many people worldwide
absolutely love him. I don’t see Jim Morrison as a
God, but maybe a “prince among men.” Poetry
speaks to the soul, and I’m just grateful there are
potentially millions of listeners: Waiting for an echo?
Mit (etwa) 30 Jahren Abstand und nachdem ich mich in letzter
Zeit bei mehreren Jim Morrison Fan-Websites eingeschrieben
habe, würde ich sagen, dass meine Wertschätzung
deutlich zugenommen hat. Es ist etwas, über das ich
in all diesen Jahren nur nicht viel nachgedacht habe, aber
nun scheint es für meine Situation wichtig zu sein.
Dass ich mein Buch veröffentlicht habe, hat mir Jims
Geist näher gebracht, und in gewisser Hinsicht kann
ich nun besser verstehen, warum ihn so viele Menschen in
aller Welt absolut lieben. Ich sehe Jim Morrison nicht als
Gott, aber vielleicht als „Prinz unter Menschen“
[großartigen Menschen]. Dichtung spricht die Seele
an, und ich bin einfach dankbar, dass es Millionen von möglichen
Zuhörern gibt: Waiting for an echo? [Warten auf ein
Echo?]
Which remembrances have lasted? “In my memory...Jim
Morrison did not die, he just stopped harassing, house security
and other passersby.”
Welche Erinnerungen sind geblieben? In meiner Erinnerung
… starb Jim Morrison nicht, er hörte nur damit
auf, dem Sicherheitsdienst und anderen Vorübergehenden
auf die Nerven zu gehen.
Disappeared with his death? Only his physical body.
Mit seinem Tod verschwunden? Nur sein Körper.
JLK:
Would you also write your biography like Danny Sugarman
did?
Würdest du auch eine Biographie schreiben wie Danny
Sugarman?
“Living
by Coincidence,” is the story of my life, but it has
little to do with The DOORS. Moreover, it is an autobiography
of how I live my existence...although it does have a segment
about the “coming-together-of-cycles” that married
me to The DOORS. ...a perfect accident that was bound by
circumstance to happen.
„Living
in Coincidence“ ist die Geschichte meines Lebens,
aber hat wenig mit den DOORS zu tun. Darüber hinaus
ist es eine Autobiographie darüber, wie ich meine Existenz
lebe … obwohl es einen Abschnitt über das „Zusammenkommen
von Kreisen“ gibt, das mich mit den DOORS verheiratete
… ein perfekter Zufall, der wegen der Gegebenheiten
so eintreffen musste.
©
Leon Barnard 2004
© J. Bamberg 2004
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Leon Barnard mit den DOORS und Crew im Tourbus
Part
Two
16. November 2004
Jim’s
career and his view of the world:
Jims
Karriere und sein Blick auf die Welt
JLK:
Why, in your opinion did Jim Morrison lead the life he did?
And why did he die so young? What could have kept him alive?
Warum hat Jim Morrison deiner Meinung nach das Leben geführt,
das er führte? Und warum ist er so jung gestorben?
Was hätte ihn am Leben halten können?
Leon
Barnard:
I think “life” is a driving force that pushes
us around sometimes where we don’t even want to go.
In my opinion the choices we make depend on the opportunities
that are presented to us, and what we decide to do with
them. If I were to guess, I’d say Jim just followed
the flow of what was very much a part of his destiny...writing
poetry along the way...realizing he had to become a Hollywood
icon in order to get more people worldwide to read and then
remember him. And his trip was not an ego trip; it was more
like a report card he’d send home to his real family:
“You and Me.”
Ich denke, das „Leben” ist eine Antriebskraft,
die uns manchmal irgendwohin schubst, wo wir gar nicht hinwollen.
Meiner Meinung nach hängen die Entscheidungen, die
wir treffen, von den Gelegenheiten ab, die uns angeboten
werden, und davon, was wir beschließen mit ihnen zu
tun. Wenn ich raten sollte, würde ich sagen, Jim folgte
einfach dem Strom dessen, was viel seines Schicksals ausmachte
… unterwegs Gedichte schreiben … feststellen,
dass er ein Hollywood-Symbol werden musste, um Menschen
auf der ganzen Welt dazu zu bringen, ihn zu lesen und zu
erinnern. Und diese Reise war kein Egotrip; es war mehr
ein Zeugnis, das er seiner echten Familie schickte: „Dir
und Mir.“
And why did he die so young? Over indulgence. Walking a
tight rope without a safety net, to tempt life from no longer
happening...at least in the physical sense of the word.
And he died young so he could graduate “to the land
of legends and other places of projected rumour,”
and meet up with Marilyn Monroe, Elvis, John Kennedy, and
Lennon, and all the others who have lived fully to earn
that status.
Und warum starb er so früh? Übertriebener Genuss.
Er lief ohne Sicherheitsnetz über ein gespanntes Seil,
verleitete das Leben dazu, nicht länger stattzufinden
… zumindest im physischen Sinn des Wortes. Und er
starb jung, um ins „Land der Legenden und anderen
Orten gezielter Gerüchte“ zu gelangen, und um
Marilyn Monroe, Elvis, John Kennedy und Lennon dort zu treffen,
und all die anderen, die aus dem Vollen gelebt haben, um
diesen Status zu verdienen.
What could have kept him alive? “Time passed future
opportunity,” and Jim got drafted into the Great Unknown.
Bummer. But glory hallelujah too! Look at how much love
he’s garnered since then.
Was hätte ihn am Leben halten können? „Die
Zeit ist an zukünftigen Möglichkeiten vorbeigegangen,“
und Jim wurde ins große Unbekannte gezogen. Mist.
Aber auch ein herrliches Halleluja! Sehe doch wie viel Liebe
er seitdem gesammelt hat.
JLK:
Did Jim really believe in the role of a shaman? Did he have
contact to Indians? Did he ever talk about the situation
of the native Indians in the United States?
Hat Jim wirklich an die Rolle des Schamanen geglaubt? Hatte
er Kontakt zu Indianern? Hat er jemals über die Situation
der Indianer in den Vereinigten Staaten gesprochen?
Leon
Barnard:
Dunno, for sure, but I expect he took the role of a “medicine-man-rock-star,”
somewhat seriously...in a theatrical kind of way. Wasn’t
there something written about his wanting to cure the “sexual
neurosis” of “the crowd?” I never really
discussed it with him. I was just a spectator at the show...”shaking
my own tail feathers.”
Weiß nicht, aber ich nehme an, er hat die Rolle des
“Medizinman-Rockstars” irgendwie Ernst genommen
… in einem theatralischen Sinne. Wurde nicht einmal
geschrieben, er wolle die „sexuelle Neurose der Masse“
heilen? Ich habe das nie wirklich mit ihm diskutiert. Ich
war nur ein Zuschauer der Show … „und habe mit
meinen eigenen Schwanzfedern gewedelt.“
Contact with Indians, or talk about their situation? Not
with me.
Kontakt zu Indianern oder über ihre Situation gesprochen?
Nicht mit mir.
JLK:
What do you know about Jim’s interest in politics?
Was weißt du über Jims Interesse an Politik?
Leon
Barnard:
Not much. I was too naive and uninterested in real politics
in those days to care. But the difference between us would’ve
been that he was interested in “tearing it all down”
to rebuild it again, and I leaned more to the “love
and make love” idea of passive and peaceful change.
In my last conversation with Jim, he said that he no longer
subscribed to a physical revolution - rather, a gradual
infiltration into the system to systematically change it
from within.
Nicht viel. Ich war damals zu naiv und uninteressiert an
realer Politik um darauf zu achten. Aber der Unterschied
zwischen uns wäre gewesen, dass er ein Interesse daran
hatte „alles niederzureißen“ um es wieder
aufzubauen, und ich neigte mehr zu der „Love and make
Love“ Idee eines passiven und friedlichen Wandels.
In meiner letzten Unterhaltung mit Jim sagte er, dass er
keine physische Revolution mehr unterstützen würde
– eher ein graduelles Einwandern in das System, um
es systematisch von innen zu verändern.
JLK:
Did he really care about politics or have people just used
him as a political figure?
War ihm Politik wirklich wichtig oder haben ihn die Leute
nur als politische Figur benutzt?
Leon
Barnard:
A self-described “erotic politician,” my guess
would be that his political interests were informal; maybe
more individual, like the person who writes letters to editors
of newspapers to exercise his or her right to speak and
thereby influence the opinion of others. Jim wrote verse
and screamed his message loud & clear on stage.
Er beschrieb sich selbst als “erotischen Politiker”,
ich schätze sein politisches Interesse was informell;
vielleicht eher individuell, wie bei jemandem der Leserbriefe
an Zeitungen schreibt, um von seinem Recht auf Meinungsäußerung
Gebrauch zu machen und dadurch die Meinung anderer zu beeinflussen.
Jim schrieb Verse und schrie seine Botschaft laut und klar
von der Bühne.
JLK:
What do you think, Jim’s retreat from The DOORS was
serious, sure, but was it meant as temporary downtime or
forever? Do you believe it was Jim’s intention to
stay in Paris and live the life of a poet?
Was denkst du, Jims Rückzug von den DOORS war natürlich
Ernst, aber sollte e seine vorübergehende Auszeit sein
oder für immer? Glaubst du, es war Jims Absicht, in
Paris zu bleiben und das Leben eines Schriftstellers zu
führen?
Leon
Barnard:
It is my understanding that The DOORS had fulfilled all
their contracts, and this was Jim’s opportunity to
free himself from any further obligation. And what I heard
him say was, “The DOORS will always be The DOORS,”
and they would come together from time to time to create
and make more music. The love was still there, he just didn’t
want “to be under contract.”
Meinem Verständnis nach hatten die DOORS alle ihre
Verträge erfüllt, und das war Jims Gelegenheit,
sich von jedweder weiteren Verpflichtung zu befreien. Und
ich habe ihn sagen hören: „Die DOORS werden immer
die DOORS sein“, und sie würden von Zeit zu Zeit
zusammenkommen, um mehr Musik zu erschaffen und zu machen.
Die Liebe war noch immer da, er wollte nur nicht „unter
Vertrag sein“.
Before going to Paris, Jim had talked with me about cutting
his hair, changing his attire, transforming himself and
moving on to the next phase of his existence; which included
marrying Pam and writing screenplays for movies...and maybe
even directing them.
Bevor er nach Paris ging, sprach Jim mit mir darüber,
sein Haar zu schneiden, seine Kleidung zu verändern,
sich zu verwandeln und zur nächsten Phase seiner Existenz
zu schreiten; was beinhaltete, Pam zu heiraten und Drehbücher
für Spielfilme zu schreiben … und vielleicht
sogar dabei Regie zu führen.
“A
thing cut off from itself becomes endlessly its own,”
(paraphrasing Jim) and to me this was a natural transition
for the butterfly to spread his artistic wings and fly!
„Etwas,
das von sich selbst abgeschnitten wird unendlich etwas eigenes“,
(um Jims Worte zu umschreiben) und für mich war dies
der natürliche Übergang des Schmetterlings, der
seine künstlerischen Flügel ausbreitete und flog!
JLK:
Once he said that with 27 years he was too old to live the
life of a rock star. What did he want to say by this?
Er sagte einmal, dass er mit 27 Jahren zu alt sei, um das
Leben eines Rockstars zu führen. Was wollte er damit
sagen?
Leon
Barnard:
Jim was aware that the majority of people who bought concert
tickets and listened to DOORS music, were young teenyboppers,
and not the sophisticated crowd he’d hope to entertain
with his poetry. Actually we did talk about it, and he said
that the longevity of a rock band was approximately 5 years,
and that he felt a bit more mature than his teenage audience,
and was ready to move on. At age 27, Jim was beginning to
mature out of his rock and roll daze, i.e., youthful confusion.
To regain his strength he needed change; anonymity mostly,
and solitude.
Jim war bewusst, dass die Mehrheit der Leute, die Konzerttickets
kauften und DOORS-Musik hörten, junge Teenager waren,
und nicht die anspruchsvolle Masse, die er mit seiner Dichtung
zu unterhalten hoffte. Er hat tatsächlich darüber
gesprochen und sagte, dass die Lebensdauer einer Rockband
etwa 5 Jahre war, und dass er sich etwas erwachsener fühlte
als seine Zuhörer im Teenageralter, und dass er bereit
war, weiterzugehen. Mit 27 Jahren begann Jim, aus seiner
Rock and Roll Betäubung herauszuwachsen, das heißt,
aus seiner jugendlichen Verwirrung. Um seine Kraft wiederzugewinnen,
brauchte er Wandel, vor allem Anonymität, und Einsamkeit.
The
DOORS Today:
Die
DOORS heute:
JLK:
What do you think about the D21C? John Densmore once said:
“The DOORS, that’s Jim, Ray, Robby, and John.”
What’s your opinion on this?
Was denkst du über die D21C? John Densmore hat einmal
gesagt: „Die DOORS, das sind Jim, Ray, Robby und John.“
Was ist deine Meinung hierzu?
Leon
Barnard:
I agree with John. “The secret of good eating is knowing
when to stop,” is what Jim Morrison used to say. Personally,
I liked it when John, Robby, and Ray became: “Other
Voices.” I had hoped more would come of this. And,
I like it when other singers sing DOORS’ songs...but
why do they have to try and look like Jim? or copy his antics?
I’d like to see a German-blond-Tarzan-looking guy
sing “Light My Fire,” but put his own spin on
it. (maybe in English though?) Or an awesome-looking black
chick from South Africa adding her own touch to the music.
Et cetera. That, for me, would be real entertainment.
Ich stimme John zu. „Das Geheimnis guten Essens besteht
darin, zu wissen, wann man aufhört“, sagte Jim
Morrison immer. Mir persönlich gefiel es, als aus John,
Robby und Ray „Other Voices“ [„Andere
Stimmen“, der Titel der ersten LP nach Jim] wurden.
Ich hatte gehofft, daraus würde sich mehr ergeben.
Und ich mag es, wenn andere Sänger DOORS-Songs singen
… aber warum müssen sie versuchen, so wie Jim
auszusehen? Oder seine Mimik zu kopieren? Mir würde
es gefallen, einen Typen, der wie ein blonder deutscher
Tarzan aussieht, zu hören, wie er „Light my Fire“
singt, aber dem Lied seinen eigenen Drall gibt (vielleicht
trotzdem auf Englisch?) Oder eine atemberaubend aussehende
junge Schwarze aus Südafrika, die der Musik ihren eigenen
Touch gibt. Und so weiter. Das wäre für mich echte
Unterhaltung.
JLK:
What do you think about the movie by Oliver Stone? In your
opinion, is Jim Morrison shown in the this film in a correct
or in a biased way?
Was denkst du über den Spielfilm von Oliver Stone?
Wird Jim Morrison in diesem Film deiner Meinung nach richtig
oder verzerrt gezeigt?
Leon
Barnard:
Actually, I was very impressed with Val Kilmer’s performance
in The DOORS movie, and when I met with him to offer “character
advice,” he seemed to be perfect for the part. And
even though Oliver Stone was rude to me during our, meeting,
I think he did a fairly good job of capturing some of the
essence of what I had witnessed “live” 20 (some
odd) years before. My main disagreement is a popular one:
Why not put on film the intelligent and poetic genius side
of Jim Morrison too, that so many people --worldwide--are
hungry for? I’d say 75% of the movie was accurate...the
rest: Pure Oliver Stone.
Ich war tatsächlich beeindruckt von Val Kilmers Auftritt
in dem DOORS-Film, und als ich ihn traf, um ihn zu dem Charakter
zu beraten, erschien er mir perfekt für die Rolle.
Und obwohl sich Oliver Stone mir gegenüber während
unserem Treffen gemein verhielt, denke ich, dass er eine
ziemlich gute Leistung erbracht hat, indem er Wesentliches
von dem eingefangen hat, das ich „live“ rund
20 Jahre zuvor beobachtet hatte. Mein zentraler Kritikpunkt
ist ein gängiger: Warum wurde in dem Film nicht auch
die intelligente und poetisch-geniale Seite von Jim Morrison
gezeigt, nach der so viele Menschen – weltweit –
hungern? Ich würde sagen, 75% des Films waren korrekt
… der Rest: reiner Oliver Stone.
Hopefully another movie will be made about Jim someday,
highlighting his genius as a poet, and especially as a person.
We need “Great Golden Copulations,” and more
evidence of his Humanity.
Hoffentlich wird über Jim eines Tages ein anderer Spielfilm
gedreht, der seine Genialität als Schriftsteller betont,
und vor allem die als Mensch. Wir brauchen „große
goldene Begattungen“ und mehr Beweise seiner Menschlichkeit.
JLK:
If Jim was still alive, what would he do? What would he
think about today’s music? Which style would he choose
for his own? Would he still be onstage if he had remained
healthy? And would he protest against today’s commerce
and the fast pace of life?
Wenn Jim noch am Leben wäre, was täte er? Was
würde er über die heutige Musik denken? Welchen
Stil würde er für seine eigene wählen? Wäre
er noch auf der Bühne, wenn er gesund geblieben wäre?
Und würde er gegen den heutigen Kommerz und das schnelle
Leben protestieren?
Leon
Barnard:
Speculating based on our last conversation: I think Jim
would be writing and directing movies; possibly writing
novels too. Reading & writing. Acting? For some reason,
I don’t think so. When asked about other rock groups
in the 60’s, Jim said that he really didn’t
listen to other groups that much, and that his favourite
music was The DOORS. Sincerely. He liked classical music,
and singers like Frank Sinatra and Peggy Lee. (Have you
ever listened to Peggy Lee turn a phrase?)
Wenn ich mal aufgrund unseres letzten Gesprächs spekuliere:
Ich denke, Jim würde Filme schreiben und Regie führen;
vielleicht auch Romane schreiben. Lesen & schreiben.
Schauspielen? Aus irgendeinem Grunde denke ich das nicht.
Wenn man ihn nach anderen Rock-Gruppen der 60er fragte,
sagte Jim, dass er nicht so viel Musik anderer Gruppen hörte
und das die Musik der DOORS seine Lieblingsmusik war. Ehrlich.
Er mochte klassische Musik und Sänger wie Frank Sinatra
oder Peggy Lee. (Hast du jemals gehört, wie Peggy Lee
einen Satz umdreht?)
Today’s music? I don’t have a clue. If he were
alive to choose music, I think he’d let the music
choose him...whatever was singing a song inside his head.
Whether he’d be paired up with John, Robby, and Ray,
I’d say probably yes...the love will always be there...even
if there was fighting and disagreement. --But hey, that’s
rock n’roll, ain’t it?
Die heutige Musik? Ich habe keine Ahnung. Wenn er leben
würde und Musik auswählen könnte, denke ich,
dass er die Musik ihn auswählen würde …
was immer in seinem Kopf einen Song sang. Ob er mit John,
Robby und Ray zusammen wäre, ich würde sagen wahrscheinlich
ja … die Liebe wird immer da sein … selbst wenn
es Kämpfe und Meinungsverschiedenheiten gab. –-
Aber hey, das ist Rock ’n’ Roll, nicht war?
Onstage? Yes. Without a doubt I think Jim would like to
gather again with The DOORS and strut his stuff on stage!
Casually, without contract though, occasionally, for the
fun of it. It would be a new performance - original - in
its rebirth of times gone by. No recycled antics; fresh,
new-age Jim Morrison.
Auf der Bühne? Ja. Ohne jeden Zweifel denke ich, Jim
würde es gefallen, sich wieder mit den DOORS zusammenzutun
und sein Zeug auf der Bühne auszubreiten! Aber locker,
ohne Vertrag, hin und wieder, einfach um Spaß zu haben.
Es wäre eine neue Performance – ursprünglich
– in ihrer Wiedergeburt vergangener Zeiten. Keine
wieder aufbereiteten Fratzen, ein frischer, neuer Jim Morrison.
Commerce? Jim was never possessed by it in the first place.
He owned nothing...really...nothing...and therefore Nothing
owned him. He spent his money and he gave it away. The complete
existentialist got up and walked away from it all. No protest,
no nothing; just indifference to the greedy fat cats who
set out to market him.
Kommerz? Erstens wurde Jim nie davon beherrscht. Er besaß
nichts … wirklich ... nichts … und daher besaß
Nichts ihn. Er gab sein Geld aus und gab es weg. Der vollständige
Existenzialist stand auf und ging einfach von allem weg.
Kein Protest, einfach gar nichts; nur Gleichgültigkeit
den gierigen fetten Katzen gegenüber, die sich daran
machten, ihn zu vermarkten.
***
JLK:
Was Jim Morrison a religious person, and if so, do you know
which kind of religion he would have preferred?
War Jim Morrison ein religiöser Mensch, und falls ja,
weißt du, welche Art Religion er bevorzugt hätte?
Leon
Barnard:
“I believe in not believing in anything, although
I do believe in believing a little bit of everything,”
is my religion. Jim once said: “The complete extension
of an American is to become President; the complete extension
of the ego is to become God.” I’d guess Jim
Morrison believed in the Superhuman side of “Will
Power.” Un-denominational.
“Ich
glaube daran nichts zu glauben, obwohl ich daran glaube,
ein bisschen von allem zu glauben“, das ist meine
Religion. Jim hat einmal gesagt: „Die komplette Vollendung
eines Amerikaners ist es, Präsident zu werden; vollständige
Vollendung des Egos ist es, Gott zu werden.“ Ich schätze,
Jim Morrison glaubte an die übermenschliche Seite der
Willenskraft. Konfessionslos.
JLK:
Ray Manzarek once said: “Jim’s message was:
Every man is a God, every man is Jesus, every man is Buddha,
all you have to do is realize it.” An anagram of Jim’s
full Christian name, James Douglas, is: Lama Jesus God.
Did Jim ever talk about if he was seeing any deeper meaning
in anagrams of his name?
Ray Manzarek sagte einmal: “Jims Botschaft war: Jeder
Mensch ist ein Gott, jeder Mensch ist Jesus, jeder Mensch
ist Buddha, das einzige was du tun musst, ist es zu begreifen.”
Ein Anagram von Jims vollständigem Vornamen, James
Douglas, ist: Lama Jesus God. Hat Jim jemals darüber
gesprochen, ob er in dem Anagram seines Namens eine tiefere
Bedeutung sah?
Leon
Barnard:
Leon spelled backwards is: Noel. And in the opening line
of “Something About The Author” in my resume,
I begin with: “I was born in a manger,” but
I really wasn’t. It was more like a woodframe cottage
in the outskirts of Midland, Arkansas, 1940. And I’ve
never really delved into it very seriously - and in all
honesty, I’ve never had that conversation with Jim
either, so I don’t have an answer to this question.
Leon rückwärts buchstabiert ist: Noel. Und in
der ersten Zeile von „Etwas über den Autor“
in meinem Lebenslauf, schreibe ich: „Ich wurde in
einer Krippe geboren“, aber in Wirklichkeit wurde
ich es nicht. Es war eher ein Landhaus mit hölzernem
Rahmen am Stadtrand von Midland, Arkansas, 1940. Und ich
habe mich nie eingehend damit befasst – und ehrlich
gesagt habe ich darüber auch nie mit Jim gesprochen,
daher habe ich keine Antwort auf diese Frage.
JLK:
It is told that sometimes Jim vanished for a couple of days,
and that he was staying somewhere in the California mountains
then. Do you know if this was true, and, if so, where Jim
was going and what he was doing there? Might that be, in
some way, part of his life as a “shaman?”
Es wird erzählt, dass Jim manchmal für ein paar
Tage verschwand und dann irgendwo in den kalifornischen
Bergen war. Weißt du, ob das stimmt, und, wenn ja,
wohin Jim dann ging und was er dort machte? Könnte
es sein, dass das in gewisser Weise Teil seines Lebens als
„Schamane“ war?
Leon
Barnard:
Again, to tell you the truth, I think more has been placed
on Jim’s “shamanism” than it really deserves.
Personally I think it was part of a stage performance, and
maybe had something to do with Jim’s youth, living
in New Mexico for a while, and possibly absorbing some of
the traditions of the Native Americans there.
Noch einmal, um die Wahrheit zu sagen, ich denke, es wurde
mehr in Jims „Schamanismus“ hereingedacht als
da wirklich war. Ich persönlich denke, es war Teil
einer Bühnenshow, und hatte vielleicht etwas mit Jims
Jugend zu tun, als er eine Weile in New Mexiko lebte und
dort vielleicht einige der Traditionen der Indianer aufgesogen
hat.
When Jim disappeared he just disappeared. When he returned
we all greeted him knowing he’d been somewhere but
did not feel it important to ask him where or why. California
mountains? Marlin fishing with Babe Hill in Mexico? Out
of town with a fanmail groupie for the weekend? Lots of
possibilities, but I personally don’t think it was
anything mystical.
Wenn Jim verschwand, verschwand er einfach. Wenn er wiederkam,
begrüßten wir ihn und wussten, dass er irgendwo
gewesen war, aber es erschien nicht wichtig, ihn danach
zu fragen wo und warum. Kalifornische Berge? Speerfische
fischen mit Babe Hill in Mexiko? Das Wochenende über
mit einem Groupie raus aus der Stadt? Viele Möglichkeiten,
aber ich persönlich denke nicht, dass es etwas Mystisches
war.
JLK:
Did Jim practice shamanism in a regular way?
Hat Jim regelmäßig Schamanismus praktiziert?
I doubt it. Jim lived an unstructured, free-flowing life,
unattached to the formality of joining--or belonging--to
any religion. Shaman? He couldn’t even shake the maracas
in rhythm, so John, Robby, and Ray, would ask me to hide
them from him onstage before a concert. I think it was more
of a performance thing.
Das bezweifle ich. Jim lebte ein unstrukturiertes, frei
fließendes Leben, unabhängig von einer Mitgliedschaft
– oder Zugehörigkeit – zu einer Religion.
Schamane? Er konnte nicht einmal die Maracas im Rhythmus
schütteln, daher baten John, Robby und Ray mich, sie
auf der Bühne vor einem Konzert vor ihm zu verstecken.
Ich denke es war mehr eine Performance-Sache.
And if the complete extension of an American is to become
President, then I’d cast my vote for “The Shaman,”
“The Lizard King,” but I never saw him as a
God; to me he was just plain, “Jim Morrison.”
A laughtime friend.
Und wenn die vollständige Erweiterung eines Amerikaners
ist, Präsident zu werden, dann würde ich meine
Stimme für „Den Schamanen“, „Den
König der Eidechsen“ abgeben, aber ich sah ihn
nie als Gott; für mich war er ganz einfach „Jim
Morrison.“ Ein Freund.
Completed:
November 16, 2004
Fertig gestellt: 16. November 2004
©
Leon Barnard 2004
© J. Bamberg 2004
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